Kurswechsel für Kirchengemeinden Der Diözesanrat winkt „Kirche der Zukunft“ durch

Der Diözesanrat winkt „Kirche der Zukunft“ durch
Mindestens 14 Kirchengemeinden müssen sich nach dem Reformbeschluss der Diözesanräte zu einer Raumschaft zusammenschließen. (Symbolbild: pixabay)

Bei der Diözesanratssitzung am vergangenen Samstag, 29. November, wurde das Projekt „Kirche der Zukunft“ bei nur einer Gegenstimme beschlossen. Ziel der nun angestoßenen Reform ist es, angesichts von sinkenden Steuereinnahmen und Personalproblemen die bisher über 1000 Kirchengemeinden auf minimal 50 bis maximal 80 Raumschaften (Verwaltungseinheiten) zu verkleinern. Im kommenden Jahr soll das Projekt mit der Bildung der Raumschaften beginnen.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist zuständig für die Christen von der Hohenlohe bis zum Bodensee, und vom Schwarzwald bis zur Ostalb. Auslöser für die Reform war der Rückgang der Gläubigen durch Austritte und die demografische Entwicklung. Die wirtschaftliche Prognose lässt zudem dauerhaft sinkende Kirchensteuereinnahmen erwarten, die Zahl derer, die eine Seelsorgeberuf ergreifen ist abnehmend.

Beteiligungsphase und Empfehlung

Vor der Sitzung in Untermarchtal wurden zum Reformprozess umfangreiche Beratungsrunden durchgeführt, das Stimmungsbild durch eine Beteiligungsphase abgefragt. Der Diözesanrat empfahl dem Bischof nach intensiver Beratung und Diskussion, aus aktuell 1020 rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden 50 bis 80 Raumschaften zu bilden. Dies soll Verwaltungsaufgaben reduzieren sowie dem kirchlichen Leben vor Ort finanziell und personell mehr Freiräume ermöglichen und es langfristig sichern. Der Bischof nahm das bis auf eine Gegenstimme einstimmige Votum des Diözesanrats an.     

Auf der Homepage der Diözese sind die weiteren Schritte nach dem Votum der Diözesanräte abgebildet.

Homepage der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Entscheidungen müssen nun vor Ort fallen

Nun müssen die Kirchengemeinden überlegen, wer zu wem passt. Es gilt in den neuen Raumschaften den gegebenen Strukturen gerecht werden. Der Diözesanrat sprach sich dafür aus, bei der Leitung der neuen Raumschaft neben Pfarrern auch geeignete Laien zu beteiligen. Für die Entlastung der Gemeindeleitung durch Verwaltungsbeauftragte soll noch eine konkrete Umsetzung erarbeitet werden.

Bis Ende 2026 soll klar sein, welche bisherigen Kirchengemeinden sich zu den neuen Raumschaften zusammenschließen (Modell einer Union), in dem eine Gemeinde die anderen aufnimmt. Den Zusammenschluss und die Zusammenarbeit legen die bisherigen Kirchengemeinden gleichberechtigt in einer Gründungsvereinbarung je nach den örtlichen Gegebenheiten fest.

Kommentar

Sind die Beschlüsse tatsächlich die Zukunft der Kirche?

Mit dem Beschluss des Diözesanrates hat das Projekt „Kirche der Zukunft“ eine entscheidende Hürde genommen. Dass der Beschluss nahezu einstimmig fiel, obwohl nur ganz wenige Christen am Anhörungsprozess teilgenommen haben (0,2 Prozent) verwundert schon. Damit wirkt die Reform als von vornherein in die „richtige Richtung“ gesteuertes Projekt, bei dem unliebsame Überraschungen vermieden werden sollten. Ein echter Dialog mit den betroffenen Gläubigen sieht anders aus.

Nach unseren Informationen wurde sogar die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers GmbH (PWC) eingeschaltet. Neben deren sicher üppigen Honoraren, ist es wenig überraschend, dass von dort der Prozess positiv begleitet wurde, denn auch bei Beratungsgesellschaften gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing! Dass wenigsten sein Zielkorridor bis zu 80 Raumschaften möglich wird, ist ein kleiner Trost, denn so müssen sich „nur“ 14 Kirchengemeinden zusammentun. Bei der von der Diözese angepeilten Marke von 50, wären es schon über 20 Pfarrgemeinden. Vergleiche mit dem Erzbistum Freiburg seien erlaubt. Besieht man sich beispielsweise die Pfarrei Sigmaringen, kann leicht festgestellt werden, wie groß (räumlich) solche Gebilde werden können.    

Mit der freiwilligen Zusammenlegung der Kirchengemeinden (Union) entsteht eine führende Pfarrei, diese stellt wohl auch, so es die Diözese akzeptiert, die Leitung der Raumschaft. Die Frage stellt sich aber, wie ist die Reaktion der Kirchenoberen aus Rottenburg, wenn ein starker Pfarrer mit Rückgrat benannt wird. Darf er dann die Leitung übernehmen, oder wird er mit warmen Worten abserviert? Die Diözese hat sich ohnehin mit den Verwaltungsbeauftragten, die sie als Kämmerer in den Raumschaften entsendet, einen starken Einfluss gesichert. 

Wie der Reformprozess bei den Gläubigen ankommt, wird das nächste Jahr zeigen, wenn die Suche nach Partnern beginnt. Schon jetzt kann man davon ausgehen, dass nicht alle Kirchengemeinden und deren Geistliche mit dem Reformprozess glücklich sind. Allein die geringe Mobilisierung bei der Beteiligung des Reformprozesses lässt ahnen, dass es noch Widerstände geben wird. Die getroffene Entscheidung beinhaltet in der Konsequenz auch ein Stück „Entfremdung“ der Kirche von ihren Gläubigen.