Die Gesundheitsversorgung steht auf allen Ebenen vor dem Kollaps. Es fehlen Haus-, Fach – und Zahnärzte. Die Folgen sind Aufnahmestopps in den Haus- und Zahnarztpraxen, bei Fachärzten gibt es monatelange Wartezeiten. Die Kliniken, die noch nicht geschlossen sind, pfeifen buchstäblich aus dem letzten Loch und fahren exorbitant Verluste ein.
Als Beispiel sei der Medizin-Campus Bodensee (MCB) genannt, der nach jüngsten Berichten für 2023 mit einem Verlust von 20 Millionen Euro rechnen muss. Vielen Kliniken droht das wirtschaftliche Aus, die Verbände schlagen Alarm. Zudem befindet sich Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Minister Lauterbach im Dauer-Clinch mit den Ärzteverbänden, Klinikbetreibern und Apothekern.
Wir fragten bei den Bundestagsabgeordneten der Region nach, wie es mit der Gesundheitsversorgung weitergehen soll.
Martin Gerster (SPD): „Ambulante und stationäre Sektoren stärker verknüpfen“
Der Abgeordnete Martin Gerster (SPD) verweist auf Versäumnisse der Vergangenheit: „Unser Ziel ist eine gute, qualitativ hochwertige und flächendeckende Gesundheitsversorgung für alle Menschen, gerade auch in ländlichen Räumen. Dafür hat die Ampel-Regierung wichtige Reformen auf den Weg gebracht, die von früheren Gesundheitsministern jahrelang versäumt worden sind. Der Bund hat den Krankenhäusern in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt. Richtig ist, dass Krankenhäuser in Konkurrenz um knappe Ressourcen im Gesundheitssystem stehen und durch die Corona-Pandemie sowie Kostensteigerungen finanziell teilweise in Schieflage geraten sind.
Deshalb modernisieren wir die Versorgungsstrukturen, um Ressourcen besser zu nutzen, und wollen den ambulanten und stationären Sektor stärker verknüpfen. Ressourcen sollen dort zur Verfügung stehen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Wir haben in erheblichem Umfang zusätzliche Mittel aus dem Bundeshaushalt und den gesetzlichen Krankenkassen eingesetzt, um die Kliniken in schwierigen Zeiten zu unterstützen und eine kalte Strukturbereinigung zu verhindern.
Drei Krankenhäuser im Land befinden sich aktuell in Insolvenzverfahren, die Klinikbetriebe gehen auch dort aber weiter. Ein Kollaps der Gesundheitsversorgung steht nicht ansatzweise bevor, im Gegenteil. Mit den Reformen stellen wir die Finanzierung unseres Pflege- und Gesundheitswesens auf eine solide Grundlage. Im Krankheitsfall sollen es die Menschen leichter haben, die für sie geeignete Versorgung zu erhalten.“
Josef Rief (CDU): „Grundversorgung und Rettungsstellen in der Region erhalten“
Josef Rief (CDU) sieht einen Wandel in der Ärzteschaft: „Wir haben noch nie so viele Ärzte ausgebildet, wie aktuell und wir hatten noch nie so viele Ärzte in Deutschland wie heute. Dass dies nicht in der Versorgung spürbar ist, hat verschiedene Ursachen. Zum einen verlassen sicher auch Ärzte unser Land. Genauso haben wir auch Zuzug von Ärzten. Allerdings leisten Ärzte heute nicht mehr so viele Arbeitsstunden wie in der Vergangenheit.
Der männliche Arzt, der auf dem Lande 60 Stunden und mehr arbeitet und immer im Dienst ist, gehört der Vergangenheit an. Im Jahr 2023 hatten noch 85 Prozent der Ärztinnen und Ärzte eine Vollzeitstelle. Im Jahr 2009 waren das noch 98 Prozent. Dabei ist auch heute noch eine Vollzeitstelle in einer Klinik beispielsweise nicht mit 40 Stunden zu vergleichen. Es braucht also heute mehr als einen Arzt, um einen ausscheidenden Arzt zu ersetzen. Auch Ärzte haben ein Anrecht auf ordentliche Arbeitsbedingungen. Auch weil diese nicht immer stimmen, kommt hinzu, dass viele Ärzte in anderen Bereichen (Gesundheitsmanagement, Forschung usw.) arbeiten.
Auch sollten wir daran arbeiten, dass Ärzte nicht so viel ihrer wertvollen Arbeitszeit mit Bürokratie und Dokumentation verbringen, sondern das tun können, warum sie diesen Beruf einmal gewählt haben: Den Menschen zu helfen. Wir müssen als Politik alles dafür tun, um diese Voraussetzungen zu verbessern, damit der medizinische Fortschritt weiter auch beim Patienten ankommt.“
Rief fordert Lauterbach auf, bei der notwendigen Krankenhausreform endlich aufs Gaspedal zu drücken: „Wir können uns so ein Zögern und Streiten wie momentan bei der Krankenhausreform nicht leisten. Ich glaube, alle sind sich einig, dass wir eine Krankenhausreform brauchen. Die Fallpauschalen in ihrer bisherigen Form haben gezeigt, dass so das System nicht kostendeckend funktionieren kann. Wir haben besonders in der Pandemie gesehen, unter welchem Druck die Krankenhäuser stehen. Es muss aber dabei die Hoheit der Bundesländer gewahrt bleiben, über die Krankenhausplanung zu entscheiden. Sie kennen die Bedürfnisse ihrer Regionen am besten. Es ist aber auch klar, dass für spezielle Behandlungen und Operationen eine Konzentration nötig ist, um auf der Höhe des medizinischen Fortschritts eine Versorgung nach höchstem Standard zu gewährleisten. Schon heute stimmen die Patienten mit den Füßen ab und suchen sich die Kliniken mit dem besten Ruf bei bestimmten Therapien aus. Gleichfalls müssen aber die Grundversorgung und Rettungsstellen in der Fläche erhalten bleiben. Es ist nun in der Verantwortung des Bundesgesundheitsministers, diese Reform endlich auf die Zielgerade zu bringen. Mit seiner verhärteten Haltung gegenüber den Ländern gefährdet Lauterbach die Gesundheitsversorgung der Menschen. Ich sehe hier vor allem den ländlichen Raum benachteiligt.“
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