In der Tageszeitung wurden die Ergebnisse des „Heimatchecks“ zur Gesundheitsversorgung in deren Verbreitungsgebiet veröffentlicht. Demnach erreicht im Ranking der Landkreise das der sonst so erfolgreiche Landkreis Biberach lediglich Platz vier.
Spitzenreiter ist hier der Alb-Donau-Kreis. Dort erzielt Ehingen einen deutlich über dem Kreisschnitt liegen Wert (7,19 Punkte). Spitzenreiter im Kreis Biberach ist Ochsenhausen (6,88 Punkte), auf den weiteren Plätzen folgen Laupheim (6,41 Punkte) und Biberach (6,09 Punkte).
Für Riedlingen reicht es bei dem Check mit lediglich 3,64 Punkten nur zum drittletzten Platz aller Kommunen im Verbreitungsgebiet der Tageszeitung. Wir fragten bei Bürgermeister Marcus Schafft, den Fraktionssprechern, und den Investoren des im Bau befindlichen AMD (Ambulant Medizinische Dienstleistungszentrum) nach den Gründen für diese schlechte Bewertung.
Schafft: „Der Weg ist anspruchsvoll, wir brauchen Zeit“
Ungewöhnlich schnell erreichte uns die Stellungnahme von Bürgermeister Marcus Schafft: „Die Ergebnisse des Heimatchecks und die weitere Berichterstattung der vergangenen Tage zeigen deutlich, dass viele Bürgerinnen und Bürger die medizinische Versorgung in Riedlingen mit Sorge betrachten. Diese Wahrnehmung überrascht mich angesichts der Schließung des Krankenhauses und der bevorstehenden Ruhestandswelle bei mehreren Ärztinnen und Ärzten nicht. Die Verunsicherung ist nachvollziehbar.
Gerade deshalb hat der Gemeinderat die Sicherung und den Ausbau der ambulanten Gesundheitsversorgung seit Jahren zu einem kommunalen Schwerpunkt gemacht. In der öffentlichen Sitzung vom 8. Juni 2026 wurden hierzu weitere wichtige Beschlüsse gefasst.
Die Stadt investiert gemeinsam mit dem Landkreis in den Aufbau neuer Versorgungsstrukturen. So entstehen derzeit zwei ambulante Operationssäle. Zudem verfügt die Stadt über ein Förderprogramm für Ärztinnen, Ärzte und medizinnahe Gesundheitsberufe. Auf dieser Grundlage wurden bereits konkrete Förderungen für die Ansiedlung einer kinderärztlichen sowie einer gynäkologischen Praxis beschlossen.
Darüber hinaus hat der Gemeinderat die Verwaltung beauftragt, zu prüfen, ob weitere Praxisflächen im angedachten Gesundheitszentrum auf der Klinge, neben dem Ambulanten Medizinischen Dienstleistungszentrum (AMD), erworben werden können und dürfen. Ziel des Antrages ist es, zusätzliche Räumlichkeiten bereitzustellen und damit die Voraussetzungen für weitere Niederlassungen zu schaffen. Denn eine Kommune kann Ärztinnen und Ärzte nicht verpflichten, sich an einem bestimmten Ort niederzulassen – sie kann aber attraktive Rahmenbedingungen schaffen. Genau daran arbeiten wir. – Im Übrigen bin ich fest überzeugt: mit dem AMD kann ein zentraler Baustein für die ambulante Versorgung der gesamten Raumschaft entstehen.
Nach der Schließung des Krankenhauses war und ist allen Beteiligten bewusst, dass die Zukunft in einer starken ambulanten Infrastruktur liegt. Dieser Weg ist anspruchsvoll und braucht Zeit, weil neben kommunalen Entscheidungen auch die Kassenärztliche Vereinigung, Investoren und besonders die Ärzteschaft selbst eingebunden sind.
Die Stadt Riedlingen übernimmt dabei erhebliche Verantwortung – auch finanziell. Die entsprechenden Entscheidungen wurden im Gemeinderat überwiegend mit großer Mehrheit oder einstimmig getroffen. Unser Ziel ist klar: Wir wollen die medizinische Versorgung nachhaltig stärken und den Menschen in Riedlingen und der Region eine verlässliche Perspektive bieten.
Die Kritik und die Sorgen der Bevölkerung nehmen wir ernst. Sie sind für uns Ansporn, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen. Deshalb stehen wir in engem Austausch mit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, dem Landkreis sowie den medizinischen Akteuren vor Ort. Über weitere Entwicklungen werden wir die Öffentlichkeit transparent informieren.“
Matthias Scheible, Fraktionssprecher der CDU im Gemeinderat verweist auf unseren Bericht zum Thema: https://www.wochenblatt-news.de/region-biberach/riedlingen/ein-antrag-der-cdu-fraktion-soll-entscheidungen-herbeifuehren/
Scheible sieht sich und seine Fraktion durch das Ranking bestätigt: „Das Ergebnis zeigt, dass wir aktiv handeln müssen. Vor diesem Hintergrund steht unser Bemühen um politische Mehrheiten für ein Engagement der Stadt beim Erwerb von Praxen im AMD.“
Henle: „Ohne zeitnahe Entscheidungen verlieren wir Interessenten“
Überraschend ist die nachgefragte Stellungnahme der Investoren (Axel Henle, Dr. Sebastian Jung und Hans-Peter Selg) zum Bericht der Tageszeitung. Henle führt dazu aus: „Die aktuelle Bewertung der Gesundheitsversorgung bestätigt leider genau das, worauf wir seit Monaten hinweisen. Trotz unseres letzten Telefongesprächs mit Bürgermeister Schafft am 26.03.2026 und mehrerer Schreiben im Zeitraum vom 23. März bis 14. April 2026 liegt uns bis heute keine einzige Rückmeldung der Stadt vor.“ Die Investoren haben offensichtlich noch einige Interessenten im Petto. Doch Henle weist Henle deutlich auf den herrschenden Zeitdruck hin: „Es gibt konkrete Interessenten aus dem ärztlichen und therapeutischen Bereich, die dringend Planungssicherheit benötigen. Ohne zeitnahe Entscheidungen werden wir diese Interessenten verlieren. Wir sind weiterhin jederzeit zu einer konstruktiven Zusammenarbeit bereit.“
Kommentar
Ein Ranking, das Riedlingen gnadenlos den Spiegel vorhält
Eine gute Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist eines, wenn nicht gar das wichtigste Gut, das der Sozialstaat (Bund, Land, Kommunen) zur Verfügung stellen müssten. Die finanziellen Probleme der Kliniken sind mittlerweile jedermann bekannt, doch auch bei der ambulanten Versorgung gibt es erschreckende Missstände.
In den Kommunen, in denen Kliniken geschlossen wurden, sind die Verantwortlichen vor Ort (Landkreis, Städte und Gemeinden) in besonderer Weise gefordert für nachhaltige ambulante Nachfolgestrukturen zu sorgen. Dies setzt den Willen aller Beteiligten voraus, die noch bestmögliche ärztliche/fachärztliche Versorgung für die Bürger zu erreichen.
In Riedlingen wurde dieses Problem zu lange stiefmütterlich behandelt, obwohl der Kreistag schon 2012 die Schließung des Riedlinger Krankenhauses beschlossen hatte. Seit über 12 Jahren ist Bürgermeister Schafft im Amt, doch diese Zeit reichte bisher nicht aus, um mit den Gemeinderatsgremien die zwingend notwendige, ambulante Nachfolgestruktur für die Bürger der Stadt auf die Beine zu stellen.
Die Berichterstattung der Tageszeitung lässt an Deutlichkeit nichts übrig. Riedlingen ist als Mittelzentrum in der ärztlichen Versorgung unter „ferner liefen angekommen“. Wenn das Donaustädtchen im gesamten Verbreitungsgebiet der Tageszeitung mit einem blamablen Wert den drittletzten Platz in der Einschätzung der Bürger einnimmt, kann man leicht feststellen, dass etwas grandios falsch gelaufen ist.
Nein, die Schließung des Krankenhauses und die anstehende Ruhestandswelle der Ärzte sind nicht vom Himmel gefallen, sie wurden aber ignoriert. Offensichtlich gibt es in der Stadt keinen Plan, wie Riedlingen in fünf oder zehn Jahren aussehen soll. Wenn jetzt Bürgermeister Marcus Schafft mitteilt, dass er die Verunsicherung der Bevölkerung wegen der wegbrechenden ärztlichen Versorgung ernst nimmt, dann darf schon die Frage erlaubt sein, in welcher Blase er, seine Verwaltung und die Gemeinderatsgremien in den letzten 12 Jahren gelebt haben. Es wurde entscheidende Jahre vergeudet, die Geduld der Bürgerinitiative zum Erhalt des Riedlinger Krankenhauses über die Grenzen hinaus strapaziert. Die ungeschönte Wahrheit liegt nun mit dem Bericht der Tageszeitung auf dem Tisch. Fatal ist, dass die Bürger auch noch ihre Bedenken äußern, dass es gelingen wird, rechtzeitig Ersatz für die ausscheidenden Ärzte zu finden. Das ist eine glatte Misstrauensbekundung gegenüber den „Stadtoberen“.
Wenn die Entscheidungsgremien der Stadt glauben, dass Ärzte von sich aus und auch noch freiwillig nach Riedlingen kommen, dann leben sie in einer Parallellwelt und haben die Realität nicht vor Augen. Alle Kommunen stecken mittlerweile in einem knallharten Verteilungskampf bei der Gewinnung von Ärzten. Zur Wahrheit gehört, dass sich die erfolgreichen Städte ohne die Beratung von teuren Fachanwälten etwas trauten, Geld in die Hand nahmen und entschlossen handelten. So wurden etwa in Bad Saulgau und Laupheim in kürzester Zeit Fakten geschaffen. Die offensichtlich fehlende Kommunikation der Verwaltung mit den Investoren zeigen, dass im Rathaus, trotz der Stellungnahme des Stadtoberhauptes, der Ernst der Lage immer noch nicht angekommen ist. Ob die Fraktionssprecher dem Hinweis nachgehen, dass die Verwaltung seit über drei Monaten nicht mehr mit den Investoren Kontakt hält? Wir wissen es nicht, besser wäre es aber!
Einziger Lichtblick: Das boomende Ärztehaus auf der Klinge! Dies ist ein echter Gewinn für die Stadt, entstand aber auf Privatinitiative. Beim AMD geistern unschöne Neidebatten durch die Stadt. „Wir wollen nicht, dass diese Investoren noch reicher werden,“ ist dann zu vernehmen. Offen gesagt, den Bürgern ist es schnurzpiepegal, wenn ein Investor Geld verdient. Das AMD wurde vom Gemeinderat in einem langwierigen Verfahren, das nur Zeit kostete, ergebnislos europaweit ausgeschrieben. Diese möglichen „Investoren“ hätten dann aber Gewinnmargen aufgerufen, die für die Raumschaft kaum vorstellbar sind.
Eines der Hauptanliegen der Bevölkerung ist und bleibt, dass es für sie in Riedlingen ein gutes Angebot für die Gesundheitsversorgung gibt. Schon jetzt ist dies nicht mehr der Fall. Aufnahmestopps bei Zahnärzten und Hausärzten, fehlende Fachärzte – die es einmal in Riedlingen gab – sind die Grundlage des vernichtend schlechten Platzes im Ranking der Tageszeitung.
Wenn das Donaustädtchen noch etwas retten will, muss es gleich mehrere Gänge zulegen, sonst läuft man der Musik (Gesundheitsversorgung) immer noch weiter hinterher. Wilhelm Busch hat bei Max und Moritz dazu passend formuliert: „Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich an das Ende sehe.“ Das nächste Städte-Ranking zum Gesundheitsstandort wird dann wohl zum Offenbarungseid!