Kommentar Ein ausgefuchster Özdemir siegt gegen einen zu biederen Hagel

Ein ausgefuchster Özdemir siegt gegen einen zu biederen Hagel
in ausgebuffter Cem Özdemir hat bei der Landtagswahl die CDU noch ausgestochen. (Bild: BMEL/Janine Schmitz/Photothek)

Wie konnte es geschehen, dass der lange so komfortable Vorsprung der CDU nicht ins Ziel gebracht wurde? Darauf gibt es gleich mehrere Antworten. Was die Bundesregierung in Berlin treibt bzw. unterlässt, ist grob fahrlässig und weit entfernt von einer guten Arbeit. Der Bundeskanzler hatte vor der Wahl Führung versprochen, doch keiner merkt sie. Im Gegenteil, er lässt jede Führungsqualität vermissen, von einem führungsstarken „harten Hund“, den die Republik brauchen könnte ist er genau so weit entfernt, wie sein Vorgänger Olaf Scholz von rhetorischen Glanzleistungen. Die SPD tritt als Bremser bei dringend notwendigen Reformen auf und schafft es gefühlt zudem, den Kanzler am Nasenring durch die Manege zu führen. Mit Schnapsideen wie beispielsweise Lifestyle-Teilzeit, Zahnbehandlung (beide von der CDU) und Erbschaftssteuer (SPD) wurden in den letzten Wochen potenzielle Wähler massiv vor den Kopf gestoßen. Daniel Günther hatte bei der Heute-Show einen bemerkenswerten Auftritt am Rande des CDU-Parteitags in Stuttgart. Gestern wurde dieser Beitrag bei der ARD in der Sendung „Miosga“ eingespielt und zeigte, dass er mit Satire auf solche Hirngespinste regieren kann: „Wenn, dann verarschen wir die Menschen richtig!“

Auch im Ländle hat sich einiges getan. Der lange so ruhige Wahlkampf bekam mit dem gehypten Video über Manuel Hagel plötzlich eine hässliche Fratze. Die Mär, dass das keine Kampagne von Grün war, kann auch mit vielen Worten nicht glaubwürdig ausgeräumt werden. Dass die CDU nicht mit gleicher Münze zurückschlug und darauf verzichtete die schwarzen Flecken auf dem Hemd von Özdemir auszugraben, darf man ihr positiv anrechnen. Nicht aber, dass es Hagel und der CDU ein Stück weit an der Gier nach einem Machtwechsel fehlte. Hagel ist ein zu braver Politiker, dem der Instinkt und die Härte für notwendige Strategiewechsel abgeht. Donald Trumps Devise lautet: „Wenn Dich einer schlägt, schlage doppelt so hart zurück!“ Hagel ist für so ein Verhalten viel zu zurückhaltend, ein Reißer oder wie wir Schwaben sagen, ein „Kerle“, der auch Ecken und Kanten hat, an dem man sich auch mal ordentlich reiben kann, ist er nicht. Sein Demutsverhalten am gestrigen Abend nach den ersten Hochrechnungen zeigte auf, dass er zwar mit Anstand verlieren kann, aber nicht, dass er mit einer „jetzt erst recht Einstellung“ Vollgas geben will.

Ein Riesen-Manko war zudem, dass Hagel zu unbekannt im Ländle ist. Schuld daran ist der zu späte Machtwechsel von Strobl zu Hagel, dieser hätte schon mindestens ein Jahr früher erfolgen sollen. Auch die Wahl-Strategie war mindestens fragwürdig. Özdemir war im Gegenteil zu Hagel auf vielen Nachrichtenportalen mit Anzeigen online ständig präsent und schaffte es, dass er bei Nutzern der Medien ständig und fast gebetsmühlenartig präsent war. 

Bei gleicher Anzahl von Sitzen im Parlament müsste eigentlich Özdemir Angst und bange werden. Packen Hagel und die CDU ihre Kampfhandschuhe aus, wird der Preis für den neuen Landesvater und seine Partei recht hoch. Wen würde es wundern, wenn die Grünen nach diesem Wahlkampf bei der Regierungsbildung und dem Regierungsprogramm deutlich Federn lassen müssen? Schafft das die CDU nicht, stellt sich tatsächlich die Frage nach den Köpfen in der Führung.

Die SPD steht vor der Frage, wie sie in Zukunft Politik gestalten will. Mit dem gegenwärtigen Kurs als Bremser in Berlin, bei dem sie auch die Arbeitnehmer aus den Augen verlieren, steuern sie ihrem eigenen Untergang entgegen.

Und bei den Grünen? Mit Realpolitik aus dem Ländle haben die Abgeordneten im Bundestag gar nichts, bis ganz wenig zu tun, sie driften lieber lustvoll nach links ab. Es wird spannend sein, wohin das führt, wie dies die Grünen verändern wird und ob sie damit nicht ihre Wählbarkeit schmälern.     

Zur AfD nur so viel. Die Partei versammelt die Unzufriedenen im Lande. Weil sie immer mehr werden, müsste die Bundesregierung eigentlich darauf reagieren. Eigentlich, doch der Glaube daran schwindet mit jedem verlorenen Tag. Nach den blumigen und ausweichenden Worten der Berliner Granden von SPD und CDU bei ihren Statements am gestrigen Wahlabend sowieso.