„Wir wollen, dass Sie sicher leben!“

„Wir wollen, dass Sie sicher leben!“
"Sicher unterwegs" ist ein Motto der Workshops. (Bild: Peter Köstlinger)

Friedrichshafen (tmy) – Das im Titel erwähnte Motto „Wir wollen, dass Sie sicher leben!“ hat sich die Polizei Baden-Württemberg auf ihre Fahnen geschrieben. Einer, der dieses Motto liebt und lebt, ist Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger aus Meersburg.

Köstlinger, der in der „Gewaltprävention“ unterwegs ist, besucht im Zuge dessen die 8. Klassenstufe aller Schulen im Bodenseekreis, um durch den landesweiten Gewaltpräventionsunterricht die Anzahl der Gewaltopfer zu reduzieren. Das neue Programm „Sicher. Unterwegs. Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum“ und wird ebenfalls in ganz Baden-Württemberg angeboten.

Die Zielgruppe beginnt mit dem Alter von 16 Jahren

Und – das sollte allen bewusst sein – zu einem Tatort könnten viele Plätze und Orte werden, an denen man sich ansonsten sicher fühlt. Das können die Schule, öffentliche Plätze, die Unterführung oder sogar eine U-Bahn oder ein Zug sein.

Aber auch im Stadtpark oder einem Freibad, auf einem Fest, beziehungsweise im Kino, der Bar oder der Diskothek könnten Belästigungen, die oft verbal beginnen, schwerwiegende Folgen haben. Es sei denn, man weiß sich entsprechend zu wehren.

Workshop erklärt, wie man sich verhalten soll

Wie das geht und was man tun kann, um sich keiner unnötigen Gefahr auszusetzen, das schildert Peter Köstlinger, der über 1,90 Meter misst und mit seinem kahlgeschorenen Kopf und den dunklen Klamotten ohnehin Respekt einflößend wirkt, in seinen Workshops für Frauen.

In den weiterführenden Schulen im Bodenseekreis unterrichtet Köstlinger die Mädchen ab der 10. Klassenstufe. Der / die Klassenlehrer / in muss dabei immer anwesend sein. Im Gegensatz dazu werden auch öffentliche Veranstaltungen angeboten, die meist durch Frauenorganisationen, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Friedrichshafen oder auch der Katholischen Erwachsenenbildung in Friedrichshafen, federführend organisiert werden.

In diesen öffentlichen Veranstaltungen hat Köstlinger ein Netzwerk von Kooperationspartnern, die mit ihm zusammen den Workshop gestalten. Neben Harald Beck, vom gemeinnützigen Verein „Gewaltfrei Durchboxen“, und Florian Nägele, „Streetwork / Mobile Jugendarbeit / ARKADE in Friedrichshafen und in Ravensburg“, unterstützt ihn auch eine angehende Polizeikommissarin bei den Selbstverteidigungstechniken.

Das Team der Workshops zur Gewaltprävention.
Das Team der Workshops zur Gewaltprävention. (Bild: Peter Köstlinger)

Warum der Buchstabe „L“ eine entscheidende Rolle spielt

Melike Gündemir ist Vizeweltmeisterin bei den Police- and Firegames (Polizeiolympiade, Anmerkung der Redaktion) in Los Angeles, bei der sie 2017 die Silbermedaille errang. Sie kann somit als Frau im zweiten Teil des Workshops aktiv und mit Körperkontakt mit den Teilnehmerinnen arbeiten.

In diesen Workshops erklärt Köstlinger seinen weiblichen Zuhörern, was erlaubt ist und „dass man, im Fall der Fälle, laut schreien sollte“, um Aufmerksamkeit zu erregen oder im Idealfall Zeugen zu finden. Drei Mal den Buchstaben „L“ verwendet er stets dabei. Das steht für „Licht, Leute und Lärm“. Das sollten sich die Frauen in Gefahrensituationen ins Gedächtnis rufen.

Damit sei die Flucht ins Licht und zu Leuten, während man schreit und Lärm macht, gemeint. Das Schreien unterstützen und den Lärm erzeugen könne auch ein technisches Gerät – ein sogenanntes „Schrill- oder Schreigerät“. Bei diesem zieht man den Stecker und ein ohrenbetäubend lauter Alarm (über 140 Dezibel) ertönt und „schreit so quasi für die Frau“.

“Hey Baby, heute schon was vor?“, schmeichelt Peter Köstlinger einer Schülerin, sie sich freiwillig für ein Rollenspiel meldete, aber der die Situation sichtlich unangenehm ist. „Lass mal sehen, was du da auf dem Handy hast. Ist das ein Bild von dir? Hübsche Augen und Haare hast du?“, macht der Seminarleiter ungeniert weiter.

Zivilcourage ja, aber bitte mit Vorsicht

Bis, ja bis sich eine Mitschülerin einschaltet und den erfahrenen Kommissar anraunzt: „Hören Sie auf, lassen Sie das Mädchen in Ruhe!“, raunzt sie in Richtung des Polizeibeamten, der den „bösen Buben“ gibt. „Das war gut, nein sehr gut“, lobt der Beamte die beiden Freiwilligen, ermahnt aber die Helferin / Zeugin bei ihrer Zivilcourage dazu, auf Abstand zum Täter zu bleiben.

Denn: Kommt man als Helfer nicht in das „Magnetfeld“ des Täters, kann man bei der Hilfsaktion auch nicht zum zweiten Opfer werden. „Das wollen wir auf keinen Fall“, stellt Peter Köstlinger im Praxisbespiel klar. Anschließend zaubert er aus seinem Maßnahmenkoffer verschiedene Dinge hervor, die notfalls zum Selbstschutz in unangenehmen Situationen tatsächlich erlaubt sind.

Pfefferspray, Trillerpfeife, Signaltongeber (Schrill- oder Schreigerät), eine taktische Taschenlampe mit mehreren tausend Lumen Lichtleistung und selbst ein Elektroschocker sowie eine Schreckschusspistole, die zusammen mit einem „Kleinen Waffenschein“, der beim Landratsamt für 96 Euro erworben werden kann, hat Köstlinger mit dabei.

Der offizielle Ratschlag der Polizei im Zusammenhang mit Selbstverteidigungswaffen liest sich erst einmal komisch, denn die Polizei rät, dass es besser ist, keine (Selbstverteidigungs-)Waffen zu besitzen und mit sich zu führen. Schnell könne aus einer relativ harmlosen Situation eine gefährliche und unkontrollierbare werden – und daran seien häufig Waffen schuld.

Waffen lösen kein Problem, sondern machen alles nur noch schlimmer. Zudem kann eine Selbstverteidigungswaffe, die die Frau einsetzt, vom Täter  abgenommen werden und dann gegen die Frau selbst eingesetzt werden.

Waffen sind zwar erlaubt, sollten aber nicht benutzt werden

Nachdem bei der einen oder anderen das Gesicht kurz stehen geblieben ist, schiebt Peter Köstlinger hinterher: „Besser ist es natürlich, wenn man diese Waffen gar nicht erst braucht, sondern mit Worten und Schreien eine solche Situation auflöst sowie andere Passanten eure Notlage mitbekommen und eingreifen. Schaut, dass ihr am besten nie alleine heimgeht.“

Dass man im Ernstfall sogar zuschlagen darf, lässt Köstlinger dabei nicht unerwähnt, um sogleich hinterher zu schieben: „Nehmt jedoch besser die flache Hand, also die Handkante. Falls ihr nämlich mit der Faust zuhaut, könntet ihr euch das Handgelenk brechen und seid dann womöglich wehrlos.“

Man sollte sich besser mit der Handkante wehren.
Man sollte sich besser mit der Handkante wehren. (Bild: Peter Köstlinger)

Einige Frauen Mädels nicken zustimmend, andere notieren fleißig mit. In den öffentlichen Workshops wird dieser „Selbstverteidigungsteil“ durch die oben erwähnten Kooperationspartner intensiv in einer Stunde bearbeitet. Natürlich, und dies wird immer wieder erwähnt, ist es nicht reell, wenn man behaupten würde, dass so ein „Selbstverteidigungs-Crashkurs“ aus einer Frau eine unüberwindbare Kampfmaschine macht.

Frauen lernen, wie man sich richtig verteidigen kann.
Frauen lernen, wie man sich richtig verteidigen kann. (Bild: Peter Köstlinger)

Dazu müssten die Frauen, und dies wird auch angeraten, eine Kampfkunstschule ihrer Wahl besuchen. Seitens der Polizei wird hierzu keinerlei Empfehlung abgegeben. Die Polizei möchte sich bei der Empfehlung und Auswahl von Kampfkunstvereinen ausdrücklich neutral verhalten.

Nächster Workshop ist für Februar 2022 vorgesehen

Nach gut drei Stunden ist der Workshop „Sicher. Unterwegs. Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum“ auch schon wieder vorbei und die Schülerinnen befassen sich wieder mit anderen Themen, die der Schulalltag mit sich bringt. Dennoch bleibt das Gefühl, dass man im Fall der Fälle Handlungsspielraum hat und weiß, was zu tun ist, um sich und andere vor Übergriffen verbaler und körperlicher Art zu schützen.

Der nächste öffentliche Workshop außerhalb der weiterführenden Schulen im Bodenseekreis  ist für Montag, 14. Februar 2022, von 17 bis 20 Uhr in Friedrichshafen geplant. Interessierte Schulen oder interessierte Frauenvereinigungen könnten mit dem Referat Prävention des Polizeipräsidiums Ravensburg, unter der Telefonnummer 0751 803-1042 oder per E-Mail an ravensburg.pp.praevention@polizei.bwl.de in Kontakt treten.

Oder man meldet sich beim Kooperationspartner, also bei Iris Egger von der „Katholischen Erwachsenenbildung“, unter www.keb-fn.de. Weitere Infos zur Zivilcourage und zu den polizeilichen Präventionsprojekten sind unter www.polizei-beratung.de, www.aktion-tu-was.de oder www.polizei-praevention.de zu erfahren.