Corona hat dem Fahrradhandel bis zu 30 % mehr Umsatz beschert

Corona hat dem Fahrradhandel bis zu 30 % mehr Umsatz beschert
Derzeit kann man oft nur Fahrräder kaufen, die der Händler vorrätig hat. Meist handelt es sich dabei um Touren- und Citymodelle. (Bild: Wilfried Vögel)

Ukrainekrieg und hohe Benzinpreise haben sich noch nicht ausgewirkt

Seit Beginn der Corona-Pandemie erfährt die Radbranche eine überwältigende Nachfrage. Auf der anderen Seite ist von massiven Lieferengpässen der asiatischen Zulieferer die Rede. Noch nie zog der Fahrradkauf eine derart lange Wartezeit mit sich – auch die Preise steigen an. Der Preisanstieg beim Benzin als Folge des Krieges in der Ukraine hat sich aber beim Fahrradhandel noch nicht spürbar ausgewirkt.

Die Corona Krise hat den gesamten Fahrradmarkt vom Rennrad, über des Trekkingrad bis zum MTB beschleunigt und dem Handel das Wachstum beschert, dass sich normalerweise auf die nächsten drei bis fünf Jahre verteilt hätte. Die Pandemie hat eindeutig das Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit gesteigert.

Das Wochenblatt im Gespräch mit Ingo Jausovec, einem „Fahrradprofi“ und Inhaber eines alteingesessenen Fahrradladens in Lindau.

Wie schaut die Situation derzeit bei Ihnen in Ihrem Fahrradladen aus?

IJ: Corona hat uns ein Umsatzplus von rund 30 % beschert. Hat aber auch dazu geführt, dass wir aktuell große Lieferschwierigkeiten haben. Im Prinzip kann ich sagen, kaufen kann man zeitnah bei mir nur die Räder, die ich im Laden anbiete. Das sind in der Mehrzahl natürlich E-Bikes.

Was ist wenn jemand zu Ihnen mit Sonderwünschen kommt und sich eine ganz besondere Konfiguration seinen „Traumrades“ wünscht?

IJ: Den muss ich enttäuschen bzw. auf den Onlinehandel verweisen. Aber auch dort sind viele Produkte derzeit schlicht nicht lieferbar. Mit viel Glück gibt es die gewünschte Kombination irgendwo in Deutschland. Ansonsten sind Wartezeiten von rund acht Monaten bis zu einem Jahr durchaus üblich.

Mit welchen Folgen bei den Kunden?

IJ:  Das sorgt für Verdruss und Enttäuschung bei vielen Endverbrauchern, ist aber nicht zu ändern. Doch nicht nur die Endkunden sind die Leidtragenden. Händler und Großhändler können auch nichts für die teils ellenlangen Wartezeiten und Lieferverzögerungen.

Was sind nach Ihrer Meinung die Gründe?

IJ:  Die Gründe dafür sind vielschichtig: Covid-19 brachte die Lieferketten ordentlich durcheinander. Viele Firmen investieren in Heimarbeitsplätze, aktuelle Soft- und Hardware. Im Alltagsleben ist die Nachfrage an Rädern und Radzubehör durch Corona und dem damit verbundenen Natur-Boom quasi explodiert. Das alles hat in Summe zu einem Preisanstieg geführt.

Um Ersatzteile für Reparaturen zu bekommen, müssen Fahrradhändler wie Ingo Jausovec aus Lindau oft lange im Internet suchen
Um Ersatzteile für Reparaturen zu bekommen, müssen Fahrradhändler wie Ingo Jausovec aus Lindau oft lange im Internet suchen (Bild: Wilfried Vögel)

Was sind die Preistreiber?

IJ: Die Preise für Fracht und Logistik sind explodiert. Frachtkosten per Schiff sind zum Teil mit dem Faktor 20 gestiegen. Zudem gehen mancherorts die Container aus. Und was viele nicht wissen: Der weltweite Rückgang der Passagierflüge ist auch ein Problem, denn im Frachtraum vieler Jets befindet sich Luftfracht.

Wie reagieren die wichtigsten Zulieferer?

IJ: Einer der weltweit größten Zubehör-Lieferanten, Shimano aus Japan, beispielsweise (die produzieren z.B. Bremsen, Schaltungen, Tretlager, Zahnkränze usw.), hatte im zweiten Halbjahr 2020 einen höheren Output als je zuvor innerhalb von sechs Monaten und wird die Produktionskapazitäten 2021 noch einmal um das eineinhalbfache im Vergleich zu 2020 steigern. Dennoch blieb und bleibt das Angebot hinter der exorbitanten Nachfrage zurück, die auch 2021 im Fahrradmarkt herrscht.

Was hat die Pandemie sonst noch zur Folge gehabt?

IJ: Die Pandemie hat das Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit gesteigert. Der Trend zum Rad ist ein positiver Ausdruck davon.

Sie sagen, hochwertige Einzelteile sind das „neue Gold der Landstraße“. Warum?

IJ: Vor noch gar nicht allzu langer Zeit, wurde an einer Autobahnraststätte ein kompletter LKW mit hochwertigen Ersatzteilen für ca. 10.000 Räder professionell und gezielt ausgeraubt. Das hat in bestimmten Bereichen und speziell einen großen Lieferanten um fast ein Jahr zurückgeworfen. Zudem stehen viele Räder bei den Produzenten, können aber nicht ausgeliefert werden, weil Komponenten fehlen.

Sonderwünsche beim Fahrradkauf dauern meist bis zu einem Jahr. Mit einem Preisaufschlag von rund 100 Euro muss man derzeit rechnen
Sonderwünsche beim Fahrradkauf dauern meist bis zu einem Jahr. Mit einem Preisaufschlag von rund 100 Euro muss man derzeit rechnen. (Bild: Wilfried Vögel)

Wie schaut es bei den Ersatzteilen aus?

IJ: Um den normalen Reparaturbetrieb aufrecht erhalten zu können, muss ich nach bestimmten Teilen oft lange im Internet suchen, weil der Fachhandel Zubehör nicht oder nur mit langen Wartezeiten liefern kann. Das kostet Zeit und Geld.

Mit welchen Preissteigerungen rechnen Sie auf dem Fahrradmarkt?

IJ: Pro Rad muss man bestimmt rund 100 Euro Mehrpreis einrechnen.

Gibt es auch gute Nachrichten vom Fahrradmarkt?

IJ: Ja. Es wird produziert und die Laufzeiten der Container aus Fernost normalisieren sich langsam wieder. Es kommt auch immer wieder Ware rein und es wird jeder ein Bike bekommen. Allerdings kann das dauern, man sollte also lieber keine ganz so exakte Zeitvorstellungen haben.

Wann wird sich die Situation auf dem Fahrradmarkt wieder beruhigen?

IJ: Das ist schwer einzuschätzen. Die Folgen des Krieges kann man derzeit überhaupt nicht einschätzen. Es wird damit gerechnet, dass sich der Markt bis 2025 wieder stabilisieren wird.

Was ist jetzt für die Kunden wichtig?

IJ: Ein gutes Verhältnis zum Händler seines Vertrauens und ein frühestmöglicher Bestelltermin für das Wunschrad sind hilfreich. Hinfahren und kaufen wird dieses Jahr, wie bereits erwähnt, nicht so einfach funktionieren. Wobei wir im E-Bike-Sektor bei Touren- und Citymodellen noch genügend auf Lager haben. Man muss sich halt mit dem begnügen, was gerade im Laden steht. Wer jetzt zu lange wartet, den treffen allerdings steigenden Preise durch die höheren Kosten bei Rohstoffen, Produktion, Fracht und Montage.

Wie schaut es bei den gebrauchten Fahrrädern aus?

IJ: Der Markt ist derzeit leergefegt. Wer ein gebrauchtes Rad sucht, sollte es bei den Internet-Kleinanzeigen versuchen. .

Wie schaut Ihr Kundenkreis aus?

IJ: Ich habe rund 80% Stammkunden.

Hat sich der hohe Benzinpreis in Folge des Krieges in der Ukraine auf den Fahrradhandel bereits ausgewirkt?

IJ: Bisher spüren wir das noch nicht. Sicher wird der/die eine oder andere jetzt das alte Fahrrad aus dem Keller holen und wieder fahrbereit machen wollen, um Sprit zu sparen. Das ist aber ansonsten in jedem Frühjahr zu beobachten.