Am Bodensee startet die Apfelsaison 2026 mit Aussicht auf geschmacklich hochwertige Früchte. Sorgen bereiten den Obstbauern Preise und Wasserversorgung.
Mit dem traditionellen Auftakt auf dem Obsthof Gierer in Langenargen/Oberdorf hat die Obstregion Bodensee den Beginn der diesjährigen Ernte gefeiert. Trotz eines zunächst sehr trockenen Sommers rechnen die Betriebe mit qualitativ hochwertigen Äpfeln und sehen sich für die Vermarktung gut aufgestellt.
Gleichzeitig machten Branchenvertreter vor Gästen aus Politik, Verwaltung, Handel und Landwirtschaft auf wirtschaftliche Herausforderungen aufmerksam. Im Mittelpunkt standen faire Erzeugerpreise und eine verlässliche Wasserversorgung.
„Unsere Betriebe produzieren unter höchsten Qualitäts-, Umwelt- und Sozialstandards. Aber Nachhaltigkeit braucht wirtschaftliche Tragfähigkeit. Idealismus allein bezahlt keine Löhne, finanziert keine Investitionen und erhält keinen Familienbetrieb über die nächste Generation“, betont der Vorsitzende der Obstregion Bodensee, Erich Röhrenbach.
Rund 221.000 Tonnen Äpfel erwartet
Die Apfelernte am Bodensee wird auf rund 221.000 Tonnen hängende Ware geschätzt. Das sind etwa 7 Prozent weniger als im Vorjahr und rund 9 Prozent weniger als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
Die Obstbauern rechnen dennoch mit hervorragendem Geschmack. Ein ausgewogenes Zucker-Säure-Verhältnis, gute Fruchtfestigkeiten und das attraktive Erscheinungsbild lassen auf eine erfolgreiche Vermarktung hoffen.
Die Jonagold-Gruppe liegt nach der ersten Schätzung mit rund 47.000 Tonnen vorn. Gala und Elstar folgen mit jeweils 32.000 Tonnen, Braeburn mit 24.000 Tonnen. Die Clubsorten Kanzi, Evelina, Kiku und Magic Star erreichen zusammen rund 45.000 Tonnen und damit mehr als ein Fünftel der Bodenseeproduktion.
Kleinere Ernte in Europa
Für Deutschland wurde Anfang Juli zunächst mit etwa einer Million Tonnen Äpfeln gerechnet. Da es anschließend bis Mitte August in vielen Regionen trocken war, gilt diese Schätzung inzwischen als etwas zu hoch. Eine neuere Prognose des Statistischen Bundesamtes geht von 934.000 Tonnen aus.
Europaweit erwarten Experten etwa 9,5 Millionen Tonnen Äpfel. Das wären rund 16 Prozent weniger als im Vorjahr und die kleinste EU-Ernte seit 2017. Für ein Marktgleichgewicht in Europa werden etwa 10,7 Millionen Tonnen benötigt. Die Branche sieht deshalb Chancen auf eine verbesserte Marktsituation und höhere Preise.
Obstbauern fordern faire Preise
Nach Angaben der Obstregion Bodensee waren die Auszahlungspreise des vergangenen Vermarktungsjahres für viele Betriebe nicht kostendeckend. Gleichzeitig sind die Produktionskosten erheblich gestiegen. Kostete die Produktion eines Kilogramms Äpfel 2019 noch rund 45 Cent, liegen die Kosten heute bei etwa 65 Cent. Hinzu kommen gestiegene Lohn-, Energie- und Betriebsmittelkosten.
„Die Lage im deutschen Obstbau ist ernst. Sehr ernst. Es geht inzwischen nicht mehr nur um die Frage, ob ein Jahr wirtschaftlich gut oder schlecht läuft. Es geht um die Frage, ob wir in Deutschland auch in fünf Jahren noch in nennenswertem Umfang heimisches Obst produzieren werden“, sagt Röhrenbach.
Die Berufsstandsvertreter fordern faire Marktbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette und eine stärkere Berücksichtigung der tatsächlichen Produktionskosten. Wie Röhrenbach sinngemäß ausführt, müsse die Preisgestaltung auf den Erzeugerkosten aufbauen und von unten nach oben kalkuliert werden, statt den Betrieben lediglich den nach Abzug der Kosten von Handel, Vermarktung und Lebensmitteleinzelhandel verbleibenden Betrag zu überlassen.
Wasser wird zur Zukunftsfrage
Ein weiteres zentrales Thema ist die Wasserverfügbarkeit. Die anhaltende Trockenheit habe erneut gezeigt, wie wichtig Bewässerungssysteme für die Zukunft des Obstbaus seien.
Zahlreiche Betriebe investieren bereits in Bewässerungstechnik oder bemühen sich um Genehmigungen für Wasserentnahmen und Speicherlösungen. Langwierige Genehmigungsverfahren und hohe Planungskosten würden jedoch viele Projekte verzögern.
Die Obstregion Bodensee fordert deshalb einen deutlichen politischen Willen zum Ausbau der Wasserinfrastruktur und schnellere Verfahren für Bewässerungsprojekte. „Wasser ist nicht nur im Kampf gegen Trockenheit, sondern auch zum Schutz vor Frostereignissen unverzichtbar.“
FAIRDI für Nachhaltigkeitspreis nominiert
Positive Impulse sieht die Branche beim Projekt FAIRDI. Es setzt auf robuste Apfelsorten, eine deutliche Reduzierung des Fungizideinsatzes und eine enge wissenschaftliche Begleitung.
Röhrenbach gibt bekannt, dass FAIRDI am Donnerstag, 27. August, für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Produkte 2027 im Bereich Natur nominiert wurde. Die Obstregion Bodensee e.V. ist Markeninhaber von FAIRDI und wertet die Nominierung als Bestätigung für den eingeschlagenen Weg bei Innovation, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit.
Langenargens Bürgermeister Ole Münder, nach eigenen Angaben treuer Kunde des Hofladens Gierer, betont: „Der Obstbau hat für unsere Region eine ganz besondere Bedeutung. Er prägt unsere Landschaft, gehört zu unserer Identität und ist gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftszweig.“
„Die deutsche Bodenseeregion zählt zu den klimatisch weltbesten Anbaugebieten für lecker Obst“, sagt auch die Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat, Sarah Schweizer MdL.
Appell an Politik und Handel
Zum Abschluss richten die Berufsstandsvertreter der Obsterzeuger einen gemeinsamen Appell an Politik, Handel und Verbraucher. „Regionale Lebensmittel sind mehr als ein Produkt. Sie stehen für Versorgungssicherheit, Kulturlandschaft, Arbeitsplätze und kurze Transportwege.“
Mit dem Start der Ernte trifft nach Einschätzung der Branche eine hochwertige Qualität auf eine europaweit knappe Versorgung. Die Obstbauern hoffen, dass sich dies auch in einer besseren wirtschaftlichen Perspektive für die Betriebe widerspiegeln wird.
Die Obstregion Bodensee e.V. vertritt rund 900 Betriebe mit etwa 9.000 Hektar Anbaufläche, davon 6.500 Hektar Apfel. Das Gebiet erstreckt sich über Konstanz, den Bodenseekreis, Ravensburg und Lindau. Die Vermarktung erfolgt unter der Marke „OBST VOM BODENSEE“.
(Quelle: Obstregion Bodensee e. V.)