Ungeimpft und ungeliebt: So fühle ich mich als NICHT-Geimpfte

Ungeimpft und ungeliebt: So fühle ich mich als NICHT-Geimpfte
Ungeimpft und bald nur noch verstoßen? Ich versuche immer jeden zu verstehen, aber wer versteht mich? (Bild: picture alliance / Bildagentur-online/Blend Images | Blend Images/John Fedele)
WOCHENBLATT
Redaktion

Die Geimpften wettern auf eine Minderheit ungeimpfter, ungebildeter Impf-Gegner. Das ist zumindest eine gefühlte Wahrheit. Aber stimmt das auch so? Aktuell haben wir in Baden-Württemberg eine Impfquote von 65,7 Prozent (Stand: 15.11.21´, 8 Uhr). Ja, das sind viele. Aber diese Zahl besagt eben auch, dass 34,3 Prozent der Bewohner im Ländle nicht geimpft sind. Also mehr als ein Drittel. Damit befinden sich die Nicht-Geimpften zwar in der Minderheit aber sie stehen auch nicht allein auf weiter Flur. Doch wie geht es Ihnen damit?

Die persönliche Sicht einer Wochenblatt-Leserin

Uns vom Wochenblatt erreichen täglich viele E-Mails, Nachrichten auf Social Media und manchmal verirrt sich auch noch ein Brief zu uns. In einer Vielzahl von ihnen dreht es sich um das Thema Corona. Ums Impfen oder Nicht-Impfen. Unter diesen Schreiben war auch die persönliche Geschichte von Claudia H. (55)* aus Tettnang. Sie beschreibt, wie sie sich als Ungeimpfte unter Geimpften fühlt. Verrät, wovor sie Angst hat und erläutert ihre Beweggründe.

Ich bin nicht gegen Corona geimpft: Eine schwere Entscheidung

„Mein Partner ist geimpft. Ich bin es nicht. Damit könnte dieser Text hier eigentlich auch schon enden. Denn er beschreibt mein Dilemma. Es gibt bei den Geimpften ebenso wie bei den Nichtgeimpften zwei Arten: Die aggressiven und auf ihrem Standpunkt beharrenden und dann die, mit denen man normal reden kann und die Verständnis für die andere Seite zeigen.

Ich bin nicht geimpft und fühle mich als Ungeimpfte als Mensch zweiter Klasse. In der eigenen Familie, im Freundeskreis. Gesellschaftlich ausgestoßen. Von einem Verschwörungstheoretiker bin ich weit entfernt, ich habe nur einfach Angst vor dem, was der Impfstoff möglicherweise in meinem Körper alles auslösen kann und Panik vor Folgeschäden.“

Angst vor Corona

Ich bin mein ganzes Leben zum Heilpraktiker gegangen, habe meine drei Kinder nicht gegen jede Krankheit impfen lassen. Gegen einige aber schon. Nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiko. Natürlich habe ich Angst, mich an Covid mit einem schweren Verlauf anzustecken, aber ich bringe es einfach (noch!) nicht fertig, mir den Piks setzen zu lassen.

Freunde und Familie wenden sich ab

Die Luft in meinem Umfeld wird dünn und das Unverständnis wächst. Den andauernden Vorwürfen meines geimpften Partners halte ich tapfer stand, aber warum hacken so viele auf mir rum und warum bin ich plötzlich Mensch zweiter Klasse? Ich bin doch noch die gleiche Claudia wie vor Corona! Nur weil der entscheidende Eintrag im Impfheft fehlt, werde ich in eine Ecke gedrängt, bin verantwortungslos und es wird empfohlen, mich zu meiden. Hatten wir dieses Verhalten nicht schon mal vor über 80 Jahren?

Im Kampf gegen die vierte Corona-Welle gilt in Österreich seit Montag ein Lockdown für Ungeimpfte. Sie dürfen damit vorerst nicht mehr ohne Grund das Haus verlassen. Wie lange dauert es noch, bis Deutschland sich ebenfalls dazu entscheidet? Wie wird auf der Straße oder im Supermarkt kontrolliert, wer rechtens unterwegs ist? Müssen die Nichtgeimpften dann in Zukunft ein gut sichtbares Zeichen tragen und bekommen über kurz oder lang Essenrationen vor die Türe gestellt und werden sogar ausquartiert? Werden die Häuser kenntlich gemacht? Wie lange geht es noch, bis ein Nichtgeimpfter die Kosten bei einem Krankenhausaufenthalt selber zahlen muss, wenn die Krankenkassen damit drohen, Nichtgeimpfte nicht mehr zu versichern? Das macht mir Angst. Angst habe ich auch davor, wenn man seinen Nachbarn und Freunden nicht mehr trauen kann, weil man befürchten muss, von ihnen verraten zu werden, sollte ich mich in irgendeiner Form nicht gesetzestreu verhalten. Zum Beispiel vor die Tür gehen, obwohl ich keinen dringenden Grund habe.

Freundschaften zerbrechen

Eine meiner Freundinnen hatte mich erst kürzlich zu ihrer runden Geburtstagsfeier wieder ausgeladen. Zur Bestärkung ihres schlechten Bauchgefühls, bezüglich meiner Anwesenheit, hatte sie im Vorfeld alle Gäste telefonisch angerufen und Meinungen eingeholt. Resultat einstimmig: Ich wäre ein hohes Risiko für alle Gäste – ob mit oder ohne Schnelltest. Mir fiel es nicht schwer auf das Fest zu verzichten. Ich kenne meine Freundin schließlich und habe irgendwie damit gerechnet. Im Grunde hatte ICH auch Angst, mich auf engem Raum anzustecken, da unter den geladenen Geimpften keiner bereit gewesen ist, sich prophylaktisch einem Schnelltest zu unterziehen. Warum auch? Geimpfte sind sicher.

Im gesellschaftlichen Abseits

Ich bin aktives Mitglied im Sportverein und treffe mich wöchentlich mit einer Gruppe. Seit der 2G-Regel bin ich raus. Ganze zwei Mädels haben sich bisher gemeldet und gefragt, wie es mir geht. Ich dachte, dort viel mehr Freunde zu haben… Traurige Bilanz.

Corona spaltet Familien

Was mache ich, wenn sich meine Tochter entschließt, dass die „ungeimpfte Oma“ ihr heißgeliebtes Enkelkind nicht mehr sehen darf? Das wäre für mich sicherlich ein handfester Grund, mich doch für den Piks zu entscheiden. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang, Sehnsucht und Herzschmerz.

Zwischen Vorsicht und Unverantwortlichkeit

Dabei verhalte ich mich wirklich mit Vorsicht und Bedacht! Als die Coronatests noch kostenfrei waren, habe ich mich, obwohl ich im Homeoffice bin, fast täglich testen lassen. Ebenso habe ich Tests bezahlt und mich zusätzlich zuhause selbst getestet. Ich meide größere Menschenansammlungen, bin viel zuhause, trage immer eine Maske, gehe nicht zu Stoßzeiten zum Einkaufen, wechsle die Straßenseite, wenn mir auf dem Gehsteig zu viele Menschen entgegenkommen und wasche meine Hände sofort gründlich, sobald ich mein Heim betrete. Tun das die Geimpften auch?

Unverständnis von Geimpften

Spricht man sie darauf an, wird man ausgelacht. „Warum soll ich mich testen lassen und nicht auf den Wochenmarkt gehen? Ich bin doch geimpft. Die Tatsache, dass auch die Geimpften den Erreger übertragen können, braucht man mit vielen gar nicht erst zu diskutieren.

Wer ist hier verrückt?

Sicher gibt es auch Freundinnen und Bekannte, die Verständnis haben und mich so wie immer behandeln: Als keine Aussätzige. Es kommt aber auch immer wieder zu Situationen, die einfach nur weh tun. Da wird eine Bekannte das erste Mal Oma und ich freue mich mit ihr und möchte sie spontan, ohne groß darüber nachzudenken, drücken. Sie schreit spitz auf und sagt: „Ja bist du verrückt!?“ Ganz ehrlich: Ich weiß nicht mehr, wer verrückt ist. Und wer nicht.

*Claudia schreibt hier unter einem Pseudonym, weil sie Angst vor Anfeindungen hat.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns dazu entschieden, Claudias* Leserbrief zu veröffentlichen, um dazu beizutragen, eine Vielfalt an Meinungen zur Corona-Impfung abzubilden. Es handelt sich bei diesem Schreiben um die PERSÖNLICHE Meinung einer Wochenblatt-Leserin. Sie spiegelt NICHT die Einstellung unserer Mitarbeiter.