Am vergangenen Samstag fand im Neubau des Ambulanten Medizinischen Dienstleistungszentrums (AMD) eine Veranstaltung der CDU- und SPD-Fraktion im Riedlinger Gemeinderat statt. Dabei wurden die Räumlichkeiten und deren (mögliche) Nutzung vorgestellt. Bei einer Diskussionsrunde gewannen die Anwesenden neue Erkenntnisse, wie es mit der ärztlichen Versorgung in Riedlingen aktuell aussieht und welche Chancen sich durch den Neubau eröffnen könnten.
Matthias Scheible (CDU) und Hannes Widmann (SPD) freuten sich, dass die Teilnehmerzahl deutlich höher als im vergangenen November war. Neben Bürgermeister Marcus Schafft waren alle Ratsfraktionen vertreten. Die Möglichkeit zur Information nutzten auch Bürger benachbarter Gemeinden, die von einer guten medizinischen Versorgung im Mittelzentrum Riedlingen ebenso abhängig sind wie die Bewohner des Donaustädtchens selbst. Bedauerlicherweise war kein Bürgermeister der umliegenden Gemeinden der Verwaltungsgemeinschaft dabei. Auch die Riedlinger Hausärzte und die der Verwaltungsgemeinschaft fehlten bei der Veranstaltung.
Scheible und Widmann betonten, dass die Veranstaltung zur Information diene und auch auf mögliche Chancen aufmerksam gemacht werden solle. Schon eingangs baten beide Ratsmitglieder um einen sachlichen Umgangston untereinander. Scheible verwies darauf, dass sich die Konkurrenzsituation bei der medizinischen Versorgung im Vergleich zu anderen Städten, wie beispielsweise Bad Saulgau, durch deren Engagement deutlich verschärft habe.
Die Veranstaltung nahm Fahrt auf, als Axel Henle deutlich machte, dass so manche Wortmeldung und Beurteilung über die Bauherren einfach nur falsch sei: „Wir wollen, dass Riedlingen eine gute medizinische Versorgung erhält, nachdem das Krankenhaus geschlossen wurde. Wir machen das als Privatpersonen, weil sich sonst niemand darum kümmern wollte.“ Damit sprach er die fehlgeschlagene europaweite Ausschreibung für das AMD an, die im Ergebnis den Bauherren außer einem unnötigen Zeitverlust auch noch deutlich höhere Zinsen abverlangt: „Beim ersten Bauabschnitt zahlten die Teileigentümer noch 0,9 Prozent Zinsen, bei diesem Bauabschnitt sind es leider 4,9 Prozent.“ Dies führe, so der Steuerberater, auch zu deutlich gestiegenen Raumkosten, die eine Vermietung bzw. einen Verkauf der Flächen deutlich erschweren.
Henle warf einen Blick auf das benachbarte Bad Saulgau. Dort wurde die öffentliche Ausschreibung für den Erwerb und die Nutzung des geschlossenen Krankenhauses nach einigen Monaten wegen des fehlenden Interesses von Investoren beendet. Die Stadt kaufte kurzentschlossen das Gebäude und baute in rund zwei Jahren erfolgreich ambulante Nachfolgestrukturen auf. Die Konkurrenzsituation zu Riedlingen macht sich auch bei der aufgerufenen Miete bemerkbar: „Die dort angebotenen Raummieten machen uns zu schaffen. Wir können sie in diesem Neubau ohne Hilfe bzw. Engagement der Stadt, der Hospitalstiftung oder Kapitalanlegern nie darstellen. Wir sind im Ergebnis nicht marktfähig, weil auch andere Städte und Gemeinden den Weg der subventionierten Mieten für Arztpraxen gehen. Schwierig ist zudem, dass dort zusätzlich auch keine 10jährige Mietdauer mehr verlangt wird.“
Vor dem Rundgang durch das Gebäude nahm Bürgermeister Schafft eine kurze Einschätzung der Situation vor. Mit wohlabgewogenen Worten erklärte das Stadtoberhaupt das behutsame, langsam vorwärtstastende Handeln der Verwaltung. Er betonte, wie wichtig einerseits die Sicherstellung der medizinischen Versorgung durch Ärzte und Fachärzte sei, gleichzeitig stellte er aber die Rechtssicherheit bei allen Entscheidungen in den Mittelpunkt.
Das AMD hat ein Alleinstellungsmerkmal
Beim Rundgang im Erdgeschoss konnten die Besucher durch die Räume einer Praxis geführt werden, deren Name noch nicht öffentlich werden soll. Gekauft hat die Fläche ein Unternehmer der Region, der sie verpachtet. Eine weitere im Ausbau befindliche Fläche wird von einem Sanitätshaus gekauft und betrieben, zudem soll eine Apotheke angesiedelt werden.
Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal stellt das AMD im ersten Obergeschoss dar. Mit zwei OP-Räumen und einer zentralen Einleitung wird für die Patienten ein echtes Novum bereitgestellt. Dr. Sebastian Jung erläuterte: „Nirgendwo gibt es bisher vergleichbar so moderne und zukunftsgerichtete Räumlichkeiten eines privaten Betreibers.“ Das AMD umfasst zudem einen Aufwachraum, vier Patientenzimmer, Lager und Funktionsräume.
Die riesigen Räumlichkeiten im zweiten Obergeschoss sorgten bei manchen Besuchern für ratlose Blicke. „Wir haben hier rund 700 Quadratmeter Fläche, in der wir weitere Praxen einrichten könnten“, so der Architekt und Bauleiter Hans-Peter Selg.
Gespräche zur Gewinnung von Ärzten
Henle zeigte vor der anstehenden Diskussion die bestehenden Chancen für eine Verbesserung der ärztlichen Versorgung auf. Demnach wollte sich eine Kinderarztpraxis in Riedlingen ansiedeln, eine Zulassung für Riedlingen war bereits beantragt. Die Ansiedlung ist dann an den Konditionen vorläufig gescheitert. Sollte die Stadt selbst oder über die Hospitalpflege marktgerechte Mietpreise ermöglichen, sei die Ansiedlung jedoch weiterhin möglich. Ebenfalls sehr konkret sei das Interesse einer psychotherapeutischen Praxis, die sich gerne in Riedlingen ansiedeln möchte.
Darüber hinaus werden, so Henle, Gespräche mit einer Allgemeinarztpraxis, einer Zahnarztpraxis sowie einer kardiologisch-internistischen Praxis geführt. Zusätzlich werde an einer fachübergreifenden Zweigpraxis gearbeitet. Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen haben ihr Interesse bekundet, dort an etwa zwei Tagen pro Woche Sprechstunden anzubieten.
Henle betonte, dass Interessenten vorhanden seien, doch solange die Rahmenbedingungen mit der Stadt nicht befriedigend für die Interessenten geklärt seien, könne den Praxen kein verlässliches Angebot vorgelegt werden. Im Zusammenhang mit den Bemühungen von Ärzten lobte Henle ausdrücklich das unermüdliche Engagement von Dr. Jung: „Neben seiner Praxistätigkeit und den Operationen ist er praktisch Tag und Nacht unterwegs, um zusätzliche Ärzte für Riedlingen zu gewinnen.“
Weitgehend emotionsfreie Diskussionsbeiträge
Den Abschluss des Vormittags bildete eine Diskussionsrunde. Die anwesenden Ärzte Dr. Hans-Peter Schreijäg und Dr. Joachim Kieferle bekräftigten mit Verweis auf die aktuelle Situation der medizinischen Versorgung die Notwendigkeit der Ansiedlung weiterer Ärzte und Fachärzte. Fridolin Renz beklagte die fehlenden Behindertenparkplätze am Ärztehaus. Mit einem authentischen und engagierten Wortbeitrag traf Karl Härle die Herzen der Anwesenden. Er bat Bürgermeister Schafft, endlich für mehr Tempo bei der Ansiedlung weiterer Arztpraxen zu sorgen.
Martin Stümke fragte, ob eine Genossenschaft als Träger für die Praxen möglich sei. Mit Verweis auf den langen Zeithorizont und ein unsicheres Ergebnis, wie bei der Genussmanufaktur, wurde dies von Henle verneint.
700.000 Euro für fachanwaltliche Beratung
In seiner Antwort auf Härle verwies Schafft erneut darauf, dass alle Entscheidungen rechtssicher getroffen werden müssten. Fassungslos nahmen die Anwesenden die Kosten für die Rechtsberatung zum AMD zur Kenntnis. „Mir treibt es selbst die Tränen in die Augen, wenn wir dafür 700.000 Euro zahlen mussten“, erklärte das Stadtoberhaupt. Mit Blick nach vorne betonte das Stadtoberhaupt zuversichtlich: „Wir haben in der Sache auch mal wie die Kesselflicker gestritten, letztlich aber einstimmige Beschlüsse zur Gesundheitsversorgung hinbekommen.“
Reaktionen einiger Teilnehmer
Von einigen Teilnehmern der Veranstaltung erbaten wir eine Stellungnahme.
Paul Geißler (Jufo-Sprecher und Gemeinderat) schilderte seine Eindrücke: „Bei dem Termin ging es um das Ambulante Medizinische Dienstleistungszentrum (AMD) in Riedlingen. Das erste Gebäude ist bereits fertiggestellt, beim zweiten Gebäude sind Erdgeschoss und erstes Obergeschoss finanziert und in Planung. Offen ist derzeit nur die dritte Etage. Die Marktsituation zeigt: Es gibt keinen privaten Investor, der als Arztpraxis selbst ausbauen und einziehen würde. Deshalb halte ich den Vorschlag der Bauträger (S1), dass die Stadt diese Fläche kauft, für richtig. Grundsätzlich halte ich staatliche Investition in die Gesundheitsinfrastruktur für richtig.
Die Frage ist letztlich, investiert die Stadt, haben wir potenziell weitere Praxen in Riedlingen, die in Synergie mit den bestehenden Praxen arbeiten können. Investiert die Stadt nicht, haben wir sie nicht. Für mich steht die Gesundheitsversorgung hier klar vor der reinen Kostenfrage.
Spannend fand ich zudem den Vorschlag aus dem Publikum, Teile der Versorgung genossenschaftlich zu organisieren. Für einen möglichen dritten Bauabschnitt (ein drittes Gebäude) wäre das ein interessanter Weg, falls dafür Bedarf besteht. Für das zweite Obergeschoss des zweiten Bauabschnitts, über das jetzt zeitnah entschieden werden muss, ist der Aufbau einer Genossenschaft jedoch zu langwierig – hier braucht es eine schnellere Lösung.“
Geißler hat auch einen Vorschlag für das weitere Vorgehen parat: „Wie es auch aus unserem SPD-Fraktionsantrag als Ergänzung zum CDU-Antrag hervorgeht, sollte die Stadt die Finanzierung über eine Zustiftungskampagne, das vorhandene liquide Kapital und einen Kredit darstellen – und nicht, wie im CDU-Antrag vorgesehen, über den Verkauf städtischer Gebäude oder Wohnungen. Kommunale, sozial gebundene Wohnungen sind für Riedlingen ebenfalls dringend gebraucht und sollten dafür nicht veräußert werden. Ein Kredit ist hierfür insbesondere deshalb sinnvoll, weil sich die Investition für die Stadt voraussichtlich kostendeckend darstellen lässt.“
Fridolin Renz (Altheim) zeigte sich dankbar, dass diese Veranstaltung durchgeführt wurde: „Ich war positiv überrascht, wie sich die Herren Henle und Dr. Jung anstrengen, um eine bessere medizinische Versorgung in Riedlingen zu ermöglichen. Es gilt: Wer nichts tut, erreicht auch nichts!“
Olaf Stolze (VdK-Vorsitzender) antwortete knapp: „Die Hausführung fand ich informativ. Nach meiner Meinung sollte man auf so einer Veranstaltung politisches Geplänkel vermeiden.“
Dorthea Kraus-Kieferle (langjährige Gemeinderätin): „Die Veranstaltung hat sehr deutlich gezeigt, dass Riedlingen jetzt handeln muss. Wenn in der Hospitalpflege liquide Mittel in dieser Größenordnung zur Verfügung stehen und gleichzeitig moderne Praxisflächen zu vergleichsweise günstigen Konditionen angeboten werden, sollte die Chance ernsthaft und vor allem schnell geprüft werden. Angesichts des Wettbewerbs um Ärzte kann sich Riedlingen nicht leisten weitere Zeit zu verlieren.“
Kurt Gehweiler (Vorsitzender Reha-Sport beim TSV Riedlingen): „Ich bin dankbar, dass die Bauherren und die Stadträte von CDU und SPD die Bevölkerung über den aktuellen Stand informiert haben. Was ich gemerkt habe, dass die Bürgerliste nicht intensiv hinter dem Projekt steht.
Bürgermeister Schafft sollte schon lange das Projekt zur Chefsache machen. Man sieht am Beispiel Bad Saulgau, was dort in kürzester Zeit erreicht wurde und auch erfolgreich Ärzte gewonnen wurden.
Mein großes Lob geht an die Praxis OCP Dr. Jung. Wir können dankbar sein, dass Riedlingen selbst so ein Zentrum hat, in dem Operationen ambulant und stationär durchgeführt werden können.“