Beim Erntepressegespräch des Kreisbauernverbandes Biberach-Sigmaringen e.V. in Moosheim nahmen die Vorstandsmitglieder, weitere Teilnehmer und das Gastgeberpaar Igor und Susanne Hermann (Gut Dietzsch-Doertenbach) kein Blatt vor den Mund. Die Erntesaison war durch die witterungsbedingten Einflüsse schwierig. Mit Sorgen blicken die Bauern auf die weitere Entwicklung, die durch den, in einem noch nicht bekannten Ausmaß vom Klimawandel beeinflusst wird.
Die langanhaltenden Hitzeperioden sorgten für eine außerordentliche Dürre auf den Feldern. Wurden bisher im Verbandsgebiet eine Regemenge von 700 bis 800 Liter jährlich verzeichnet, waren es bis Ende Juli nur 270 Liter. Die Böden sind mittlerweile wegen der Temperaturen und fehlenden Niederschlagsmengen bis auf 1,2 Meter Tiefe trocken. Die Wetterwarte Süd (Bad Schussenried) hält in ihrem gestrigem Bericht zur Wetterstatistik Juli fest: „In einem Meter Tiefe stiegen die Bodenwerte über die 20-Grad-Marke, was die Trockenheit noch verschärfte, zumal Hochdruckgebiete alle regenbringenden Tiefausläufer von uns fernhielten.“ https://www.wochenblatt-news.de/wetter/wetterstatistik-der-wetterwarte-sued-fuer-juli-2026/

Zwar brachte der Juli mit einer Wetterumstellung und einigen Gewittern etwas von dem sehnsüchtig erwartenden Niederschlag, doch für die Kulturen war dies zu spät. Getreide, Mais und Raps litten, eine Notreife setzte ein. Punktuell sorgte zudem Hagelschlag für weitere Schäden an den Kulturen, die bis hin zum Komplettausfall reichten. Alwin Lutz (Moosheim) blickte sorgenvoll voraus: „Die Reserven der Betriebe sind bald aufgebraucht, das große Problem kommt aber erst im nächsten Jahr.“
Mehr zu den Erntemengen, Qualitäten und dem Gastgeber des Erntegesprächs gibt es hier:
Höhere Preise für Milchprodukte zu erwarten
Die Hitzeperioden setzten vor allem dem Grünland zu, in vielen Regionen konnte nur ein Grünschnitt, anstatt der sonst üblichen drei bis vier eingebracht werden. Mittlerweile ist das Grünland nahezu dürr, weitere Ernten sind kaum mehr vorstellbar. Zudem wird es lange dauern, bis die Grünlandflächen sich von der Trockenheit erholen. Dies stellt nicht nur die Rindviehhalter vor große Probleme. Neben ihren Betrieben gerät auch der Milchmarkt unter Druck. Teilweise muss auf den Höfen bereits der Wintervorrat zugefüttert werden. Als Folge zeichnen sich sinkende Milchmengen ab. Landwirte sehen sich mittlerweile gezwungen, einen Bestandsabbau im Stall zu betreiben, Kälber und Milchvieh gehen frühzeitig zum Schlachthaus. Kreisvorsitzender Karl Endriß schilderte die Situation mit deutlichen Worten: „Kühe und Kälber, die nicht mehr im Stall sind, kann man nicht mehr melken!“ Sein Blick auf den Fleischmarkt verheißt auch nicht gutes. „Wir Bauern profitieren nicht von dieser Entwicklung, weil unsere Erzeugerpreise beim Rindfleisch sinken.“ Für die Verbraucher bedeutet dies, so Endriß, dass diese sich wegen der Verknappung der Milchmengen spätestens im kommenden Jahr auf deutlich steigende Preise bei allen Milchprodukten einstellen müssen. Endriß nahm auch alle Hoffnungen, dass sich die Verbraucher auf günstigere Preise beim Rindfleisch freuen können. Alwin Lutz (Moosheim) schob nach, dass der Handel von Lebensmitteln ein Unding sei: „Es sollte verboten sein, dass mit Lebensmitteln an der Börse spekuliert wird.“
Selbstversorgungsgrad bei Schweinen unter 40 Prozent
Auch bei den Schweinemästern ist die Lage prekär. Die stellvertretende Vorsitzende Martina Magg-Riedesser (Achstetten) konnte auf Nachfrage berichten, dass der Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch in Baden-Württemberg mittlerweile unter 40 Prozent liegt. Auch die Preise sind im Keller. „Für Mastschweine erhalte ich derzeit nur noch 1,40 Euro je Kilo. Ich binde damit jedem Schwein, das vom Hof geht, noch betriebswirtschaftlich 40 Euro an den Schwanz“, so Magg-Riedesser, die sich fragt, wie lange sich das „Geschäft“ noch lohnt.
Preisspirale dreht sich nach unten
Als großes Problem für die Landwirte stellt sich der Handel dar. „Die drehen immer weiter an der Preisspirale, zulasten der regionalen Erzeuger. Es gibt genügend Schweinefleisch in den Ladentheken, aber nicht von den regionalen Erzeugern,“ so Magg-Riedesser. Der Preis an der Ladentheke bleibe aber gleich, auch deswegen fordert sie vom Handel eine klare Deklaration von regional produzierten Lebensmitteln, sowie die strikte Einhaltung geschlossener Verträge durch die Handelskonzerne.
Der deutsche Selbstversorgungsgrad über alle Erzeugnisse gerechnet liegt derzeit bei 70 Prozent. „Die Verbraucher lassen sich täuschen, denn wenn sie in die Supermärkte kommen, sind alle Waren vollumfänglich verfügbar, die Regale voll,“ so Endriß. Dies erwecke einen völlig falschen Eindruck von der Realität, denn die Ernährungssicherheit ist nur noch bedingt gegeben.
Schonungslose Offenheit
Bei der Diskussion um die Lage der Landwirtschaft wurden die Probleme offen angesprochen. So sprach Magg-Riedesser die derzeitige Hitzebelastung der Tiere an. Peter Wicker (Bad Saulgau), Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Beratungsdienstes Biberach-Sigmaringen-Bodensee e.V., berichtete über die aktuellen Milchpreise: „Von 55 Cent je Liter ging es runter auf 38 Cent. Damit bleibt in den Betrieben nichts mehr liegen.“ Endriß sprach angesichts der Strohknappheit von fast mafiaähnlichen Methoden: „Eigentlich wäre man gezwungen gewesen auf den Äckern die Strohballen zu bewachen, um einen ‚Schwund‘ während der unbeaufsichtigten Pausen zwischen den einzelnen Abfuhren zu verhindern.“
Gastgeber Igor Hermann, verwies auf die Probleme in dem von ihm bewirtschafteten Gutshof. Demnach ist auch der Ökobetrieb vor Herausforderungen gestellt. Problematisch sieht der die Beziehungen zwischen Erzeuger und Handel: „Es gibt Unsicherheiten über die Verbindlichkeit von Lieferverträgen mit Handelsketten, die ständig an der Preisschraube drehen möchten.“ Zur schwierigen Konkurrenzsituation mit dem Ausland sagte Hermann: „Tierwohlware kommt in Massen aus Spanien. Gemessen werden wir bei den Erzeugerpreisen am Weltmarkt.“
Auf einen bisher eher wenig beachteten Faktor für das tägliche Leben, die Wirtschaftsbetriebe und Landwirte machte Lutz aufmerksam. „Wir benötigen dringend ein wirksames Wassermanagement, denn der Kampf um Wasser wird auch bei uns erfolgen. Bei einer dauerhaften Verknappung der Grundwasservorräte wird sich der Wasserpreis enorm verteuern. Dies hat dann auch Auswirkungen auf die Sicherung der Lebensmittelversorgung.“
Große Belastungen und Herausforderungen
Doris Härle (Goppertshofen) betrachtete die Probleme der Landwirtschaft aus einem neuen Blickwinkel: „Die landwirtschaftlichen Betriebe sorgen für viele nachgelagerte Arbeitsplätze (z.B. Schlepperhersteller, Landmaschinenhersteller, Werkstätten, Kühltechnik, Stallbauten etc.). Die Vorsitzende der Landfrauen erinnerte auch daran, wie hoch mittlerweile der wirtschaftliche Druck auf den Bauernfamilien laste: „Die Probleme verfolgen die Familien bis zum Esstisch, manchmal bis ins Bett.“
Ein weiteres Fass wollte die Bunderegierung in der Sommerpause mit dem „Natürlichen Infrastrukturgesetz“ aufmachen. Dagegen regt sich aber heftiger Gegenwind aus Baden-Württemberg, weil Schutzgebiete einen noch höheren Vorrang erhalten sollen. Endriß wies darauf hin, dass bereits 50 Prozent der Flächen in Baden-Württemberg im Naturschutz enthalten seien und die Landwirte freiwillig mitmachten. Endriss befürchtet einen weiteren Bürokratiekoloss, wie bei dem FFH-Gebiet Federsee. Landwirte hatten dort spezielle Maschinen angeschafft, um in diesem Schutzgebiet landschaftspflegerische Maßnahmen zu leisten. Jetzt erhielten sie, so Endriß, eine Kündigung der Verträge. Grund: Zu hohe Kosten für die Verwaltung!
Lutz fügte an: „Mit diesem Gesetzesvorhaben wird die Planungshoheit der Kommunen weiter eingeschränkt. Wir verlieren doch jetzt schon durch neue Baugebiete und Gewerbeflächen, sowie dem Straßenbau zu viele Flächen, die dauerhaft der Produktion von Lebensmitteln entzogen werden.“
Einen wichtigen Punkt hatte sich Endriß noch zum Schluss aufgehoben: „Wir brauchen die Möglichkeit, endlich steuerfreie Rücklagen zu bilden, wie sie andere Betriebe auch haben. In schlechten Ertragsjahren könnten dann die Rücklagen die betroffenen Betriebe stabilisieren.“