Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus: „Erinnern auch im Krisenmodus wichtig“

Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus: „Erinnern auch im Krisenmodus wichtig“
Christina Erdmann (rechts) von der Initiative Psychiatrieerfahrener im Landkreis Ravensburg (IPERA e.V.) und Gudrun Messer vom Weissenauer Werkstattrat legten am 27. Januar ebenfalls einen Kranz am Denkmal der Grauen Busse nieder. (Bild: Jochen Tenter/ZfP Südwürttemberg)
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Redaktion

Weissenau (ZfP) – Mit einer aufgrund der Coronavirus-Pandemie nichtöffentlichen Kranzniederlegung am Denkmal der Grauen Busse in Weissenau haben das ZfP Südwürttemberg und die Stadt Ravensburg gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Jahr für Jahr am 27. Januar erinnern die Stadt Ravensburg und das ZfP Südwürttemberg gemeinsam an die Opfer des Nationalsozialismus, darunter die in Grafeneck und Hadamar ermordeten Patientinnen und Patienten der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weissenau. Anders als in den Jahren zuvor musste die Gedenkfeier im kleinsten Kreis abgehalten werden: Reden und Berichte, musikalische Umrahmung, persönlicher Austausch – aus Infektionsschutzgründen war dies alles nicht möglich.

Die traditionelle Kranzniederlegung am Denkmal der Grauen Busse wurde deshalb in gemeinsamer stiller Andacht von Ravensburgs Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp und ZfP-Regionaldirektorin Prof. Dr. Renate Schepker vollzogen. Währenddessen erinnerten 691 Glockenschläge vom Turm der Klosterkirche an die in den Jahren 1940 und 1941 ermordeten Patientinnen und Patienten aus Weissenau.

Prof. Dr. Renate Schepker, ZfP-Regionaldirektorin Ravensburg-Bodensee, und Dr. Daniel Rapp, Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg, gedachten der ermordeten Patientinnen und Patienten der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weissenau am Denkmal der Grauen Busse. (Bild: Jochen Tenter/ZfP Südwürttemberg)

Dr. Daniel Rapp, Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg: „Das jährliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist für mich besonders eindrücklich während der Glockenschläge. Innehalten im stillen Gedenken an die ermordeten Patientinnen und Patienten von Weissenau, während die Glocke der Klosterkirche 691 Mal ertönt – ein Glockenschlag zur Erinnerung für jedes Opfer – schwer zu ertragen. Aber nur indem wir uns erinnern und so Verantwortung übernehmen, können wir die Zukunft offen gestalten. Dies ist auch in schweren Zeiten wie diesen wichtig.“

Prof. Dr. Renate Schepker, ZfP-Regionaldirektorin Ravensburg-Bodensee: „Menschengemachtes Leid ist schlimmer als jede andere Grausamkeit, das muss uns auch und gerade inmitten dieser Pandemie bewusst sein. Der Kampf gegen Covid-19 führt uns eindrücklich vor Augen, dass wir als Gemeinschaft fürsorglich miteinander umgehen sollten und dabei niemand benachteiligt oder vergessen werden darf. Jeder für sich kann auch im Stillen dazu beitragen, dass wir diese Krise meistern und für alle bald wieder bessere Zeiten kommen werden. Uns im ZfP Südwürttemberg mahnt dieser Gedenktag nicht zuletzt daran, aufmerksam zu bleiben und unser berufliches Ethos ernst zu nehmen. Erinnern ist auch im Krisenmodus wichtig.“

Auch Regionalsekretär Frank Kappenberger vom DGB-Kreisverband Bodensee-Oberschwaben gedachte mit einem Kranz der Opfer des Nationalsozialismus vor dem Denkmal der Grauen Busse am ZfP-Standort Weissenau. (Bild: Jochen Tenter/ZfP Südwürttemberg)

Mit zeitlichem Abstand zueinander wurden anschließend zwei weitere Kränze am Denkmal der Grauen Busse niedergelegt: von der Initiative Psychiatrieerfahrener im Landkreis Ravensburg (IPERA e.V.) gemeinsam mit dem Werkstattrat der Weissenauer Werkstätten und vom Kreisverband Bodensee-Oberschwaben des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB).

Online Gedenken ermöglichen

Da Präsenzveranstaltungen dieses Jahr nicht möglich waren, hat das ZfP Südwürttemberg einen Weg gesucht, dem gemeinsamen Gedenken dennoch Raum zu geben – und zwar online: Die Theaterinszenierung von „T4. Ophelias Garten“ des italienischen Bühnenautors Pietro Floridia wurde im Vorfeld des Gedenktags coronakonform und professionell aufgezeichnet. Das Video kann unter www.zfp-web.de/unternehmen/erinnern-und-gedenken angesehen werden. Es eignet sich auch für die Verwendung im Unterricht, wofür ergänzend eine didaktische Handreichung erstellt wurde. Diese steht unter der angegebenen URL als Download zur Verfügung.

Das Drama „T4. Ophelias Garten“ erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zweier Frauen, der Krankenschwester Gertrud und der „andersartigen“ Ophelia, und thematisiert damit die Ermordung psychisch Kranker und geistig Behinderter während des Nationalsozialismus. Es erschien 2016 im Verlag Psychiatrie und Geschichte erstmals auf Deutsch. Uraufgeführt wurde das ursprünglich italienische Stück in seiner deutschsprachigen Fassung im Januar 2020 am ZfP-Standort Bad Schussenried.