Kritik an fehlender Strategie ZF-Beschäftigte protestieren gegen Sparkurs – Kundgebung mit tausenden Teilnehmern

ZF-Beschäftigte protestieren gegen Sparkurs – Kundgebung mit tausenden Teilnehmern
Tausende ZF-Beschäftigte versammeln sich vor der Konzernzentrale in Friedrichshafen, um gegen den Sparkurs und drohenden Stellenabbau zu protestieren. (Bilder: Sabrina Herr)
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Mit Trillerpfeifen, Plakaten und bengalischem Feuer haben am Dienstag rund 5.000 Beschäftigte der ZF Friedrichshafen gegen drohende Einschnitte und geplanten Stellenabbau demonstriert. Die Kundgebung vor der Konzernzentrale fiel bewusst auf den Tag der mit Spannung erwarteten Aufsichtsratssitzung – eine Sitzung, bei der entscheidende Weichen gestellt werden sollen.

Die Belegschaft blickt mit großer Sorge auf die Aufsichtsratssitzung unter Vorsitz von Aufsichtsratschef Rolf Breidenbach. Neben strategischen Entscheidungen stehen offenbar massive Kürzungen zur Diskussion – darunter ein Abbau von bis zu 20 Prozent der Stellen im Verwaltungsbereich. Besonders bitter: In vielen Abteilungen wird gleichzeitig wohl aber weiteres Personal benötigt.

Sorge, Frust und klare Worte

Die Protestaktion begann am Morgen mit Demonstrationszügen von zwei großen Werken und endete vor dem ZF Forum in Friedrichshafen. Parallel liefen Protestkundgebungen auch an anderen Standorten, etwa in Schweinfurt. Dort waren 4.500 Menschen versammelt, die zeitweise live auf einen Großbildschirm in Friedrichshafen übertragen wurden – ein starkes Signal der Solidarität innerhalb des Konzerns.

Der Frust unter den Mitarbeitenden ist groß: „Ich bin mütend“, sagte Achim Dietrich, Betriebsratsvorsitzender in Friedrichshafen, unter Applaus. „Mütend“ – eine Wortschöpfung aus müde und wütend – stehe für die Erschöpfung vieler, die seit Monaten um ihre Zukunft bangen. „Ich bin es leid – und viele von euch sind es auch!“

Mit einem klaren Appell ziehen ZF-Beschäftigte durch Friedrichshafen: „Kurswechsel jetzt – Strategie statt Havarie!“
Mit einem klaren Appell ziehen ZF-Beschäftigte durch Friedrichshafen: „Kurswechsel jetzt – Strategie statt Havarie!“

Unklare Perspektive – und gebrochene Vereinbarungen?

Schon 2024 hatte ZF mit einem Verlust im dreistelligen Millionenbereich für Aufsehen gesorgt. Seitdem wurden rund 5.700 Stellen gestrichen, bis 2028 könnten es bis zu 14.000 werden – das hatte das Unternehmen bereits im vergangenen Sommer angekündigt.

Kritik gibt es auch an der Führung des Konzerns. Der Betriebsrat wirft dem Vorstand nicht bloß mangelhafte Kommunikation, sondern eine strategielose Krisenbewältigung vor. Franz-Josef Müller, Mitglied im Betriebsrat, brachte es auf den Punkt: „Das ist doch keine Strategie, das ist Havarie!“

Besonders empört zeigt sich die Belegschaft über Aussagen aus dem Personalvorstand. Vereinbarungen, so hieß es sinngemäß, würden „nur noch eingehalten, wenn möglich“. Für viele Mitarbeitende ein Vertrauensbruch. Der Betriebsrat kontert: „Ein Vertrag ist bindend für beide Seiten. Ihr als Belegschaft haltet euch daran – und das jeden Tag. Aber der Vorstand wacht morgens auf und merkt: Das Fass ohne Boden ist immer noch nicht voll!“

Auch bei Regenwetter demonstrieren tausende ZF-Beschäftigte entschlossen vor der Konzernzentrale in Friedrichshafen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.
Auch bei Regenwetter demonstrieren tausende ZF-Beschäftigte entschlossen vor der Konzernzentrale in Friedrichshafen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.

Sparen auf Kosten der Belegschaft?

Neben dem Stellenabbau sind es vor allem sogenannte „weiche Sparmaßnahmen“, gegen die sich die Beschäftigten zur Wehr setzen: wegfallende übertarifliche Zulagen, neue Schichtsysteme, kürzere Arbeitszeiten – alles Maßnahmen, die direkt ins Portemonnaie greifen.

„Ich werfe dem Vorstand nicht vor, dass er aus Profitgier handelt“, heißt es weiter. „Ich werfe ihm das Gegenteil vor: dass er aus unserer Leistung keine Profite macht!“ Der Applaus vor dem ZF Forum zeigte: Diese Worte treffen den Nerv vieler.

Forderung nach einem Neustart – mit den Beschäftigten

Der Betriebsrat fordert ein Ende der einseitigen Belastungen. Es brauche endlich eine nachhaltige Strategie, die die Mitarbeitenden mitnimmt, statt sie zu übergehen oder gegeneinander auszuspielen. „Diese Firma kann nicht gegen, sondern nur mit den Beschäftigten aus der Krise geführt werden“, lautete eine der zentralen Botschaften.

Die heutige Großdemo markiert möglicherweise einen Wendepunkt: Kommt keine glaubhafte Perspektive, könnte der Widerstand weiter zunehmen – auch über die Landesgrenzen hinweg. Bereits während der Jahreshauptversammlung später in der Woche könnten weitere Entscheidungen folgen. Die ZF-Belegschaft hat klar gezeigt: Sie ist bereit, auf die Straße zu gehen – für ihre Arbeitsplätze und für eine faire Behandlung.