Zur Erinnerung an den wichtigen Salzhandel im Mittelalter fand am vergangenen Samstag der historische Salzzug zwischen Immenstadt am Alpsee im Oberallgäu und Simmerberg im Westallgäu – erstmals wieder seit 2018 – statt. Dabei wurde der traditionsreiche Zug – auf dem Teilstück zwischen Immenstadt und Simmerberg – möglichst originalgetreu nachgestellt. Salz galt immer schon als kostbares Gut. Nicht umsonst galt der Spruch, der auch heute noch Gültigkeit hat: „Kein Salz im Haus – Not im Haus!“
Mit zehn Pferdefuhrwerken, eines davon war schon mehr als 100 Jahre alt, begleitet von Kutschen und zahlreichen Reiter*innen, alle in historischen Kostümen, machte sich der Tross trotz großer Hitze am Samstagmorgen vom Viehmarktplatz in Immenstadt auf den langen und beschwerlichen Weg nach Simmerberg im Westallgäu, wo er am späten Nachmittag eintraf. Eine echte Höchstleitung für Mensch und Tier!
In Genhofen, vor dem Anstieg auf den Hahnschenkel, wurde der Zug gesegnet
Der Weg führte von Immenstadt entlang des Alpsees nach Thalkirchdorf und nach einer Pause bis nach Oberstaufen. Weiter ging es nach Genhofen. Dort folgte, begleitet von Alphornbläsern, die traditionelle, historisch belegte Segnung des Zuges in der St. Stephanskapelle vor dem steilen und beschwerlichen, im Mittelalter gefährlichen und gefürchteten Anstieg auf den sogenannten „Hohen Steig“ zum berüchtigten Hahnschenkel. Dieser Anstieg, früher noch steiler als heutzutage, bedeutete damals für Mensch und Tier aber auch das Material eine enorme Herausforderung. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Es folgte die steile Abfahrt über Burkatshofen zum Ziel auf dem Festplatz in Simmerberg. Dort verkürzte ein umfangreiches Rahmenprogramm mit kulinarischen Köstlichkeiten und musikalischen Leckerbissen die Wartezeit auf den Salzzug.




Am Samstag startete der Zug um 9.30 Uhr in Immenstadt und kam um 17.00 Uhr in Simmerberg an, wo er von zahlreichen Schaulustigen mit einem großen Volksfest empfangen wurde. Auch auf der gesamten Strecke begrüßten viele Menschen den Zug am Wegesrand herzlich und klatschten Beifall.
Wie im Original wurde der Zug durch eine Reitereskorte der Königsegg’schen Soldaten, Adligen und Marketendern begleitet.
Zahlreiche Mitreisende hatten sich als Salzhändler, Edelleute, Soldaten, Fuhrleute
In Simmerberg wurde die „kaiserliche Rodordnung“ nachgespielt
Auf einer Festbühne auf dem Dorfplatz in Simmerberg fand nach Eintreffen des Zuges ein kurzes Schauspiel statt, das an die kaiserliche „Rodordnung“ in einem festgelegten Ritual erinnerte. Es zeigte die Übergabe der wertvollen Salzfracht an den sogenannten „Salzfaktor“. Nachgestellt wurde dabei, wie ein Salzwagen vom Salzfaktor in Empfang genommen wurde, wie die kostbare Ware vom Wiegemeister geprüft, gewogen und der Lohn in Gulden und Kreutzer ausbezahlt wurde.
Der letzte Salzzug fand 2018 statt.
Der Salzzug transportierte viele wichtige Handelsgüter – der Salzfaktor wachte über die korrekte Abwicklung
Schwer beladen waren die Fuhrwerke und Kutschen mit ihrer wertvollen Fracht: Salz, Bier- und Weinfässer, Stoffballen sowie anderen damals wichtigen Handelsgütern..
Der „Salzfaktor“ war zu jener Zeit eine der mächtigsten Person im Ort. Er war als verlängerter Arm der Regierung für die Einhaltung der „Rodordnung“ und den geregelten Ablauf des Warenumschlags sowie über alle finanziellen Abwicklungen verantwortlich.




Sie beinhaltete neben den personellen Belangen auch die Pflege der Tiere und den Schutz der Fracht sowie das Arbeitsentgelt und die Abgaben.
1804 zum Markt erhoben: Salzhandel hat in Simmerberg eine lange Tradition
Der Salzhandel hat in der Region eine lange Tradition. Simmerberg verdankt dem Salzhandel die Erhebung zum Markt 1804 durch Kaiser Franz II.
Bis ins 19. Jahrhundert beförderten die sogenannten „Rödler“ das wertvolle Salz von den Salzbergwerken auf exakt festgelegten Routen und Wegen von Tirol entlang der Alpen.
Im 15. Jahrhundert wurde das Salz aus Hall aufgrund seiner guten Qualität zu einem „Exportschlager“. Es wurde von Hall in Tirol, über Reutte, das Tannheimer Tal, den Oberjochpass, Hindelang, Immenstadt nach Simmerberg gebracht, dort umgeladen, verzollt, bewertet und bis an den Bodensee transportiert. In Lindau erinnert noch die Salzgasse auf der Insel an den florierenden Handel mit dem „weißen Gold“.





Ab Reutte gab es zwei Hauptwege, die Untere und die Obere Salzstraße. Die Obere oder auch „Tiroler Straße“ genannt, führte durch das damals bedeutende Simmerberg.
Salzstraßen waren in feste Tagesetappen eingeteilt
Die Salzstraßen waren in feste Abschnitte unterteilt, welche jeweils einer Tagesetappe entsprachen. Die Salzfaktoreien (ähnlich wie die Karawansereien im Orient) waren die Endpunkte dieser Etappen, an welchen der große Warenumschlag stattfand. Das ganze Salz musste unter staatlicher Kontrolle ab- bzw. umgeladen werden. Die Handwerker kümmerten sich um die Tiere, welche in Stallungen gebracht wurden, und das Geschirr. Die Menschen konnten sich in den Tafernen erholen und amüsieren.




Bedeutender Rohstoff für das Allgäu
Das Salz war ein bedeutender Rohstoff für die Wirtschaft des Allgäus. Neben dem hall-inntalischen Salz wurde auch mit dem aus Reichenhall gehandelt.
Nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie Augsburg-Lindau im Jahre 1853 wurde die Salzfaktorei in Simmerberg eingestellt.
Salz als „Geschenk der Götter“
Salz galt früher als „weißes Gold“ und Geschenk der Götter. Um seinen Besitz gab es zahllose Kämpfe. Wir Menschen sind auch heute noch vom Salz abhängig, auch wenn es längst leicht und billig zu haben ist. Ist kein Salz im Haus, dann herrscht große Not!
Das vermutlich erste Salzbergwerk nahm bereits vor 3.000 Jahren seinen Betrieb in Hallstatt in den oberösterreichischen Alpen auf. Mühsam und aufwändig musste das kostbare Gut über weite Handelswege quer durch Europa, teils zu Wasser, teils zu Land, transportiert werden. Salz war so kostbar, dass die alten Römer ihren Soldaten als Sold eine Ration Salz auszahlten.
Der historische Salzzug quer durchs Allgäu erinnert daran, wie beschwerlich und (lebens-)wichtig zugleich der Transport des „weißen Goldes“ war.