Am vergangenen Donnerstag, 17. Juli, fand die Premiere des Riedlinger Sommertheaters statt. Bei idealem Wetter präsentierten sich die Darsteller und Stadtführerinnen beim Stück „Handel & Händl“ nicht nur textsicher, sondern auch in einer blendenden Spiellaune. Das Akkordeonorchester „Tastenzauber“ und die Stadtmusik Riedlingen, lieferten den passenden Melodienreigen zum Geschehen. Mit einem scheinbar gewagten, aber perfekt gelungenen Zeitsprung zwischen dem 19. Jahrhundert und der heutigen Zeit, gewürzt mit einer gehörigen Portion Humor, verging die Vorstellung für die begeisterten Besucher wie im Fluge. Kein Wunder, dass alle Mitwirkenden nach der Schluss-Szene auf dem Wochenmarkt für die Gesamtleistung einen minutenlangen Beifallsorkan ernteten.
19. Jahrhundert versus Neuzeit
Schon vor dem Start der Aufführung ließen es die Wirtinnen der Stadt krachen. Von einer der Wirtinnen wurde eine leckere Suppe angepriesen, während die andere diese als Wasser-Suppe verunglimpfte und ihre frischen Fische anbot. „Die lebat no,“ behauptete sie frech.
Gestartet wurde mit dem Marktgeschehen im 19. Jahrhundert. Angepriesen wurden beispielsweise Brot, Körbe, Besen, Tücher. Die Seifenhändlerin erklärte lautstark: „Die send id blos für oba, sondern au für onda rom!“ Dies humorvolle Einlage sollte nicht die letzte gewesen sein. Wie ein roter Faden zog sich das Thema Tauschhandel und die unterschiedliche Weltansicht zwischen dem 19. Jahrhundert und heute durch den Abend. Junge Menschen der heutigen Zeit, die das Leben in Riedlingen öde und langweilig bezeichneten, wollten einen Tauschhandel mit den Figuren des 19. Jahrhunderts beginnen. „Sind die Kartoffeln auch Öko und kann ich mit Karte bezahlen?“ Ein anderer wollte gar seine Handy-Hülle gegen Kartoffeln eintauschen. Eine Tafel Schokolade wurde von einer Marktfrau des 19. Jahrhunderts als „isch des guat“ bezeichnet. Den Vogel schoss aber der Silit-Werksvertreter (Alexander Wolny) ab. Um seine Ware an den Mann zu bringen schnürte er nicht nur ein ganzes Bündel an Silit-Töpfen als Angebot, sondern legte auch noch ordentlich was obendrauf: „Nicht 400, nicht 300, sondern ledig 230 Euro für das ganze Bündel.“ Dem protestierenden Kesselflicker empfahl er: „Verkauf Dein Zeug bei ebay, oder noch besser, bei ‚Bares für Rares‘.“ Conrad Graf, der weltberühmte Klavierbauer aus Riedlingen, grüßte noch von einer prächtigen Kutsche aus seine Riedlinger, bevor er weiter nach Paris fuhr.
Stadtführerinnen mit interessanten Episoden
Zu den weiteren Spielorten führten die Stadtführerinnen. Unterwegs vermittelten sie den Besuchern immer wieder interessante Details aus der Stadtgeschichte. Beispielsweise wurde an den aus Riedlingen stammenden Bierbrauer Friedrich Miller erinnert, der in den USA eine der größten Brauereien weltweit aufbaute. „Sie können das Bier nachher genießen, es steht aber vermutlich Zwiefalter oder Schussenrieder drauf“, erklärte eine der Stadtführerinnen mit einem breiten Lächeln. In weiteren Kurzinformationen wurden die Besucher u.a. über die Sexualität im 19. Jahrhundert informiert, am Lichtspielhaus wurde daran erinnert, dass dort einmal die berühmte Josephine Baker ein Gastspiel gegeben hatte.
Peitschenknallen trotz Verbot
Wenig beliebt machte sich Bürgermeister Wegscheider, der am Weibermarkt seinen Riedlingern das Peitschenknallen verbot. Daran gehalten haben sie sich aber nicht. Die junge Generation bewertete Wegscheiders Auftritt sogar als uncool. Mit den Peitschen wurden trotzdem geknallt und die Musik spielte zur Fasnet auf. Aus den Lautsprechern im Lamm dröhnte Techno-Musik und dann ging die Luzie ab. Das ganze Ensemble tanzte zum Unwillen des Stadtoberhauptes wie besessen zu den Klängen aus bollernden Lautsprechern. Um für Ruhe zu sorgen, reiste Graf von und zu Königseggwald mit der Kutsche. Sein Versuch, den Riedlingern die Leviten zu lesen, scheiterten kläglich, da er sich mit seinen überdrehten und konfusen Formulierungen aus der Vergangenheit komplett verhedderte.

Die Riedlinger boten ihm bestes Bier an, das er zu gerne annahm und so sein eigentliches Vorhaben bei zunehmender Trunkenheit komplett vergaß. Dem Wirt aber wurde eine Strafe auferlegt, weil er unrechtmäßig Wasser zum Bierbrauen aus dem Brunnen entnommen hatte. Köstlich, wie sich der Vater des Wirts (Ulrich Widmann) mit Wegscheider deswegen verbal anlegte. Auch hier gab es noch einmal einen Schwenk in die aktuelle Zeit. Die Jugend appellierte an den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser.
Hochzeit am Zellemeesturm
Eine Hochzeit in der Jetztzeit angesiedelt, sorgte bei den Bürgern des 19. Jahrhunderts für große Augen. Ihnen war unbekannt, dass heutzutage auch „nur“ im Rathaus geheiratet werden kann. „Bei uns wird in der Kirche geheiratet,“ war ihr Tenor. Die Feier blieb nicht ungestört, Diebesgesindel tauchte auf und wurde von den Ordnungskräften festgehalten. Eine Diebin, die wertvolles Tuch auf dem Marktplatz gestohlen hatte, flog auf, obwohl sie die Tücher unter ihre Kleider gesteckt hatte, um als Schwangere unangetastet zu bleiben. Um der drohenden Leibesvisitation zu entgehen, behauptete sie frech: „Ich bin schwanger und mein Kind kommt jetzt!“ Das half nicht, denn denselben Trick hatte sie auf dem Marktplatz schon einmal angewendet. Interessant der Spannungsbogen zwischen damals und heute. Während die schwangere Braut aus der heutigen Zeit unbehelligt und in weißem Kleide heiratete, wurde eine Magd aus dem 19. Jahrhundert der Schandkranz für ihr sexuelles Fehlverhalten umgehängt. Sie sollte bei Wasser und Brot im Turm eingesperrt werden, was die Braut der Neuzeit jedoch verhinderte. Berührend war, wie liebevoll die Braut die Magd zum Schluss umarmte.
Der Marktplatz brennt
Der Brand auf dem Marktplatz war, passend vor dem Feuerwehrmuseum, ein Thema. Wie mühsam die damaligen Löscharbeiten waren, wurde angesichts der Menschenkette deutlich, die umständlich die gefüllten Löscheimer untereinander weiterreichte. Selbstverständlich blieben auch Spekulationen um den Ursprung des Feuers und des Urhebers nicht aus.
Mit einem spannenden Thema beschäftigte sich die nächste Szene, in der entsorgte Lebensmittel aus einem Container von jungen Menschen an die armen Leute des 19. Jahrhunderts verteilten. Der Angestellte des Supermarktes protestierte heftig, wenn auch vergebens gegen diese Form der Umverteilung. Eine arme Frau bat; „I hätt so gern mol wieder al Läberwurscht, a richtig fette!“ Sie bekam von den barmherzigen Lebensmittelrettern eine Dose Wurst und Knäcke-Brot in der Tüte, war glücklich und beschützte sie vor dem Angestellten, der ihr die Lebensmittel wieder wegnehmen wollte.
Die Heuneburg und das Keltengrab
Bei den Schluss-Szenen auf dem Wochenmarkt wurde auf eine spannende Art der Fund des Keltengrabens in Riedlingen, in der Neuzeit mit der Vergangenheit verwoben. Die Stadt präsentierte sich mit Leerständen und wenig Leben. Doch der Fund des Keltengrabes gab den Akteuren Hoffnung auf eine bessere Zukunft für das Donaustädtchen. Immer wieder gackerte ein Darsteller, er habe eine Idee, doch wie beim Eierlegen dauerte es, bis diese verbal geäußert wurde. Immer wieder wurden neue Iden geboren. Eine Forderung lautete: „Mir sottet den Bürgermeister ond den Gemoidrat auf unsere Seite bringen!“ Dies überzeugte niemanden, im Gegenteil ein schallerndes Gelächter der Riedlinger war zu hören. Einig waren sich die Riedlinger, dass die Keltenfürstin auf jeden Fall im Besitze der Stadt bleiben sollte. Avancen des Landes-Archäologen, das Grab in Staatseigentum zu übernehmen verfingen weder bei den Damen eines Stammtisches noch beim Rest der Bevölkerung.
Mit einem launigen Puppenspiel zur Keltenfürstin und ihres geliebten Jungfürsten von der Heuneburg ging es in den Schlussspurt. Wunderbar die Szene, als ein Darsteller das Pferdegetrappel nachahmte, ein Bote von der Heuneburg und der Jungfürst im Takt dazu persönlich „eingaloppierten“. Diese „Tanzeinlagen“ wurden mit großem Gelächter begleitet, aber auch mit großem Applaus belohnt. Der Bote sprach vom Tode des jungen Keltenfürsten und überreichte der erschütterten Fürstin einen Todestrank, der Jungfürst „galoppierte“ zu spät ein, er konnte seine Liebste nicht mehr retten. Die Stadtmusik und der Tastenzauber spielten auf. Zum Schlusslied versammelten sich die Darsteller und sangen über Riedlingen: „… isch a schöne Stadt, wär‘ a schöne Stadt,“ ja wenn…
Ein nicht enden wollender Beifall brach nach Ende der Vorstellung aus und belegte, dass sich die Mühen der langen Vorbereitungszeit gelohnt hatten. Die Hauptakteure der Produktionsleitung (Andrea Traub, Mechthild Kniele und Hannes Schwendele) wurden ebenso frenetisch gefeiert, wie der ganze anwesende Stab des Melchinger Theaters, die Musikanten, die Nähstube unter der Leitung von Doris Frick-Kottermanski, die Bühnentechniker, Ricki Scopes für die künstlerische Begleitung und alle Helfer.

Auch am Samstag war der Theaterspaziergang ausverkauft und auch hier überzeigten die Darsteller ihre Besucher. Die Abende waren Genuss pur und sind Anlass genug, an die noch Unentschlossenen zu appellieren, sich einen Ruck zu geben, um sich dieses spektakuläre Theatervergnügen nicht entgehen zu lassen. Dienstags endet jeweils der Vorverkauf für die laufende Woche, Karten gibt es dann nur noch an der Abendkasse.
Vorverkaufsstellen sind Wonderfitzig (Mühltostraße), Autohaus Schlegel (Neue Unlinger Straße) und Stadt-Café Reinke (Lange Straße). Online gibt es Karten unter www.theater-lindenhof.de/Karten. An allen Spielabenden ist der Beginn des Theaters um 19.30 Uhr auf dem Markplatz. Doch schon ab 18.30 ist einiges geboten und die Gäste können sich mit Essen und Getränken versorgen.












