Hausarztmangel Bingen investiert und verhindert damit den Verlust der hausärztlichen Versorgung

Bingen investiert und verhindert damit den Verlust der hausärztlichen Versorgung
Bürgermeister Marco Potas (Bingen-Hohenzollern) ist dankbar, dass sich alle Entscheidungsträger beim Projekt Ärztehaus einig waren. (Bild: Michael Setz (Bingen))

Viele Städte und Gemeinden werden bei der Gesundheitsversorgung vor immer größere Herausforderungen gestellt, so auch die Gemeinde Bingen-Hohenzollern.

Nach dem Wegbrechen des SRH-MVZ (Medizinischen Versorgungszentrums) vor zwei Jahren, stand die Gemeinde vor der Herausforderung, eine alternative Lösung zur Sicherstellung der wohnartnahen medizinischen Versorgung ihrer Bürger zu finden. Mittlerweile haben die Entscheidungsträger mit einem bewundernswerten Kraftakt den Weg dafür freigemacht. Ende des Jahres soll im Neubau des Ärztehauses eine Hausarztpraxis einziehen.

Wir fragten bei Bürgermeister Marco Potas nach, wie die Gemeinde die Herausforderung nach der Schließung des SRH-MVZ annahm und darauf reagierte.

Herr Potas, was waren die Beweggründe sich als Gemeinde Bingen für ein MVZ/Ärztehaus einzusetzen?

In der Gemeinde Bingen befindet sich aktuell kein MVZ der SRH mehr. Die hausärztliche Versorgung drohte 2024 durch den Verlust des MVZ-Standortes wegzubrechen. Vor diesem Hintergrund entschied sich die Gemeinde Bingen, dem etwas entgegenzusetzen und ein eigenes Gebäude zur Unterbringung eines Hausarztes zu errichten. Die Praxisräume des ehemaligen MVZ werden aktuell nicht durch die SRH weitergeführt.

Welcher Zeitraum ging diesen Überlegungen bis hin zur Investitionsentscheidung voraus?

Spätestens im Jahr 2024 reiften die Überlegungen sehr konkret, da der vollständige Verlust der hausärztlichen Grundversorgung drohte. Dieser Prozess zeichnete sich jedoch schon mit ein wenig Vorlauf ab. Ohne dass der Gemeinde gesicherte Informationen dazu vorlagen.

Zogen alle Entscheidungsträger entschlossen dabei mit (Gemeinderäte, Landratsamt, Land, KV-BW)?

Hier ein entschiedenes „Ja“.

Welche Investitionssumme nimmt die Gemeinde dabei in die Hand?

Wir rechnen mit rund 2 Millionen Euro Baukosten.

Welche Bedeutung messen Sie der verbesserten Gesundheitsversorgung in Ihrer Gemeinde zu?

Eine sehr große, denn ohne unser Zutun würde nach meiner Einschätzung bald kein Hausarzt mehr in Bingen vorhanden sein. Es ist eine strategische Entscheidung, um in Bingen einen eigenen Hausarzt sichern zu können. Der Verlust dieser Grundversorgungsstruktur hätte schlimmstenfalls weitere Auswirkungen auf die weitere direkte Versorgung im Ort selbst. Der neue Standort, direkt gegenüber der Apotheke wertet die Ortsmitte weiter auf und schützt die Daseinsvorsorge vor der Haustüre.

Sie streben an, im Erdgeschoss des Neubaus eine Facharztpraxis zu etablieren. Wer ist dabei der Kümmerer, der sich um eine mögliche Ansiedlung bemüht?

Wir streben einen medizinischen Kontext für das Gesamtgebäude an. Ob sich später eine Facharztpraxis niederlässt oder weiter gefasste medizinische Praxen bzw. Einrichtungen wird sich zeigen. Aktuell ist die Verwaltung bemüht einen geeigneten Partner für das Erdgeschoss zu finden. Der Fokus und die Priorität liegt jedoch zunächst ganz klar auf der Fertigstellung und dem Betrieb der Hausarztpraxis.

Welche Fachbereiche sind aus Ihrer Sicht sinnvoll bzw. erfolgversprechend?

Ich denke, dass eine für den Binger Ortskern sinnvolle Nutzung im Vordergrund steht. In der aktuellen Versorgungslage und dem allgemeinen Mangel an Fachärzten ist es schwer hier eine Einschränkung zu machen, da alle Fachbereiche dringend benötigt werden. Aber ich denke man darf hier auch ein wenig über den Tellerrand hinausschauen und muss auch darüber nachdenken, was für Bingen eine dauerhaft gute Lösung ist.

Können Sie den Arztpraxen attraktive Mietpreis anbieten, oder sehen Sie sich gezwungen eine ortsübliche Miete aufrufen? (In Bad Saulgau – Krankenhaus- und andernorts werden von Kommunen den Praxen günstige Mieten angeboten, um die Gesundheitsversorgung verbessern)  

Ja, wir können günstige Mieten anbieten. Wir sind im Gegensatz zu privaten Investoren in der Lage das Projekt mit langen Laufzeiten und kostendeckend abzubilden. Die Rendite für die Gemeinde ist die Sicherung der Daseinsvorsorge am Ort. Daher sind wir in der Lage einen Mietpreis anzubieten, den ein Investor mit entsprechender monetären Renditeerwartung nicht bieten kann.