Am deutschen Bodenseeufer entsteht eine gemeinsame Vogelschutzstrategie. Fachleute aus Forschung und Naturschutz wollen Projekte künftig besser vernetzen und den Artenschwund bremsen.
Die Vogelwelt am Bodensee hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Nach aktuellen Inventurergebnissen der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee ist das Vogelaufkommen in den vergangenen 30 Jahren um 25 Prozent zurückgegangen. Das entspricht einem Verlust von rund 100.000 Brutpaaren. Von den 156 erfassten Brutvogelarten gelten inzwischen 40 Prozent als gefährdet.
Rohr-Vogelschutz-Stiftung bringt Akteure zusammen
Um den Vogelschutz am deutschen Bodenseeufer besser zu koordinieren, hat die Rohr-Vogelschutz-Stiftung die Entwicklung einer gemeinsamen Vogelschutzstrategie angestoßen. Im Mittelpunkt eines Auftakttreffens stand der Aufbau einer Plattform für den Austausch zwischen Forschung, Naturschutz und Landschaftspflege. Ziel ist es, bestehende Projekte besser miteinander zu verknüpfen und wirksame Maßnahmen für den Erhalt der Vogelwelt zu entwickeln.
Die Ursachen für den Rückgang der Vogelbestände sind vielfältig. Sie reichen von der Ausweitung von Siedlungsflächen über die intensive Landwirtschaft bis hin zum Klimawandel. Gleichzeitig verändert sich die Artenzusammensetzung: Kälteliebende Arten wie der Fitis ziehen sich zurück, während wärmeliebende Arten wie die Nachtigall zunehmend geeignete Lebensräume finden.
Breites Netzwerk beteiligt sich
„Wir haben offene Türen eingerannt“, berichtete Dr. Patrick Pyttel von der Bodensee-Stiftung über vorbereitende Gespräche mit Verbänden und Gruppen. Die Umweltschutzorganisation mit Sitz in Radolfzell ist gemäß Satzung der Rohr-Vogelschutz-Stiftung mit der Umsetzung des Stiftungszwecks beauftragt.
Am Auftakttreffen beteiligten sich Vertreterinnen und Vertreter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee, der Universität Freiburg, des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie, der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, der Landschaftserhaltungsverbände Konstanz und Bodenseekreis sowie von BUND, NABU Bodenseezentrum, Naturschutzzentrum Eriskirch und Heinz-Sielmann-Stiftung.
„Es wird oft von Doppelstrukturen gesprochen. Das hier kann eine Chance für die weitere Zusammenarbeit sein“, sagte Gastgeberin Lisa Maier vom NABU Bodenseezentrum.
Offenland und Gebäudebrüter im Fokus
Nach einer Bestandsaufnahme laufender und geplanter Projekte identifizierten die Teilnehmer besonders dringende Handlungsfelder. Als Beispiele wurden der starke Rückgang der Vogelarten im Offenland sowie der Schutz von Gebäudebrütern genannt. Angepasste Pflege- und Gestaltungsmaßnahmen sowie mehr Aufklärung und die Einbindung engagierter Bürgerinnen und Bürger könnten hier wirksame Beiträge leisten.
Unter der Moderation von Dr. Thomas Schäfer von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee wurden die vorgeschlagenen Maßnahmen nach Priorität sowie nach Finanz- und Zeitaufwand geordnet.
„Die Schwarmintelligenz zeigt: Wo sind die Defizite, wo kann man handeln und wo hat man schnell einen Ertrag. Ich sehe hier keine großen Differenzen in der Schwerpunktsetzung. Was jetzt nötig ist, sind Feinheiten bei der Ausarbeitung“, fasste Dr. Stefan Werner, Leiter der Regionalstelle Nordostschweiz der Schweizerischen Vogelwarte, die Diskussion zusammen.
Leitbild für die nächsten fünf Jahre
Für Patrick Pyttel markiert das Treffen den Start der Erarbeitung einer gemeinsamen Vogelschutzstrategie. In den kommenden Monaten soll gemeinsam mit den beteiligten Akteuren ein Leitbild entstehen, das die Entwicklung des Vogelschutzes am Bodensee in den nächsten fünf Jahren vorgibt. Die Strategie soll als Grundlage für konkrete Projekte und Fördermaßnahmen dienen. Halbjährliche Netzwerktreffen sind geplant, um den Austausch dauerhaft fortzuführen.
Volker Kromrey, Geschäftsführer der Bodensee-Stiftung und Vorstandsmitglied der Rohr-Vogelschutz-Stiftung, zog ein positives Fazit: „Dieses erste Treffen war ein wichtiger Auftakt. Wir hoffen, dass viele weitere folgen – mit Mehrwert für alle Beteiligten und vor allem für den Vogelschutz am Bodensee.“
(Quelle: Bodensee-Stiftung)