Umweltbundesamt: Weniger Nutztiere und Fleischkonsum  

Umweltbundesamt: Weniger Nutztiere und Fleischkonsum  
Das Umweltbundesamt spricht sich für weniger Fleischkonsum aus // Symbolbild. (Bild: sal73it/ iStock / Getty Images Plus)

Nach übereinstimmenden Pressemeldungen hat sich das Umweltbundesamt (UBA) für weniger Nutztiere in Deutschland sowie eine höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch ausgesprochen.

„Wirksamer Klimaschutz in der Landwirtschaft ist ohne eine schrittweise Reduzierung der Tierzahlen nicht möglich“, sagte UBA-Präsident Dirk Messner der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Mittwoch. Nötig sei ein Fahrplan, wie viele Nutztiere vor dem Hintergrund der Klimaschutzziele noch gehalten werden könnten – das würde auch Planungssicherheit für die Landwirte bedeuten. Dabei gehe es nicht nur darum, die Zahl von Rindern und Schweinen zu reduzieren, sondern auch um einen sinkenden Konsum tierischer Produkte, „wenn wir die Klimaziele in der Landwirtschaft erreichen wollen“.

Andernfalls werde das Fleisch, das nicht mehr hierzulande produziert werde, einfach aus dem Ausland importiert. Vor diesem Hintergrund sprach sich Messner für eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von derzeit sieben auf 19 Prozent bei tierischen Lebensmitteln aus. Zugleich müsse es bei pflanzlichen Lebensmitteln eine Absenkung geben.

Der Landesbauernverband (LBV) reagiert

Das Wochenblatt bat Horst Wenk, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Landesbauernverband (Referent Agrarpolitik/-struktur und Referent Milch nennen), um eine Einschätzung.

Umwelt-Ministerium: Emissionen durch Tierhaltung gering

Wenk ordnete den Anteil der Emissionen aus der Tierhaltung ein: „Der Anteil der baden-württembergischen Landwirtschaft an den gesamten baden-württembergischen Treibhausgasemissionen liegt bei 6 Prozent. Davon entfallen zwischen 40 und 45 Prozent auf die Tierhaltung (s. Monitoring-Kurzbericht 2020 des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg zum Klimaschutzgesetz Baden-Württemberg). Insgesamt entfallen also nur ca. 2,5 Prozent der baden-württembergischen Treibhausgasemissionen auf die Tierhaltung.“

Horst Wenk, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg.
Horst Wenk, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg. (Bild: Amstutz)

Deutlicher Rückgang bei den Tierzahlen

In seiner Stellungnahme verwies Wenk darauf, dass die Zahlen der Nutztiere in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren dramatisch zurückgegangen seien. Er verwies dabei auf die Entwicklung der beiden wichtigsten Nutztierkategorien (Schweinehaltung und der Rinderhaltung). Laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg veränderten sich die Zahlen in den letzten 40 Jahren wie folgt:

  • 1982: 2,2 Mio. Schweine, davon 280.000 Zuchtsauen
  • 2022: 1,35 Mio. Schweine (- 39 Prozent), davon 112.000 Zuchtsauen (- 60 Prozent)
  • 1982: 1,8 Mio. Rinder, davon 685.000 Milchkühe
  • 2022: 0,9 Mio. Rinder (-50 Prozent), davon 315.000 Milchkühe (- 54 Prozent).

Dies hat deutliche Auswirkungen auf die Selbstversorgung im Lande. Wenk dazu: „Die Selbstversorgungsgrade für tierische Lebensmittel ebenfalls auf ein historisch niedriges Niveau. Diese lagen im Jahr 2019/2020 für

  • Schweinefleisch bei 49 Prozent
  • Rind- und Kalbfleisch bei 58 Prozent
  • für Eier bei 26 Prozent
  • Geflügel bei 21 Prozent
  • Milch- und Milchprodukte bei 56 Prozent.“

Als Quelle führt Wenk „Agrarmärkte 2021, Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum, LEL“ an. Nach jüngsten Berechnungen sind, so Wenk, die aktuellen Selbstversorgungsgrade weiter gesunken. 

Folgen eines weiteren Abbaus

Bei einem weiteren Abbau der Tierhaltung in Baden-Württemberg, befürchtet Wenk dramatische Folgen für

  • die Nahrungsmittelsicherheit (Selbstversorgung mit regionalen tierischen Nahrungsmitteln ist schon jetzt nicht einmal annähernd möglich, s. o.)
  • eine von der Gesellschaft gewünschte ökologische Kreislaufwirtschaft (tierischer Dünger müsste durch chemisch-synthetischen Mineraldünger ersetzt werden)
  • die Erhaltung der Kulturlandschaft (Grünland kann nur über den Tiermagen verwertet/veredelt werden, ebenso bestimmte Pflanzenteile, die bei der Erzeugung von pflanzlichen Produkten für die Nahrungsmittelerzeugung anfallen) und
  • die Einkommen in der Landwirtschaft (aktuell stammt rund die Hälfte der Verkaufserlöse landwirtschaftlicher Produkte aus der Tierhaltung).

Treibhausgase: Nur geringes Einsparpotenzial

Nach seiner Überzeugung ist die Landwirtschaft selbstverständlich bereit, durch entsprechende Haltung und Fütterung die Emissionen, die aus der Nutztierhaltung entstehen, weiter zu verringern. Wenk weist aber auch darauf hin, dass unter Berücksichtigung des technischen Fortschrittes diesbezüglich und angesichts des aktuellen Anteils der Tierhaltung an den treibhausrelevanten Gasen, ein weiterer Abbau der Tierbestände um ein Viertel (wie in einem Gutachten für die Landesregierung empfohlen) gerade mal eine Einsparung von geschätzten 0,5 Prozent der baden-württembergischen Treibhausgase bedeuten würden.

Sein Fazit: „Angesichts des bereits sehr niedrigen Niveaus der Tierzahlen in Baden-Württemberg und der o. g. Folgen für Nahrungsmittelsicherheit, Kreislaufwirtschaft, Kulturlandschaft und landwirtschaftliche Einkommen würde die minimale Einsparung von Treibhausgasen durch einen weiteren Abbau der Tierbestände in keinem Verhältnis zu den – auch gesamtgesellschaftlich gesehen – negativen Folgen stehen.“

Mit Importen steigen die Treibhausgase

Wenk ist überzeugt, dass sich bei einem Abbau der Tierhaltung hierzulande auch der sogenannte Leakage-Effekt auswirkt: „Was oft nicht bedacht wird, durch das weitere Absinken der Selbstversorgungsgrade würden vermehrt tierische Produkte aus anderen EU- oder Drittländern importiert werden müssen. Der CO2-Fußabdruck je erzeugter Nahrungsmitteleinheit ist jedoch in vielen anderen Ländern deutlich schlechter als der von in Baden-Württemberg erzeugten Produkten. Man würde somit regional die Treibhausgasemissionen kaum senken, global gesehen würden sie dadurch aber sogar ansteigen.“

Einsparpotenziale: Verkehr und Haushalte haben mehr zu bieten

Aus Sicht von Wenk gibt es deutlich bessere Ansätze, um Treibhausgase zu minimieren: „Bei einem Anteil des Verkehrs an den Treibhausgasen des Landes von 33 Prozent, oder den privaten Haushalten von 17 Prozent (Zahlen aus 2022), gäbe es aus unserer Sicht weitaus sinnvollere und auch darstellbare Einsparpotentiale ohne die oben erwähnten negativen Effekte.