Jetzt sind die Bürger gefragt – hier brummt der Bär Stadt Lindau will den Berliner Platz neu gestalten

Stadt Lindau will den Berliner Platz neu gestalten
v.li. Annika Höntsch (Stadtplanung), Jaime Valdés Valverde (Städtischer Mobilitätsmanager), Kay Koschka (Stadtbaumeister), Norman Dietrich (Garten- und Tiefbaubetriebe Lindau), Oberbürgermeisterin Dr. Claudia Alfons, Daniel Obermayr (Bunte Liste), Prof. Dr. Ulrich Schöffel (BürgerUnion). (Bild: Wilfried Vögel)

Nahezu jeder, der sich in Lindau, egal ob mit dem Auto, dem Bus, dem Rad oder als Fußgänger bewegt, kennt den Berliner Platz. Seit den 1960er Jahren ziert ihn eine Bronzestatue des Berliner Bären. Er leidet bekanntermaßen unter einer enormen Verkehrsbelastung, die zu manchen Tagesstunden ein Durchkommen zumindest erschwert.

Jetzt hat die Stadt offiziell den Startschuss für eine breit angelegte Bürgerbeteiligung gegeben. Gemeinsam mit der Bürgerschaft und Fachbüros will man Lösungen für eine Entschärfung der Verkehrsprobleme suchen und finden.

Hier brummt sprichwörtlich der Bär

Der jetzige Kreisverkehr kann auf einen lange Geschichte zurückblicken. Einst ein eher beschaulicher Platz, hat sich das Blatt schon lange gewendet. Direkt beim Einkaufszentrum „Lindaupark“, dem neuen Bahnhalt in Lindau-Reutin, einer Apotheke, Arztpraxen und anderen Dienstleistern brummt Tag für Tag sprichwörtlich der Bär.

Stadtbaumeister Kay Koschka zeigt eine historische Karte von Reutin aus dem Jahr 1860.
Stadtbaumeister Kay Koschka zeigt eine historische Karte von Reutin aus dem Jahr 1860. (Bild: Wilfried Vögel)

Der Knotenpunkt leidet an einer exorbitanten Verkehrsbelastung, beinahe ständig nahe am Verkehrsinfarkt. Einheimische und Besucher quälen sich buchstäblich im Kreis. Für Autos, Stadt- und Landbusse gibt es häufig Stau und kaum ein Durchkommen. Jeder Fußgänger, der beim neuen Reutiner Bahnhalt quert (und das dürften Tausende am Tag sein) bringt den Verkehr fast zum Erliegen.

Das Befahren ist längst zur Qual geworden

Das Eintrittstor für Verkehrsteilnehmer aus Ost, West und Nord, ist längst zur Qual geworden. Wer kann, meidet diesen Bereich. Aber längst nicht alle können das mangels geeigneter Alternativen.

Die 2012 per Bürgerentscheid getroffene (Zwei-Bahnhofs-) Lösung, in diesem Bereich auf dem Festland einen Bahnhalt für alle Fern- aber auch Nahverkehrszüge zu schaffen, hat die prekäre Situation beim Inselbahnhof zwar entschärft aber das Problem in Reutin am Berliner Platz hingegen deutlich verschärft.

Alle bisher getroffenen Maßnahmen sind verpufft

Alle Versuche, die Verkehrsbelastung zu reduzieren, z.B. durch verkehrliche Maßnahmen wie u.a. die Ausweisung eines zweispurigen sogenannten „Turbokreisels“ oder die Anlage einer zusätzlichen Fahrspur Richtung Osten („Bypass“), haben nicht den gewünschten Erfolg gebracht.

Vor ein paar Jahren geisterte die Idee einer Unterführung („Fly under“) durch die Köpfe der städtischen Planer. „Nicht finanzierbar!“ – das wurde rasch klar.

Der Berliner Platz leidet unter hoher Verkehrsbelastung, Versiegelung und fehlender Aufenthaltsqualität.
Der Berliner Platz leidet unter hoher Verkehrsbelastung, Versiegelung und fehlender Aufenthaltsqualität.
(Bild: Stadt Lindau)

Deutsche Bahn duckt sich weg

Nicht einmal zu einem einigermaßen praktikablen Bahnhofsgebäude hat es für die Bahn in Reutin gereicht. Geblieben ist ein merkwürdig anmutendes Brückenbauwerk über die Bahngleise, um das Erreichen der Bahnsteige überhaupt erst zu ermöglichen. Und immer wieder gab es in der jüngsten Vergangenheit einen Ausfall der Aufzugsanlagen, saßen Bahnkunden stundenlang in defekten Aufzügen fest. Immerhin scheint dieses Problem nach langen Anlaufschwierigkeiten zwischenzeitlich behoben.

Die Forderungen der Stadt nach geeigneten Rampen blieb unerfüllt. „Zu wenig Platz, zu teuer“ hieß es immer wieder von Seiten der Bahn. Und die Deutsche Bahn, ja, die duckt sich weiter weg.

Keine Fortsetzung der Überführung zur Ladestraße

Die von der Stadt von Anfang an geforderte Verlängerung der Überführung der Gleise bis zur Ladestraße am See blieb unberücksichtigt. Von dort wäre es nur ein Katzensprung zur Lindauer Insel. Einen entsprechenden Holzsteg über die Gleisanlagen gab es in der Vergangenheit, aber der ist längst Geschichte.. Die Umstände für den Abriss wurden nie ganz geklärt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Mit einer Änderung der „Bahnpolitik“ ist angesichts klammer Kassen bei der DB und deren Priorisierung von Großprojekten auf absehbare Zeit nicht zu rechnen.

Immerhin gelang es nach zähen Verhandlungen von der DB die erforderlichen Grundstücke für eine bessere Verkehrslösung zu erwerben. Mehr ist daraus aber nicht geworden. Volle Parkplätze und Fahrradständer sprechen eine deutliche Sprache.

Breit angelegte Bürgerbeteiligung gestartet

Jetzt startet die Stadt Lindau einen breit angelegten Versuch, das Problem mittels einer umfangreich angelegten Bürgerbeteiligung in Angriff zu nehmen. Die Bürger sollen sich aktiv beteiligen. Ziel sei, so Kay Koschka, Leiter des Stadtbauamtes: „Mit den Menschen vor Ort gemeinsam Lösungen entwickeln, wie man den Berliner Platz in ein lebendiges Quartierszentrum und eine leistungsfähige Mobilitätsdrehscheibe verwandeln kann“. Koschka unterstreicht die städtebaulichen Chancen. „Wir wollen gemeinsam Lösungen entwickeln, für den Alltag, für den Tourismus und die Zukunft“.

OB Alfons sieht große Chancen, aber auch begrenzte Finanzmittel

Oberbürgermeisterin Dr. Claudia Alfons stößt ins selbe Horn: „Es ist eine große Chance für alle, die hier leben. Der neue Berliner Platz soll zu einem positiven Eintrittstor in die Stadt werden“.

Zeitgleich will sie dort eine höhere Aufenthaltsqualität für alle schaffen, mit weniger Lärm und mehr Grün.

Aber sofort schränkt Alfons ein: „Das ist kein Wunschkonzert. Wir können nicht alles, was wünschenswert wäre, erfüllen. Es gibt Zwangspunkte und verbindliche Leitplanken, sei es durch verkehrsplanerische Anforderungen, städtebauliche Rahmenbedingungen und letztlich (Anmerkung des Autors: „vor allem“) auch durch die bekannt begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Stadt“.

Menschen sollen „Dampf ablassen“

Die Menschen sollen, so Alfons, die Möglichkeit bekommen, ihre Meinung zu sagen und Kritik zu äußern. Die Lindauer sollen „Dampf ablassen können“. Man wolle  genau hinhören, was die Menschen ärgert und zu sagen haben, die dort täglich vorbeikommen.

Dass die Rahmenbedingungen nicht aus dem Ruder laufen, dafür soll eine Steuerungsgruppe Sorge tragen.  

Jeder kann seine Anregungen, Sorgen, Nöte und Kritik in einem „Meckerbriefkasten“ beim Reutiner Bahnhalt loswerden. Geplant sind eine ganze Reihe weiterer, verschiedener Beteiligungsformate, die von Fachfirmen unterstützt werden.

Der „Mecker-Briefkasten“ am Berliner Platz in Lindau lädt Bürger ein, ihre Kritik und Ideen zur Neugestaltung direkt einzubringen.
Der „Mecker-Briefkasten“ am Berliner Platz in Lindau lädt Bürger ein, ihre Kritik und Ideen zur Neugestaltung direkt einzubringen. (Bild: Wilfried Vögel)

Mit einer raschen Besserung ist nicht zu rechnen

Nach einer Zeitachse gefragt, nennt die Oberbürgermeisterin eine Zeitspanne von zehn Jahren plus x. Die Umsetzung sei eine riesige Herausforderung für die ganze Stadt und erfordere einen gemeinschaftlichen Kraftakt. Die Regierung von Schwaben werde das Projekt nach Kräften fördern.

Die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung sollen dem Stadtrat bis zum Frühjahr 2026 vorgestellt werden. Dieser solle dann einen städtebaulichen Wettbewerb vorbereiten und auf den Weg bringen.

Was wann, wo und wie umgesetzt werden kann, ist offen

Dann sind Verkehrsplaner, Architekturbüros und Landschaftsgestalter gefragt. Aus den eingereichten Entwürfen werde dann ein Siegerprojekt gekürt. Was, wie und wann dann tatsächlich umgesetzt wird, steht noch in den Sternen.

Bis dahin werden wohl noch weitere Tausend Verkehrsteilnehmer täglich ächzen und stöhnen. Geduld bleibt also zumindest in den nächsten zehn Jahren mehr denn je gefragt. Und der Berliner Bär muss das Chaos um ihn herum weiter ertragen.

Stadt will offensichtlich keinen neuen Schauplatz für politischen Streit

Ob aus der Bürgerbeteiligung ein entscheidender Tipp oder Hinweis kommen wird, wie man das Problem grundsätzlich lösen könnte, darf ernsthaft bezweifelt werden. Zu komplex ist die Ausgangslage. Vielleicht sind die Vertreter der Stadt aber einfach schon froh, wenn nicht (wie in der Vergangenheit so oft in Lindau) ein weiterer Schauplatz für politische Streitigkeiten entsteht, der in einen unerwünschten Bürgerentscheid münden könnte.

Wer sich digital einbringen möchte, kann das übers Internet unter www.stadtlindau.de/neuer-berlinerplatz tu

Eine Meinung hat der Autor auch:

Ein Kommentar

Galten bis vor ein paar Jahren noch Kreisverkehre quasi als „Allheilmittel“ bei einer entsprechenden Verkehrsbe(über-)lastung, so hat sich das Blatt in den letzten Jahren gewendet. Jetzt sollen es wieder Ampelanlagen richten.

Sensoren erfassen dabei die Verkehrsbelastung und leiten sie per KI an Rechner weiter, die dann intelligente Rot- oder Grünphasen steuern und so den Verkehr möglichst optimal leiten und lotsen sollen.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass solch eine Signalanlage auch am Berliner Platz eingesetzt werden soll. Das Problem: Ampelanlagen sind bei Verkehrsteilnehmern von jeher verpönt. Niemand wartet gerne an einer roten Ampel. Gemeinhin wird die tatsächliche Wartezeit an einer roten Ampel deutlich überschätzt. Rasch machen sich dann bei den Wartenden Ungeduld und Frust breit.

Hinzu kommt, dass offenbar insbesondere Urlaubsgäste auf dem Rad wenig geneigt sind, rote Ampeln zu akzeptieren, wie sie es zuhause vielleicht machen würden. So zeigt es jedenfalls die Erfahrung. Schließlich geht es um kostbare Zeit im Urlaub, die man nicht an einer roten Ampel vergeuden will.

Wie macht man das jetzt den Einheimischen und Gästen schmackhaft?

Wenn eine Vorentscheidung also schon getroffen ist, warum dann eine aufwändige Bürgerbefragung?

Die Stadtspitze gibt fluggs bekannt, dass man für eine Bürgerbefragung/-beteiligung  Förderung vom Staat von bis zu 80% bekommen kann, verschweigt aber diskret, dass Fördermittel aus Steuereinnahmen stammen, die wir schließlich alle mitfinanzieren.

Hinzu kommt, dass bei der Stadt immer noch ein nennenswerter Eigenanteil hängen bleiben wird..

Vielleicht soll dem Beteiligungsprozess nur ein demokratisches Mäntelchen übergestülpt werden? Das käme bestimmt gut an, vor einer Kommunalwahl.

Denn dass es angesichts der Ankündigung der OBine, es gäbe starre „Leitplanken“, die nicht überschritten werden dürften, kreative Ideen geben könnte, wie man dem Problem ernsthaft und praktikabel zu Leide rücken könnte, erscheint eher unwahrscheinlich.

Trotzdem sollten sich möglichst viele an der Aktion beteiligen und ihre Meinung äußern. Denn eines ist wohl allen klar: So wie es jetzt am Berliner Platz läuft (oder eben nicht läuft) kann und darf es nicht weitergehen.

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