Die wirtschaftliche Lage vieler Schweinehalter in Baden-Württemberg verschärft sich weiter. LBV und BLHV fordern von Politik und Handel kurzfristige Maßnahmen, um die heimische Schweinehaltung zu sichern.
Viele schweinehaltende Betriebe wirtschafteten seit Monaten deutlich unterhalb der Kostendeckung. Die Liquiditätslage sei bei zahlreichen Höfen existenzbedrohend. Mit einem gemeinsamen Forderungspapier wenden sich der Landesbauernverband in Baden-Württemberg (LBV) und der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV) deshalb an Politik, Lebensmitteleinzelhandel und weitere Marktpartner. Sie fordern kurzfristige Unterstützung sowie langfristig verlässliche Rahmenbedingungen für die heimische Schweinehaltung.
Schweinehalter wirtschaften unter den Produktionskosten
Nach Angaben der beiden Verbände verschärfte sich die Lage auf dem Schweinemarkt in den vergangenen Monaten weiter. Die aktuellen Erzeugerpreise lägen deutlich unter den Produktionskosten. Als Beispiel nennen LBV und BLHV Schlachtschweinepreise von 1,40 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht und Ferkelpreise von 33 Euro pro Tier. Für eine wirtschaftliche Produktion seien dagegen mindestens 2,00 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht beziehungsweise 70 Euro je Ferkel erforderlich. Zusätzlich belasteten hohe Produktionskosten, fehlende Marktanreize für höhere Tierwohlstandards sowie mangelnde Planungssicherheit die Betriebe.
Hans-Benno Wichert, Vizepräsident des Landesbauernverbandes und Vorsitzender des LBV-Fachausschusses Vieh und Fleisch, erklärte: „Wir stehen an einem Punkt, an dem sich entscheidet, ob die Schweinehaltung in Baden-Württemberg noch eine Zukunft hat. Unsere Betriebe verlieren derzeit mit jedem vermarkteten Tier Geld. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, werden weitere Familienbetriebe aufgeben – mit gravierenden Folgen für die regionale Lebensmittelversorgung, den ländlichen Raum und die gesamte Wertschöpfungskette. Politik und Handel haben im Strategiedialog Verantwortung übernommen. Jetzt müssen den Zusagen endlich konkrete Taten folgen. Unsere Betriebe brauchen sofortige Liquidität, verlässliche Marktbedingungen und rentable Erzeugerpreise, die ihre Produktionskosten decken.“
Verbände fordern Maßnahmen von Politik und Handel
Nach Ansicht der Verbände reicht es nicht aus, auf eine Verbesserung der Marktlage zu hoffen. Sie sehen eine akute Existenzkrise und fordern unter anderem sofortige Liquiditätshilfen, wirtschaftlich tragfähige Erzeugerpreise sowie eine konsequente Umsetzung der Vereinbarungen aus dem Strategiedialog Landwirtschaft. Außerdem sprechen sie sich für langfristige Vermarktungsprogramme, die vollständige Weitergabe von Tierwohlaufschlägen, eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Schweinefleisch – auch in der Gastronomie und Außer-Haus-Verpflegung – sowie Bürokratieabbau und schnellere Genehmigungsverfahren aus.
Im Forderungspapier verlangen LBV und BLHV darüber hinaus unter anderem Vorauszahlungen bei Direktzahlungen, steuerliche Entlastungen, eine nationale Aufstockung der EU-Krisenbeihilfen, ein Sonderförderprogramm für die Ferkelerzeugung sowie stabile Rahmenbedingungen für Investitionen in die Schweinehaltung. Zudem fordern sie den Lebensmitteleinzelhandel auf, langfristige Lieferverträge zu sichern, Tierwohlaufschläge vollständig an die Erzeuger weiterzugeben und Produkte aus Baden-Württemberg stärker zu vermarkten.
Rückgang bei Betrieben und Tierbestand
Michael Fröhlin, stellvertretender Vorsitzender des BLHV-Fachausschusses Vieh und Fleisch, warnte, dass die Krise längst nicht mehr nur die Schweinehalter betreffe. „Fällt die heimische Schweinehaltung weg, gerät die gesamte regionale Wertschöpfungskette unter Druck: von der Ferkelerzeugung über Schlachtung und Verarbeitung bis hin zum Handel. Wer regionale Lebensmittel, kurze Transportwege und hohe Tierwohlstandards dauerhaft erhalten will, muss jetzt die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür schaffen. Ohne auskömmliche Erlöse gibt es keine Zukunft für die heimische Schweinehaltung.“
Wie stark sich der Strukturwandel bereits auswirkt, zeigen die Zahlen der Verbände: Die Zahl der schweinehaltenden Betriebe in Baden-Württemberg sank von 2.420 im Jahr 2016 auf 1.380 im Jahr 2026. Das entspricht einem Rückgang von 43 Prozent. Im gleichen Zeitraum verringerte sich der Schweinebestand von 1.796.500 auf 1.240.600 Tiere und damit um 31 Prozent beziehungsweise mehr als eine halbe Million Tiere. Nach Auffassung von LBV und BLHV kann die Schweinehaltung im Land nur erhalten und weiterentwickelt werden, wenn Politik, Handel und alle Partner entlang der Wertschöpfungskette ihre Verantwortung wahrnehmen.
(Quelle: Landesbauernverband in Baden-Württemberg e. V. und Badischer Landwirtschaftlicher Hauptverband e.V.)