Der Ravensburger Landtagsabgeordnete August Schuler (CDU) gibt nach zwei Wahlperioden das Mandat im Landtag ab. In der Landespolitik hat er bei seinen Ausschusstätigkeiten (z.B. Umwelt, Klima und Energiewirtschaft) beachtenswerte Akzente gesetzt. Zudem engagiert sich Schuler mit einem beispielgebenden Einsatz im Ehrenamt. Wir konnten mit Schuler zum Abschluss seiner parlamentarischen Tätigkeit ein Interview führen.
Herr Schuler, Sie scheiden nach 10 Jahren aus dem Landtag aus. Was war die prägendste Zeit im Parlament?
Zentrale Aufgabe eines Abgeordneten aus dem „ländlichen Raum“ ist die Vertretung der Interessen aus dem Wahlkreis. Der Abgeordnete ist das parlamentarische Sprachrohr der Anfragen, Sorgen und Ideen der Menschen. Dazu kommt der Blick auf unsere Unternehmen, auf Industrie, Handel, Handwerk und Landwirtschaft, die ebenso berechtigte Interessen und Ziele haben. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, die Betriebe wollen zu Recht marktwirtschaftliche Freiheit und fordern weniger „Gängelung“, weniger Bürokratie vom Staat. Sie wollen „machen“. Wir Abgeordneten der Union aus Württemberg-Hohenzollern bilden eine Einheit mit gemeinsamen Zielen. Wir bringen das in die eigene Fraktion ein, stellen Anfragen und Anträge an die Landesregierung, sprechen direkt mit den Ministerien. Gefordert sind Teamfähigkeit, Loyalität, ein gutes Miteinander und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ein einzelner Abgeordneter kann weniger bewirken als eine starke Fraktion. Das war und ist für mich prägend. Wie auch die Herausforderungen der Corona-Jahre 2020/2021.
Was war für Sie im Parlament die größte Herausforderung, der größte Erfolg und die schmerzhafteste Niederlage?
Die parlamentarische Arbeit findet in den Ausschüssen statt. 10 Jahre habe ich den Ausschüssen Verkehr, Umwelt/Klima und Energiewirtschaft angehört. In beiden Ausschüssen war ich jeweils stellvertretender Vorsitzender. Ich war in dieser Zeit Sprecher für ÖPNV/SPNV, für mehr Mobilität bei Geh- und Radwegen, für Kreislaufwirtschaft/Deponien, zeitweise für Windkraft. Dazu kam ab
2021 der Ausschuss Europa/Internationales mit intensiver Kommunikation zu unseren Nachbarn Frankreich, Schweiz und Österreich. Intensive Abstimmungen mit der EU in Brüssel für Interessen des Landes. Große Erfolge waren die Elektrifizierung der Südbahn, der Neubau und die Sanierung unseres B 30- Abschnitt VI und von Landesstraßen, mehrere 100 Millionen in die digitale Infrastruktur, das neugegründete Polizeipräsidium Oberschwaben in Ravensburg, wesentliche Marksteine in Klima, Umwelt, Natur. Schmerzhaft war und ist: noch immer sind wir in der Planungsphase für den Molldiete-Tunnel B 32 in Ravensburg, der Neubau des Polizeipräsidiums wurde mehrmals verschoben. Baubeginn soll jetzt im Herbst 2026 sein.
Sie waren 10 Jahre Abgeordneter für den Wahlkreis Ravensburg-Tettnang und haben zusätzlich mehrere Städte und Gemeinden im Bodenseekreis betreut.
Der Bodenseekreis hatte von 2016 bis 2026 keinen gewählten CDU-Abgeordneten mehr. Mein Kollege Klaus Burger und ich waren als sogenannte Betreuungsabgeordnete gefordert: August Schuler im östlichen Teil (Altkreis Tettnang), Klaus Burger im westlichen Teil (Altkreis Überlingen). Meine Kommunen waren zusätzlich die Stadt Friedrichshafen, die Gemeinden Oberteuringen, Eriskirch, Langenargen, Kressbronn. Wöchentlich war ich hier in der Betreuung vor Ort. Aus der „kommunalen Familie“ kommend war mir das eine Ehre und Freude. Das hat mir neue politische Horizonte geöffnet in Sachen Bodensee als Trinkwasserspeicher, Natur und Landschaft, Landwirtschaft und Sonderkulturen. Es sind viele politische Netzwerke und Freundschaften entstanden. Ab Mai 2026 wir der neugewählte CDU-Abgeordnete Prof. Dr. Alexander Bruns (Überlingen) den Bodenseekreis betreuen.
Welche Herausforderungen muss die neue Regierung mit einer Koalition von Grünen und Union beherzt anpacken?
Wir leben im Land, im Bund und in Europa in herausfordernden Zeiten. Krieg in Europa, hohe Energiepreise, neue Rollenverteilung in der NATO. Deutschland und seine 16 Länder bleiben gefordert in Wehrhaftigkeit, Bevölkerungsschutz, Widerstandsfähigkeit und Krisenbewältigung. Das ist nur mit einer starken sozialen Marktwirtschaft zu bewältigen. Die Themen Wirtschaft und Arbeit, Wohnungsbau, Bildung, Kinderbetreuung, Ärzte- und Gesundheitsversorgung, Integration und Verkehrspolitik stehen im Vordergrund. In den Städten sind die Herausforderungen teilweise andere als auf dem Land. Das gilt für die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum, Bekämpfung von Kriminalität, aber auch für die Sanierung von Schulgebäuden und die Bewältigung der Flüchtlingssituation.
Umgekehrt wird die Situation des öffentlichen Nahverkehrs auf dem Land kritischer gesehen als in den mittleren und großen Städten.
Die CDU hatte bei der Landtagswahl keinen Rückenwind aus Berlin. Was muss sich dort, aber auch im Ländle ändern?
Das höchste Gut in der Politik ist das Vertrauen der Menschen. „Vertrauen verloren – alles verloren“, war ein geflügelter Satz unseres ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel.
Vordringlich ist jetzt: unsere kommunale Familie mit den Landkreisen, Städten und Gemeinden stehen finanziell „mit dem Rücken an der Wand“. Sie sind mit ihren Aufgaben – vor allem im sozialen Bereich – seit Jahren überfordert. Notwendig sind strukturelle Änderungen, die schnell kommen müssen. Etwa ein kommunaler Anteil an der Mehrwertsteuer. Oder finanzielle Entlastungen im Sozialen: etwa bei den Integrationsleistungen, bei den Kindergärten, bei den Eingliederungshilfen, bei der Unterbringung von Asylbewerbern und Flüchtenden. Es gilt das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Mit Ehrlichkeit und Offenheit. Wenn wir unseren Wohlstand und unsere Zukunft bewahren wollen bedeutet das: weniger Staat – mehr Eigenverantwortung der Bürger. Das ist möglich. Das haben die Generationen vor uns beim Wiederaufbau nach den Kriegen bewiesen. Wir stehen „auf ihren Schultern“ und sind heute gefordert.
Ihre Nachfolgerin Antje Rommelspacher hat wohl einen bravourösen Wahlkampf geführt und das Direktmandat für die CDU geholt. Was geben Sie ihr mit auf den Weg?
Zunächst gratuliere ich Antje Rommelspacher zur „direkt gewählten Abgeordneten“ und freue mich sehr für Sie. Ich habe Sie von Anfang an mit großer Überzeugung unterstützt und sehe bei Ihr unseren Wahlkreis Ravensburg-Tettnang und unsere Region Oberschwaben in besten Händen. Sie hat in zwei Wahlperioden als Stadträtin und Vorsitzende Erfahrungen im Gemeinderat gesammelt, das ist die wesentliche „Schule der Demokratie und der Politik“. Sie steht vor zwei Kernaufgaben: die kraftvolle Vertretung unserer Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart, die Stärkung unseres „Ländlichen Raumes“ Oberschwaben. Sie wird vor Ort ansprechbar für die Menschen sein und aktive öffentliche Präsenz zeigen – das ist selbstverständlich für unsere Abgeordneten der Union. Im Übrigen:
Antje Rommelspacher ist eine eigenständige und selbstbewusste Persönlichkeit, sie wird ihren „eigenen Weg gehen.“
Wie hat sich im Parlament die Tonlage, insbesondere durch die AfD, verändert?
13 Jahre nach ihrer Gründung hat sich die AfD in der Parteienlandschaft verankert und ist gleichzeitig bis heute nicht in der Wirklichkeit angekommen. Die Europäische Union und der EURO-Raum sichern Frieden, Freiheit, eine stabile Export-Wirtschaft und die Arbeitsplätze von Millionen Menschen. Die AfD bekämpft Europa und den Binnenmarkt. Flüchtende und Asyl-Suchende und ihre begrenzende Aufnahme sind Ausdruck von Mitmenschlichkeit sowie Teil einer Bürgergesellschaft, die sich zu Christentum und Menschenwürde bekennt. Die AfD bekämpft Menschlichkeit, steht für Spaltung und Ausgrenzung. Ein sorgsamer und realistischer Umgang mit Klima, Umwelt, Natur, Arten und Landschaft sichert Zukunft für kommende Generationen. Dies wird von der AfD reflexartig bekämpft, oft herabwürdigend, menschlich verletzend und bösartig, ohne Lösungen aufzuzeigen.
Wie stark ist unsere Demokratie durch die AfD gefährdet, wenn sie bei den Wahlen in den östlichen Bundesländern Regierungen bilden kann?
Wir haben inzwischen „75 Jahre Grundgesetz und Bundesrepublik Deutschland“ gefeiert, ergänzt mit einem funktionierenden „Unterbau“ durch 16 Bundesländer sowie 10.750 Gemeinden und Städte. Unsere Demokratie lebt, unsere föderale Ordnung und Gewaltenteilung ist und bleibt stabil. Allerdings: Jeder von uns trägt in unserer Bürgergesellschaft Verantwortung für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung – auch als Wählerinnen und Wähler. Nach über 35 Jahren „Deutsche Einheit“ rate ich uns den wiedervereinigten Bundesländern keine Vorschriften zu machen. Ich bin seit über 35 Jahren mit den Menschen in unserer Ravensburger Partnerstadt Coswig/Sachsen freundschaftlich verbunden. Ich bin Mitglied der Union in Sachsen. Hochachtung und Respekt vor den Leistungen in den „Neuen Bundesländern!“ Sie gehen ihren eigenen, freiheitlichen Weg.
Sie sind noch in einigen Ehrenämtern tätig. Ziehen sie sich dort langsam aus der Verantwortung zurück?
Mit unserer Union, ihren Vorständen und ihren Mitgliedern in Ravensburg, in Kreis und Land bin ich nicht nur politisch, sondern menschlich und emotional verbunden. Das politische Ehrenamt sowie die Unterstützung unserer Vereine machen mir große Freude. Dort spielt sich die eigentliche Demokratie ab, das ist die Basis. Ich werde mich weiterhin als Stadtrat und Kreisrat für unsere Menschen vor Ort engagieren. Die Wahlperiode geht bis Sommer 2029. Ich bin tätig im Bezirksvorstand der CDU Württemberg-Hohenzollern, unterstütze selbstverständlich unseren Kreisverband und die Ortsverbände der Union. Etwa im jährlichen „Sommerprogramm“.
Was wünschen Sie sich für Ihren „Ruhestand“, haben Sie Aufgaben, denen Sie dann nachgehen?
Sowohl im politischen Ehrenamt wie im Hauptamt haben mich meine Frau Claudia Haller-Schuler und unsere drei erwachsenen Kinder August jun., Anna und Maria über Jahrzehnte unterstützt. Meine Frau Claudia war selbst zwei Wahlperioden Gemeinderätin in Berg (1980 – 1989) und hat mich in meinen politischen Ämtern immer bestärkt. Ich freue mich sehr auf mehr Familienzeit – auch mit unseren Enkelkindern. Dazu kommt mein Engagement in Vereinen der Stadt und der Region, diesen bleibe ich in mehreren Vorstandsaufgaben treu. Etwa als Wanderführer beim Albverein, beim Volksbund VDK, bei den traditionellen Soldaten-Verbänden im Bezirk Oberschwaben und den Bundeswehr-Reservisten. Da stehen große Herausforderungen an. Stichwort: öffentlicher Einsatz für den notwendigen „Operationsplan Deutschland.“
Verraten Sie uns als selbständiger Geologe und Gastronom zum Schluss noch Ihr Lieblingsessen und welches Getränk sie gerne genießen?
Zu meinen Lieblingsessen gehören vor allem oberschwäbische Spezialitäten in ihrer ganzen Bandbreite: die klassischen Kartoffel- und Spätzle-Gerichte, dazu gerne Bodenseeweine.
Ich lege großen Wert auf Lebensmittel aus unserer Region, die in hoher Qualität von unseren Landwirten produziert werden. Diese herausragenden Leistungen unserer Landwirte werden öffentlich zu wenig gewürdigt. Ich werde mich wieder in unseren beiden Gastronomie-Betrieben „Ratsstube“ in Ravensburg und der „Landwirtschaft“ in Berg-Bachmaier unterstützend einbringen. Da bin ich bei den Menschen vor Ort, beide Lokalitäten tragen zum wichtigen regionalen Kreislauf bei.
Mehr zu August Schuler finden Sie hier: https://www.landtag-bw.de/de/der-landtag/abgeordnete/abgeordnetenprofile/august-schuler-387048