Der Geschichte von Schussenried fügt Ortschronist Walter Hermanutz mit dem Buch „Die NS Zeit, der II. Weltkrieg und die Besatzungszeit“ ein wichtiges Kapitel an. Mit einem enormen Willen hat Hermanutz eigene Aufzeichnungen und unzählige Quellen ausgewertet. Im Buch beschreibt Hermanutz die Entwicklungen des III. Reiches in Schussenried, von 1933 an bis hin zum Zusammenbruch und die Zeit der Besatzung. Akribisch wird eine politisch schwierige Zeit beschrieben, über die niemand gerne redete und die ohne diese Aufarbeitung wohl bald in Vergessenheit geraten wäre. Der Gerhard-Hess-Verlag (Uhingen) hat noch vor dem Magnusfest das inhaltsreiche Buch mit seinen über 380 Seiten veröffentlicht.
Die Motivation des Verfassers
Im Zusammenhang mit Recherchen zum damaligen Feldflughafen Reichenbach, führte Hermanutz Gespräche mit Zeitzeugen. Viele seiner Gesprächspartner wussten vom Flugplatz nicht viel, konnten aber sich aber noch gut an die NS-Zeit in Schussenried erinnern. Hermanutz fertigte von den Gesprächen in den Jahren 1994 – 1996 Tonbandaufnahmen an, die er glücklicherweise archivierte und die ihm nun beim Buchprojekt zu einer großen Hilfestellung wurden. U.a. war Heinrich Schmid, in Schussenried als „Zipfel-Bauer“ bekannt, einer seiner Gesprächspartner, von denen er Informationen zur damaligen Zeit sammeln konnte.
Detailgenau beschreibt Hermanutz, wie sich ab 1933 nicht nur die politischen Verhältnisse in Schussenried veränderten. Die NS-Organisationen begannen Stück für Stück das Zepter in Schussenried zu übernehmen. Diesem System konnte sich kaum jemand entziehen. So wurden schon Jugendliche in ihrem Abenteurergeist beflügelt und beispielsweise durch Zeltlager am Katzenbuckel für die „Sache“ begeistert.

Hermanutz wollte diese, nach dem Krieg oft als „schlechte Zeit“ bezeichneten Jahre nicht nur aufarbeiten, sondern auch über die Schicksale der gefallenen Söhne der Stadt und die Zeit der Besatzung berichten. Bereits im Januar 1940 fiel der erste Schussenrieder im Krieg. „2400 Kilometer von seiner Heimat entfernt war der Ort, an dem ein Soldat aus Schussenried im Krieg sein Leben ließ. Dies war die weiteste Entfernung, die ich bei meinen Nachforschungen feststellen konnte“, berichtete ein nachdenklicher Hermanutz im Gespräch. Dazu passen auch seine Aufzeichnungen aus dem Jahre 1941, einem Jahr, in dem, wie im Buch nachzulesen ist, besonders viele Schussenrieder ihr Leben für „Volk und Vaterland“ ließen.
Herausragende Recherchearbeit
Das Studium der Quellenhinweise macht sicher jeden aufmerksamen Leser baff. 629 Quellenangaben/Verweise sind im Buch vermerkt und lassen ahnen, welch mühevolle Detailarbeit Hermanutz leisten musste. Seine Arbeit wurde erschwert, weil zahlreiche Dokumente aus dieser Zeit, auf welchem Wege auch immer „verschwunden sind“.
Das Buch spannt einen nach Jahren geordneten Bogen von 1933 bis zum Einmarsch der Franzosen in Schussenried (23. April 1945). Weitere Kapitel widmen sich u.a. der Zeit der Besatzung und Ereignissen in der ersten Zeit nach dem Krieg. Im Anhang finden sich berührende Erinnerungen eines damals Jugendlichen an Krieg und Gefangenschaft oder die Tagebuchaufzeichnungen von Herbert Sitzmann, der auch den Nachkriegsjahrgängern als Mesner und Bürstenmacher in Erinnerung ist.
Schwierige Lebensumstände nach dem Krieg
Am 20. April 1945 blieb ein Versorgungszug beim Bahnhof liegen. Da dieser nicht bewacht war, holten sich die Schussenrieder die für sie brauchbaren Güter. Mit Handwagen und Pferdegespannen wurden Nahrungsmittel und anderes, darunter ungerösteter Kaffee, nach Hause geschafft. Mit dem Einmarsch der Franzosen am 23. April 1945 endeten diese Beschaffungsmaßnahmen. Auf Geheiß der Besatzer sollten die Schussenrieder die geplünderten Waren wieder abgeben. Der Aufruf verhallte jedoch weitestgehend ungehört. „Um den Duft von frisch geröstetem Kaffee zu überdecken, schütteten die Hausfrauen Milch auf den Herd,“ verrät Hermanutz einen damals angewendeten Trick in den Haushalten.

Marokkaner in Schussenried
Nur wenige Tage nach dem Einmarsch der Franzosen folgten ihnen eine marokkanische Einheit. Als Moslems durften sie kein Schweinefleisch essen, deshalb verköstigten sie sich mit gebratenem Fleisch vom Lamm, Ziege, Huhn, Hasen und Rind. Die Männer aus einer anderen Kultur waren den Kindern nahezu unheimlich, auch wenn sie von ihnen gut behandelt wurden und auch amerikanische Verpflegungsrationen erhielten. Im Gegensatz dazu, wurden die Nordafrikaner für die weibliche Bevölkerung zur Gefahr. Um nicht auch Opfer von Übergriffen zu werden, schliefen Frauen der Teilgemeinden bei Familien in Schussenried oder in der Sakristei der Pfarrkirche. Weil diese Belästigungen unerträglich wurden, wurden die Marokkaner ins Franzenhölzle verlegt und dort von Franzosen bewacht. Eine Geschichte kann Hermanutz zu diesen Geschehnissen im Gespräch noch beitragen: „Eine Frau, die von Marokkanern verfolgt wurde, warf ihre Brezel weg. Dieses Beutestück wollten sich die Nordafrikaner nicht entgehen lassen und damit war die Gefahr einer Belästigung gebannt.“
Hohe Bedeutung für Nachkriegsgenerationen
Das Buch von Hermanutz schließt eine Lücke in der Schussenrieder Geschichte und hat eine hohe Bedeutung, besonders für die Nachkriegsgenerationen. Wenn der Autor in seinem Vorwort schreibt, er habe angesichts fehlender Unterlagen ein „akzeptables Werk“ geschaffen, so untertreibt er. Mit den knapp 400 Seiten bietet Hermanutz die Gelegenheit, sich ein objektives Bild über die Ereignisse zu verschaffen. Das Buch ist im Handel unter ISBN 978-3-87336-806-4 erhältlich.