Das Buch „Oberschwaben rockt“ erinnert an Tanzkapellen und Bands in Oberschwaben und am Bodensee von 1950 bis heute. Das umfangreiche Werk weckt Erinnerungen an beliebtesten Tanzkapellen und Bands in Oberschwaben und am Bodensee. Am Donnerstag, 13. November, stellten die Autoren ihr Buch in der Stadtbuchhandlung Biberach vor. Die Vorlesung löste nicht nur bei ehemaligen Bandmitgliedern und Zeitzeugen dieser „wilden Zeit“ nostalgische Gefühle und Begeisterung aus.
Im Interview schildert Mitautor Dieter Löffler, wie das Buch zustande kam und wie es in der Musik-Szene zuging.
Ihr Buch „Oberschwaben rockt“ beschreibt die Tanzkapellen und Coverbands in Oberschwaben und am Bodensee von 1950 bis heute. Was bekommen Sie für Rückmeldungen von Lesern?
Viele frühere Musiker melden sich bei uns und bedanken sich. Für sie ist das Buch eine wahre Fundgrube, weil sie darin ehemalige Mitmusiker, Bandkollegen und Tanzlokale entdecken, die sie teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Viele erinnern sich wieder, wie es war, als es in dieser Region eine äußerst lebendige Musikszene gab. Selbst kleinere Ortschaften hatten damals ein Tanzlokal, das am Wochenende brechend voll war. Und immer stand eine Band auf der Bühne und spielte die neuesten Hits.
Ihr Buch richtet sich aber nicht nur an Musiker?
Nein, auf keinen Fall. Es richtet sich an alle, die damals gerne auf den Tanz gingen und Bands wie die Dominos, Power Play, die Night Stars, Emotion, Burning Flare oder Foxtrott erlebt haben. Wir beschreiben nicht nur die Kapellen, die damals beliebt waren, sondern schildern auch das Treiben in den Tanzlokalen, die damals beliebte Treffpunkte für die Jugend waren, zum Beispiel den Adler in Ennetach, das Waldhorn in Krauchenwies, der Löwen in Urnau, das Bräuhaus in Obereschach oder den Stern in Reute. Viele dieser Lokale waren wahre Kontaktbörsen für die ländliche Jugend. Nicht wenige Ehepaare haben sich dort kennen- und lieben gelernt. Auch diesen Lesern bietet das Buch ein Wiedersehen mit einer für sie unvergesslichen Zeit.
Wann begann und endete die Zeit der berühmten Lokale, in denen die Bands auftraten, zum Beispiel der Adler in Ennetach?
Die meisten dieser Lokale erlebten in den 60ern und 70ern einen unglaublichen Aufschwung. Die jungen Leute hatten Geld und ein Auto und wollten, anders als ihre Eltern, ihr Wochenende nicht mehr in der dörflichen Gastwirtschaft verbringen. Für die Wirte war das ein gigantischer Markt, ebenso für die Musiker, die jedes Wochenende auf einer anderen Bühne standen. Viele Bands dieser Zeit absolvierten pro Woche zwei, drei Auftritte quer durch Oberschwaben – als Amateurmusiker, wohlgemerkt. In den 80ern kamen dann die ersten Diskotheken auf, die Musik lieferte dort der DJ. Für viele Tanzkapellen war das der Anfang vom Ende, ebenso für die meisten traditionellen Tanzlokale.
Auf wie viele Bands sind Sie bei der Recherche gestoßen und wie viele davon sind im Buch vermerkt?
Im Buch sind auf 450 Seiten mehrere Hundert Bands verzeichnet. Mehr als 300 beschreiben wir ausführlicher. Wo es geht, zeigen wir sie im Foto. Die Namen der beteiligten Musikerinnen und Musiker gehen in die Tausende. Auch neuere und jüngere Bands sind dabei, bis in die Gegenwart, so etwa Jigger Skin aus Deggenhausertal, Hautnah aus Sigmaringen oder Mucke aus Überlingen. Dabei handelt es sich immer um Tanzkapellen oder Coverbands. Rockbands mit eigenem Songmaterial, Jazzkapellen oder volkstümliche Gruppierungen haben wir nicht berücksichtigt, wobei bei vielen Musikern die Grenzen aber oftmals fließend sind.
Wie sah die Aufgabenverteilung zwischen Ihnen und dem Mitautor Peter Fischer aus?
Peter Fischer war Musiklehrer und kennt die Szene in- und auswendig, weil er seit Jahrzehnten selbst Bandmusiker ist. Ich selbst komme vom Journalismus. Schreiben und Recherchieren gehören zu meinem Handwerk. Das hat sich ideal ergänzt. Wir beide kennen uns übrigens schon ewig und machten in der Gegend von Meßkirch bereits als Schüler gemeinsam Tanzmusik.
Wie viel Zeit haben Sie für die unglaublich umfangreiche Recherche aufgewendet?
Alles in allem brauchten wir etwa anderthalb Jahre.
Namen, Bands und Bilder aus den Anfangsjahren zu recherchieren und zu besorgen, ist Ihnen sicher nicht leichtgefallen. Was stellte bei den Nachforschungen die größte Herausforderung dar?
Viele Musiker, die in den 50er- und 60er-Jahren in unserer Region auf der Bühne standen, sind inzwischen verstorben. Andere haben Mühe, sich an die Ereignisse zu erinnern. Aber da konnten wir durch geduldiges Nachfragen manche Erinnerung wieder wachrufen. Genauso war es bei den Bandfotos. Diese Bilder sind wahre Schätze und zudem aufschlussreiche Dokumente der Zeitgeschichte. Sie schlummerten oft Jahrzehnte lang in Fotoalben und verstaubten im Schrank. Es war für uns eine reizvolle Aufgabe, sie hervorzuholen und der Nachwelt zugänglich zu machen.
Mit Beginn der „härteren Musik“ waren die Bands auch vor technische Probleme gestellt. Wie entwickelte sich das Equipment im Laufe der Jahre?
Bis Ende der 60er-Jahre hatten viele Bands eine sehr einfache Anlage. Die Säle waren ja noch klein, da reichten Gitarren, Bass, Schlagzeug und ein paar Boxen. Das änderte sich in den Siebzigern, da musste eine gescheite Gesangsanlage und eine Hammond-Orgel her. So richtig aufgerüstet wurde zehn Jahre später, als die Livebands mit dem DJ konkurrieren mussten. Das konnten sie nur mit sehr viel Aufwand. Die Partyband Midnight Sun aus dem Kreis Sigmaringen erzählte uns, dass sie 100 000 Mark in eine PA-Anlage steckte. Die Band musste einen Kredit aufnehmen und sich eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts verwandeln, um den Vertrag unterschreiben zu können.
Gab es in Oberschwaben auch Bands, die weit über die Region hinaus bekannt waren, wie z. B. Schwoißfuaß?
Die meisten Bands blieben innerhalb der Region, verschafften sich hier aber oft eine treue Anhängerschaft. Bei Schwoißfuaß lief es ja anderes, weil das keine Tanzkapelle war, sondern eine Rockband mit eigenen Platten und selbstgeschriebenen Hits. In unserem Buch kommen sie aber trotzdem vor, weil Bandgründer Alex Köberlein ebenfalls mit Tanzmusik angefangen hat. Mit seinem Zwillingsbruder Georg spielte er Ende der 60er-Jahre in Bad Schussenried in einer Kapelle namens Eddie Five, später in Biberach bei Soul Inspiration und Tatzelwurm. Rockmusiker lernten ihr Handwerk oftmals in der Stadtkapelle oder in einer Tanzkapelle – was übrigens eine gute Schule war.
Die „Langhaarigen“ galten damals, aus Sicht des Establishments, als Revoluzzer und wurden teilweise als Gammler verunglimpft. Konnten Sie hier besondere Geschichten in Erfahrung bringen?
Ja, das haben viele frühere Musiker bestätigt. Insbesondere in den 60er-Jahren war das ein Thema. Curd Conrad Müller, damals bei der Beatband Hitchhikers in Ravensburg, erzählte, er sei von einem Lehrer geohrfeigt worden, weil er sich die Haare wachsen ließ. Auch im Umfeld von Power Play aus Riedlingen gab es viele solcher Geschichten. Ein Mitmusiker wurde mit Gewalt zum Friseur geschleift, wo ihm die Mähne geschoren wurde. Andere Musiker waren aktiv dabei, als es Ende der 60er-Jahre in Ravensburg, Biberach und Überlingen zu Demonstrationen kam. In unserem Buch zitieren wir Herbert Bopp, zu dieser Zeit Gitarrist der Biberacher Beatband Outlaws: „Dass wir, wie auch die anderen Bands, Biberach ein wenig vom Kleinstadtmief befreien konnten, erfüllt mich auch 60 Jahre später noch mit Stolz.“ Ich finde, dieser Satz bringt das Empfinden einer ganzen Generation auf den Punkt.
Sind Sie bei Ihren Recherchen auch auf lustige Anekdoten von Bands und Musikern gestoßen?
Oh ja, und nicht zu knapp. Vor allem in den Anfangsjahren muss es wild zugegangen sein. Harald Schlude, einer der ersten Musiker in der Sigmaringer Szene, erzählte, unter welch abenteuerlichen Umständen damals Instrumente und Verstärker transportiert wurden. Einmal, in einer kalten Winternacht auf dem Heuberg, fuhr man nach einem Auftritt mit dem Auto direkt in einen Misthaufen. Der Bauer war nicht amüsiert, und zudem ging der Bass kaputt. Kaum zu glauben war für uns auch, dass die Behörden in Vorarlberg den Tanzkapellen Anfang der 60er-Jahre offiziell untersagten, Twist zu spielen, weil sie den Tanz für unmoralisch hielten. Die Roulettis aus Dornbirn wichen deshalb auf ein Bodensee-Schiff aus und spielten ihre Twist-Nummern auf deutschen Gewässern.
Bald ist Weihnachten. Warum sollten unsere Leser das Buch als Geschenk auf den Gabentisch legen?
Wer früher Musik machte oder heute immer noch macht, wird sich sicher freuen, wenn er sich und seine Mitmusiker auf einer der 450 Seiten entdeckt. Aber das Buch ist nicht nur ein Nachschlagewerk für Musikerinnen und Musiker, sondern vor allem eine Zeitreise für eine breite Leserschaft zurück in die Jahre ihrer Jugend. Sie führt die Menschen in Oberschwaben und am Bodensee zurück in eine Zeit, als man am Wochenende „auf den Tanz ging“, wie es damals hieß, tolle Bands erlebte und in den Tanzlokalen gemeinsam Spaß hatte. Ein Musiker sagte zu mir: „Ich bedaure jeden, der diese Zeit nicht miterlebt hat.“
Weitere Termine für die Buchvorstellung
Die Autoren sind weiter auf Tour. Die nächste Buchvorstellung findet am Donnerstag, 4. Dezember, 19.30 Uhr, im Engel Hotel & Diner statt. Gastgeber ist Peter Engel, als aktiver Musiker landauf, landab bekannt und früher als Mitglied von Night Stars, Coco und Foxtrott auf vielen Bühnen präsent. Mit seinem Duo „Pit & Al Bino“ steuert er die passende Musik für unsere Lesung bei. Außerdem ist er im zweiten Teil unserer Lesung Gast in unserer Talkrunde und erzählt aus seiner musikalischen Vergangenheit. Weitere Gäste auf der Talkbühne: Jürgen Schmid und Peter Stotz vom Schwabenexpress.
Eintritt: 10 Euro (inkl. Begrüßungsgetränk).
Am Sonntag, 14. Dezember, stellen die Autoren ihr Buch in Hausen am Andelsbach (bei Krauchenwies) auf der Kleinkunstbühne im Gasthaus Hirsch, Alte Hauptstraße 1 vor. Veranstalter ist der Kulturzirkel Hausen a. A. Die Musik kommt an diesem Abend von dem allseits bekannten Gianni Dato. Für ihn heißt es an diesem Abend „Back to the roots“: Er hatte in jungen Jahren als Bassist bei den Samurais im benachbarten Pfullendorf begonnen. Als Talkgast plaudert er über seine kurvenreiche musikalische Laufbahn von damals bis heute. Auch sein früherer Bandkollege Siegfried „Jack“ Kernler aus Hausen a. A., einst bei den Shadows, Smile und vielen andere Bands, ist Gast unserer Talkrunde und erzählt aus der Zeit, als im Waldhorn in Krauchenwies, im Adler in Ennetach oder im Löwen in Urnau jedes Wochenende Live-Kapellen auf der Bühne standen.
Einlass ist um 17 Uhr. Der Saal ist bewirtet, für Essen und Getränke ist gesorgt. Eintritt frei, wir bitten um eine Hutspende.
Das Buch
Die Autoren des Buches „Oberschwaben rockt“, sind Dieter Löffler und Peter Fischer. Es beschreibt Tanzkapellen, Bands, Locations. Verlegt wurde das Werk im Gmeiner Verlag Meßkirch (2025). Es umfasst 450 Seiten und ist mit zahlreichen Illustrationen versehen. Das Buch kann im Handel für 35 Euro erworben werden. Dank des aufwendigen Personen- und Bandregisters können sich die Leser sich wunderbar durch das umfangreiche und spannende Werk navigieren lassen.