Schweinehaltung: Müller Fleisch und Landesbauernverband äußern sich

Vizepräsident Hans-Benno Wichert (LBV) und Stefan Müller (Geschäftsführer Müller Fleisch) äußerten sich zur Zukunft der Schweinhaltung.
Vizepräsident Hans-Benno Wichert (LBV) und Stefan Müller (Geschäftsführer Müller Fleisch) äußerten sich zur Zukunft der Schweinhaltung. (Bild: Steinkühler/Landesbauernverband )

Nach unserem Bericht zur Kündigung von Tierwohlverträgen (ITZW) durch Handel und Vermarkter hakten wir beim Landesbauernverband Baden-Württemberg (LBV) und Müller Fleisch (u.a. Ulmer Schlachthaus) nach.

Vizepräsident Hans-Benno Wichert vom Landesbauernverband Baden-Württemberg (LBV) und Stefan Müller, Geschäftsführer der Müller Gruppe (www.mueller-fleisch.de), stellten sich den Fragen von Wochenblatt.

Wie sehen die künftigen Verträge aus, enthalten sie noch Boni etc.?

Müller: Vertragsboni und Honorierung der Haltungsform sind nach wie vor zentrale Elemente unserer Verträge.

Für welchen Zeitraum werden die neuen Verträge abgeschlossen?

Müller: Es gibt eine allgemeine Dynamik in den ITW-Programmphasen und den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die einer regelmäßige Überprüfung bedürfen. Wir streben eine Laufzeit von mindestens einem Jahr an.

Planungssicherheit ist für die Landwirte existentiell. Wie soll diese erfolgen?

Müller: Wir streben an, dass wir von unserer Seite aus, abhängig von den oben genannten Rahmenbedingungen, dem Erzeuger die größtmögliche Sicherheit geben werden.

Wer finanziert die Kosten für das ITW, wenn der Handel als Co-Finanzier ausfällt?

Müller: Derjenige, der an der Ladentheke und in der Truhe höhere Haltungsformen auslobt und diese von der Produktionskette fordert, muss die entsprechenden Mehraufwendungen auch in Zukunft tragen.

Was kann der Bauernverband tun, damit auch in Zukunft die regionale Tierhaltung gewährleistet ist?

Wichert: Wir kämpfen auf allen Ebenen für die Zukunft unserer heimischen Landwirte. Letztendlich müssen aber die Konsumenten am Ende die entsprechenden Produkte im Laden kaufen. Ich verstehe zwar, dass viele Verbraucher durch die hohe Inflation zunehmend aufs Geld schauen müssen.

Um noch mehr Transparenz zu schaffen, wird es ab dem 1. Januar 2024 auf freiwilliger Basis einen Herkunftsstempel für landwirtschaftliche Erzeugnisse im Lebensmitteleinzelhandel geben. Dieses Ergebnis hat die Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft e. V. (ZKHL), in der auch der Deutsche Bauernverband beteiligt ist, letzte Woche verkündet. Das neue Zeichen steht dafür, dass die komplette Wertschöpfungskette, beim Schwein also von der Geburt bis zur Endverpackung des Fleisches, in Deutschland stattgefunden hat. Alle deutschen großen Lebensmitteleinzelhändler haben bereits eine Absichtserklärung unterschrieben, das Signet „Gutes aus Deutscher Landwirtschaft“ anzuwenden.

Was muss die Politik liefern, damit die Schweinehaltung wieder attraktiv wird?

Wichert: Wir fordern die Politik dazu auf, endlich die gemachten Versprechungen einzulösen und Perspektiven durch Planungssicherheit zu schaffen! Für den Umbau zu mehr Tierwohl brauchen wir Erleichterungen im Immissionsschutzrecht, um überhaupt die Chance zu haben, die Umbaupläne genehmigt zu bekommen. Eine EU-weit einheitliche Regelung für die Produktkennzeichnung fehlt ebenfalls. Wir sind der Auffassung, dass die Tierhaltungsstandards in ganz Europa auf ein entsprechendes Niveau angepasst werden müssen und nicht im nationalen Alleingang erfolgen können.

Das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz ist zwar inzwischen beschlossen, aber auch hier gibt es deutlichen Verbesserungsbedarf. Es müssen schnellstmöglich die Pläne auf den Tisch, wie die Schweinehaltung integriert werden kann und weitere Absatzwege, also Großabnehmer und Gastronomie, zur Kennzeichnung verpflichtet werden. Ich bin mir sicher, dass im Gastronomiebereich schon viele auf heimisches Fleisch setzen und auch hier hat in den letzten Jahren der Kostendruck immer weiter zugenommen. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir nun alle zusammenhalten und gemeinsam an einem Strang ziehen, damit wir auch in ein paar Jahren noch in der Dorfwirtschaft ein regionales Schweineschnitzel essen können.

Die Zucht wird im System offenbar völlig vergessen. Welche Anreize braucht es, damit die regionalen Ferkelerzeuger überleben können?

Wir als berufsständische Vertretung haben die Zucht sehr wohl im Blick! Die Schweinehalter haben in den letzten Jahren durch Corona schwer gelitten, gleichzeitig rücken die gesetzlichen Fristen immer näher, bis die Zuchtbetriebe Tierwohl-Umbaumaßnahmen vornehmen müssen. Für diese Maßnahmen fehlt jedoch die Planungssicherheit, um hier zu investieren. Um den Ferkelzüchtern noch eine Perspektive zu bieten, müssen sie schnellstmöglich in das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz mitaufgenommen werden, zudem braucht es auch eine Herkunftskennzeichnung.

Nur so kann der Verbraucher erkennen, woher sein Fleisch stammt und dann an der Ladentheke die bewusste Entscheidung treffen, die heimischen Tierhalter zu unterstützen. Von der Politik braucht es hier zusätzliche finanzielle Unterstützung in Form eines Sonderinvestitionsprogramms. Das bereits vorliegende Bundesförderprogramm ist ein Witz. Davon können nur wenige Betriebe profitieren. Zumal die Gewährung der Förderung an die aktuelle Haushaltslage gekoppelt ist und somit nicht dauerhaft zugesichert wird. Planungssicherheit geht anders!

Ist es sinnvoll, wenn die Eigenversorgung mit Schweinefleisch immer weiter absinkt und damit neue Abhängigkeiten vom Ausland geschaffen werden?

Müller: Gemeinsam mit den Bauerverbänden, der Politik Vermarktern und Erzeugerorganisationen setzt sich die Müller Gruppe seit Jahren für eine Stabilisierung der heimischen Produktion ein und hat dafür verschiedene Initiativen gestaltet, diese Produktion nachhaltig zu sichern.

Wichert: Natürlich ist es nicht sinnvoll. Für Deutschland liegt der Selbstversorgungsgrad mit Schweinefleisch zwar noch bei etwa 120 Prozent, allerdings trügt die Zahl, da wir vornehmlich die Edelteile essen, bei denen wir bereits jetzt nicht ausreichend versorgt sind. Blickt man nach Baden-Württemberg, ist die Lage schon jetzt dramatisch: Nach Schätzungen des Landesbauernverbandes liegt der Selbstversorgungsgrad hier nur noch bei 40 Prozent!

Dass Abhängigkeit von anderen Ländern sich durchaus negativ auswirken kann, mussten wir in den letzten Jahren leider immer wieder in anderen Bereichen feststellen. Aktuell zeigt sich die Problematik zum Beispiel ganz extrem bei Arzneimitteln, die nicht lieferbar sind.

Wird bei Import-Schweinen das Tierwohl in selbem Maße beachtet, wie bei uns?

Müller: Der Gesetzgeber gibt diesbezüglich keine klare Regulative für den Schweinfleischimport vor – es gibt keine europäische Regelung!

Wichert: Pauschal gesagt Nein. Deutschland hat in der EU mit die höchsten gesetzlichen Vorgaben im Bereich Tierwohl, von der Besamung der Sau bis hin zur Schlachtung. Zwar gibt es beispielsweise in Spanien durchaus Ställe, die nach den Kriterien unserer Haltungsformen 3 und 4, also Außenklima bzw. Premium, produzieren, allerdings sind die Rahmenbedingungen in Spanien völlig anders. Das Lohnniveau ist deutlich niedriger als bei uns, und andere Aspekte, wie Wasserknappheit und dadurch notwendiger Futtermittelimport, werden nicht berücksichtigt. Sowohl aus Tierwohl-, Umweltschutz- und auch Nachhaltigkeitsgründen würde ich immer deutsches Schweinefleisch bevorzugen.

Des Weiteren muss man bedenken, dass in anderen Ländern Tierwohl einen deutlich geringeren oder gar keinen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Eine Marktanalyse des Thünen-Instituts Anfang des Jahres hat unter anderem gezeigt, dass in anderen Ländern das Kriterium „Tierwohl“ kaum ein Kaufargument für die Konsumenten darstellt, sondern eher der Preis, der Geschmack und die Fleischqualität hier die entscheidenden Faktoren sind.