Gesundheitsversorgung unter Druck Wichtige Erkenntnisse beim Besuch des Ambulant Medizinischen Dienstleistungszentrums in Riedlingen

Wichtige Erkenntnisse beim Besuch des Ambulant Medizinischen Dienstleistungszentrums in Riedlingen
Interessiert folgten die Besucher den Erklärungen von Hans-Peter Selg (Architekt und Bauleiter) zum Rohbau des AMD (Ambulant Medizinisches Dienstleistungszentrum). (Bild: Maximilian Kohler)

Am vergangenen Samstag, 22. November, informierten sich auf Einladung der Gemeinderats-Fraktionen CDU sich die Besucher über die Fortschritte bei der Entwicklung des Ambulant Medizinischen Dienstleistungszentrums (AMD).

„Auf eine Brezel mit der CDU- und SPD-Fraktion“ war der Arbeitstitel und die Fraktionen hielten Wort, die Interessierten erhielten zur Stärkung eine Butterbrezel. In knapp 150 Minuten vermittelten Hans-Peter Selg (Architekt), Axel Henle und Dr. Sebastian Jung die Historie des AMD von der Idee, über die Planung, bis hin zum aktuellen Stand bei der Umsetzung einer medizinischen Nachfolgestruktur für das geschlossene Krankenhaus. Klar wurde herausgearbeitet, dass der Mittelpunkt aller Bemühungen die Schaffung einer bestmöglichen Gesundheitsversorgung für die Raumschaft Riedlingen ist.

Genau vor sechs Monaten wurde beim Ambulanten-Medizinischen Dienstleistungszentrum (AMD) 5 wurde beim AMD (samt übriges Gebäude) der Spatenstich gefeiert. Dies war für Gemeinderatsmitglieder der CDU und SPD der Anlass sich bei einem Besuch über die Weiterentwicklung dieses, für die Stadt und Region, so wichtigen Gesundheitsprojekts zu informieren. Durch den Bau wurde Platz für ein OP-Zentrum, weitere (Fach)Arztpraxen, ein Sanitätshaus, sowie eine Apotheke geschaffen, mit dem Ziel, eine deutliche Verbreiterung des medizinischen Versorgungangebotes zu erreichen.

Selg erläuterte den Stand der Bauarbeiten: „Der Rohbau steht, Dach und Fenster sollen noch in 2025 eingebaut werden, damit im kommenden Jahr der Innenausbau stattfinden kann, wenn weitere Investoren gefunden sind. Im EG sind ca. 250 von 700 qm unter Vertrag. Hier lässt sich eine Arztpraxis, die noch nicht genannt werden will, nieder. Die Besonderheit daran liegt darin, dass ein Unternehmer der Region die Fläche kauft, in den Innenausbau investiert und dann die fertigen Räume an die Arztpraxis vermietet. Das Orthopädiegeschäft kauft sich als Teileigentumskäufer ein. Im 1. OG: werden zwei OP-Säle für ambulante Operationen mit erforderlichen Nebenräumen eingebaut. Es handelt sich dabei um das Teileigentum der Stadt Riedlingen, welche dann an die Betreiber vermietet wird.“ Anders stellt sich die Situation im 2. OG dar. Selg erläuterte die Situationen: „Auch hier steht eine Fläche von 750 qm zur Verfügung. Das ZFP Südwürttemberg hatte zwar eine Absichtserklärung für die Fläche abgegeben, reagiert aber nicht mehr.“

Henle betonte, dass mit einer schonungslosen Offenheit über das Projekt geredet werden solle, ohne es aber „totzureden.“ Er wies mit klaren Worten auf die entstandenen Probleme durch die Verzögerung bei Baubeginn hin. „Wir haben im zweiten Bauabschnitt eine dramatisch schlechtere Ausgangssituation als beim Ärztehaus. Die Zinsen sind im Gegensatz zum 1. Bauabschnitt stark gestiegen (von 0,9 Prozent auf 3,9 bis 4,5 Prozent). Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Refinanzierung. Auch die Baukosten sind nach Corona stark gestiegen und die Förderungen für das Projekt haben sich dramatisch nach unten entwickelt.“

Neue Player geben den Takt vor

Mittlerweile, so Henle, seien neue Anbieter auf dem Feld der Gesundheitsversorgung angetreten. Er erwähnte, dass Riedlingen jahrelang brauchte, um etwas bei der Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung zu bewegen und dies auch noch mit der Einschaltung einer teuren Rechtsberatung verzögert habe, sei Bad Saulgau unglaublich schnell gewesen, eine Nachfolgestruktur für ihr geschlossenes Krankenhaus auf die Beine zu stellen. „In Saulgau wurde mit Lichtgeschwindigkeit Fakten geschaffen“, so Henle. Pikant: Sogar die Sana-Kliniken Landkreis Biberach eröffnen in den ehemaligen Klinikräumen zum 1. Januar ein MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) und etablieren dort einen orthopädischen über die Kreisgrenze hinweg. Henle glaubt nicht, dass das Sana MVZ dort schwarzen Zahlen schreiben könne. Mit dieser Entwicklung werde aber ein Verdrängungsmarkt eröffnet.

Lt. Henle liegt der Stadt und den Bauherren eine Absichtserklärung des ZFP vor, sich im dritten Stockwerk des Gebäudes anzusiedeln. Da sich das ZFP in Schweigen hülle, sei es völlig offen, wie es dort mit den Flächen weitergehe. Er verwies darauf, dass dem ZfP ein Vertragsangebot vom Bauträgers unterbreitet wurde, bis jetzt aber keine Unterzeichnung erfolgte. Hier kommt der Landkreis ins Spiel. Henle dazu: „Der Kreis hat dem ZfP eine Ausweichmöglichkeit im alten Krankenhaus gegeben, solange das Schwesternwohnheim vom Kreis saniert wird. Dies wäre ein guter Zeitpunkt für das ZfP gewesen, ins Gebäude beim AMD zu ziehen, aber es scheint so, als ob sich das ZfP dagegen entschieden hat.“

Bad Saulgau bietet Kampfpreise

Ein zum Nachdenken anregendes Konkurrenz-Konstrukt wird ab 1. Januar 2026 Wirklichkeit

  • Patienten mit ambulantem OP-Bedarf aus dem Landkreis BC werden in Bad Saulgau operiert.
  • In Saulgau werden offenbar Pachtpreise von 8 € pro Quadratmeter für die Räumlichkeiten der neu angesiedelten Praxen im ehemaligen Krankenhaus aufgerufen
  • Dies ist beim AMD bei den jetzt herrschenden Rahmenbedingungen nicht ansatzweise zu stemmen. Unterstelle man keine Verdienstabsichten sei ein angemessener Mietzins von 16 €/qm unabdingbar.
  • Zudem schlage der OP-Tag in Riedlingen mit 850 € zu Buche, in Bad Saulgau wohl nur mit 150 €.

Jung schob ein: „Der Markt wird durch Steuergeld kaputtgemacht und torpediert das bessere Konzept von Riedlingen.“

Haus- und Zahnarztversorgung gefährdet

In der Diskussion wurde auch die Sorge geäußert, dass haus- und zahnärztliche Versorgung in Riedlingen schon jetzt schwierig sei und noch viel schwieriger werde. Die ansässigen Ärzte könnten Patienten von aufgebenden Arztpraxen nicht mehr aufnehmen. Grund ist die Budgetierung bei der Abrechnung ärztlicher Leistungen, weil die Ärzte ihre Leistungen dann ohne Honorarzahlungen erbringen. Nüchtern betrachtet, ist schon der jetzige Zustand der Gesundheitsversorgung in der Raumschaft schwierig. Weil weitere Ärzte die Ruhestandsgrenze erreichten und Nachfolgeregelungen erfolglos seien, verschärfe sich die Situation dramatisch.

Die Raumschaft brauche, da waren sich die Anwesenden einig, dringend einen Kinderarzt. Nächste Woche, so Henle, solle erneut ein Gespräch stattfinden. Allergrößtes Interesse müsse auch daran bestehen, die Kardiologie in Riedlingen zu halten. Hier nehme man aber nicht wahr, dass die Stadt sich in notwendigem Maße engagiere und damit auseinandersetze. Joachim Reis (BüL) wandte ein, dass ggf. der Bau eines OP-Traktes ausreichend gewesen sei. Diesem Einwand wurde deutlich widersprochen. Deutlich kam zum Ausdruck, dass das AMD nur für die Orthopädie gedacht sei, sondern Räume für eine verbesserte ärztliche Grundversorgung in Riedlingen und der Raumschaft bieten soll.

Verabschieden sich Kreis und Stadt vom Runde-Konzept?

Mittlerweile scheint festzustehen, dass sich wichtige Partner aus dem Rund-Konzept still und heimlich verabschiedet haben. Dies habe grundlegende Auswirkungen auf die Gewinnung von Ärzten für die Grundversorgung zu gewinnen. Diese im AMD anzusiedeln sei angesichts der notwenigen Mietzinspreisen, um das Haus insgesamt wenigstens zu Null bewirtschaften zu können, kaum vorstellbar. Das Gutachten vorliegende Gutachten von Albrings und Müller (2020) zeige jedoch auf, wie sich die Situation verändere, wenn sich Kommunen/Stiftungen engagieren. Damit wären andere Mietzinse und Renditeerwartungen zu erreichen. Henle bemisst den Mietzins bei einem solchen Konstrukt bei etwa 11 Euro pro Quadratmeter. Spannend war die aufkommende Frage, warum dieser Gedanke aus dem Gutachten nicht aufgegriffen und umgesetzt wurde.

Konkrete Schritte

In der Fragerunde wurde die Frage gestellt, warum das AMD überhaupt gebaut wurde. Jung dazu: „Wir wussten um die Notwendigkeit dieser Maßnahme und hatten einen genauen Einblick in die Marktchancen. Zudem war und ist unser oberstes Ziel, die Grundversorgung der Bevölkerung zu sichern und nach Möglichkeit zu verbessern.“ Gemeinderat Matthias Fischer (CDU) fragte Henle konkret: „Butter bei die Fische, was wollt ihr von uns, was sollen wir tun?“ Das Fazit der anschließenden Diskussion war, dass schnellstens ein „runder Tisch“ mit örtlichen Akteuren einberufen werden solle. Deutlich wurde, dass damit zeitnah gemeint war und dieses Gremium, um keine weitere Zeit zu verlieren, nicht erst im März zusammenritt. Festgestellt wurde, dass angesichts der Konkurrenzsituation auf dem Markt, die von der Stadt beschlossenen Sätze zur Unterstützung ansiedlungswilliger Ärzte nicht ausreichend seien. Nochmals wurde deutlich formuliert, dass die Grundversorgung der Bevölkerung sichergestellt werden müsse, die Stadt und ihr Einzugsgebiet dringend einen Kinderarzt bräuchten und der vorhandene kardiologische Sitz nicht verloren werden dürfe. Um dies sicherzustellen, müssten die Voraussetzungen geschaffen werden, dass der Mietzins eine Niederlassung im AMD ermöglicht.

Hospitalstiftung als Gamechanger?

Auf die Frage wie dies realisiert werden könne, kam ein Vorschlag zur Einbindung der Hospitalstiftung. Henle dazu: „Die Hospitalpflege solle sich mit einer ‚Umschichtung des Vermögens‘ beschäftigen. ohne dass es Riedlingen Geld kostet, sondern nur Hirnschmalz.“ Dies sei mit der Satzung vereinbar und in der Weise möglich. Trotz geringerer Rendite sei das geschaffene Anlagevermögen in der Lage sich zu amortisieren.

Sowohl die Kreisräte der Raumschaft und auch von der Stadt werde mehr Druck gewünscht, sich „steuerfinanzierten Begünstigungen“ (z.B. Saulgau), die eine ungleiche wettbewerbliche Situation auslösen, die ohne entsprechende Reaktionen/Antworten auf diese Herausforderungen zu Lasten des Landkreises, des AMD und der ärztlichen Versorgung im Raum Riedlingen auslösen entschieden entgegenzustellen. Deutlich wurde die Situation mit dem Schlussappell von Jung, Henle und Selg. Wenn keine zählbaren Fortschritte erzielt würden, seien sie der Auffassung, dass ein Urlaub förderlicher sei, als sich mit den derzeitigen Gegebenheiten weiter um ansiedlungswillige Ärzte zu kümmern. „Wir können dann nichtliefern, so Henle, der aber trotzdem den Wunsch auf eine gemeinsame Kraftanstrengung äußerte.

Kommentar

Es braucht jetzt Entschlossenheit

Das Ärztehaus auf der Klinge läuft wie geschnitten Brot, über 600 Autos fahren täglich dort hin. Die Patienten stimmen mit den Füßen ab und nehmen die medizinische Versorgung der Praxen an. Auf diesen ersten Schritt zur Verbesserung der medizinischen Grundversorgung im Raum Riedlingen, sollte mit dem AMD ein großer Wurf gelingen. Durch Verzögerungen bei der Umsetzung (europaweite Ausschreibung, Einschaltung einer Fachanwältin) wurde nicht nur wertvolle Zeit verloren, die Zinslandschaft hat sich auch noch grundlegend verändert.

Nun gilt es, mit einem entschlossenen Handeln und einem unbändigen Willen das nachzumachen, was in Bad Saulgau binnen kürzester Zeit realisiert wurde. Dort kaufte die Stadt vor zwei Jahren das Krankenhaus und die Stadtverwaltung gab bei der Belegung der Flächen Vollgas. Bürgermeister Raphael Osmakowski-Miller, Wirtschaftsförderin Ilona Boos und das Liegenschaftsamt der Stadt haben gemeinsam die Ärmel hochgekrempelt und in kürzester Zeit die „Bude“ mit Praxen und weiteren Anbietern aus der Gesundheitsbranche (z.B. Schlaflabor) gefüllt. Offensichtlich waren sie geeint durch den Willen, den Bürgern der Stadt und des Einzugsgebietes die bestmögliche Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Mitgemacht und unterstützt wurden sie durch Beschlüsse im Gemeinderat. Die Riedlinger Gemeinderäte wissen spätestens seit dem vergangenen Samstag, wie der Hase läuft. Wenn die Riedlinger Paroli bieten und der Bevölkerung eine gute Gesundheitsversorgung ermöglichen wollen, müssen sie neue, bisher scheinbar undenkbare Wege, gehen, denn sonst bricht im Raum nicht nur der „Laden“ in ein paar Jahren zusammen, im AMD würden dann auch die eingesetzten Steuergelder (Kreis und Stadt) verbrannt werden.

Dass mit der Sana-MVZ ab Januar in Saulgau sogar die Sana-Kliniken Landkreis Biberach mitmischen ist ein echter Coup. Da darf man sich schon fragen, was denn die Biberacher Kreisverwaltung und die Kreisräte dazu sagen. Dieses Sana-MVZ hätte man am AMD in Riedlingen erwartet, als Ergänzung der OCP-Praxis und nicht als Konkurrent für Riedlingen in einem anderen Landkreis. Ähnliches gilt für das ZfP. Im allseits akzeptierten Runde-Konzept spielte das ZfP eine wichtige Rolle. Nur jetzt, wo es zum Rütlischwur kommt, funkt offenbar der Kreis dazwischen. Er bietet dem ZfP während des Umbaus des Schwesternwohnheims Räume im alten Krankenhaus an und akzeptiert wohl, dass die Einrichtung nach getaner Arbeit wieder in die bisherigen Räume zurückkehrt.

Was für eine Politik ist das denn? Einerseits gibt der Kreis einen Millionenzuschuss zum AMD, um dann die erfolgreiche Umsetzung des Runde-Konzeptes zu verhindern? Das ZfP hat zwar eine Absichtserklärung für das AMD (2. OG) hinterlegt, sich danach aber nicht mehr gemeldet. Vermutlich unterbietet der Kreis den Mietzins, der beim AMD aufgerufen wird. Die Kreisräte sind jetzt aufgefordert diese Entwicklungen zu stoppen, sie tragen ja auch Verantwortung für den Zuschuss in Millionenhöhe.

Redaktioneller Hinweis  

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.