Kommentar Grottenfalsch: Kliniken ohne patientenorientierte Nachfolgestrukturen zu schließen  

Grottenfalsch: Kliniken ohne patientenorientierte Nachfolgestrukturen zu schließen  
Auch das Bad Saulgauer Krankenhaus wurde geschlossen. Das in Aussicht gestellte Primärversorgungszentrum , das als Nachfolgestruktur für die medizinische Versorgung dienen sollte, konnte nicht verwirklicht werden. (Bild: Privat)

Die Schließungen von Kreiskrankenhäusern haben in den letzten Jahren für viel Ärger und Aufregung in den Landkreisen Biberach, Sigmaringen und Ravensburg gesorgt. Die wegfallende stationäre Versorgung sollte, so der Willen der Landes- und Kommunalpolitiker, durch Primärversorgungszentren aufgefangen werden. 

In Österreich ist der Begriff Primärversorgung genau umschrieben. Auf der Homepage des Ministeriums für Gesundheit und Soziales ist nachzulesen: Eine PVE (Primärversorgungseinheit, bei uns PVZ), ist ein Zentrum oder ein Netzwerk, in dem multiprofessionelle Teams gemeinsam und aufeinander abgestimmt Patienten behandeln. Im Kernteam arbeiten mindestens zwei Ärzte der Allgemeinmedizin mit Angehörigen der Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege zusammen. Dies wird ergänzt durch Ordinationsassistenten, sowie gegebenenfalls eine Fachärztin bzw. einen Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde. Orts- und bedarfsabhängig können weitere Gesundheits- und Sozialberufe im Sinne eines „erweiterten Teams“ verbindlich und strukturiert hinzugezogen werden. Diese Berufsgruppen können u.a. umfassen: klinische Psychologie, Psychotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Diabetologie sowie Sozialarbeit.  

Eine genaue Definition des Begriffs Primärversorgungszentrum gibt es hierzulande immer noch nicht, wird aber von Entscheidungsträgern bei jeder Klinik-Schließung als die Lösung für eine medizinische Nachfolgestruktur ins Feld geführt. Die Bürgermeister von Bad Saulgau und Pfullendorf haben in ihren Stellungnahmen zu den gescheiterten Bemühungen, um solche Zentren kein Blatt vor den Mund genommen und Klartext gesprochen.

Fatal ist, dass Kliniken immer noch geschlossen werden, obwohl keine alternative Auffangstruktur entwickelt wurde. Dies bemängelte in einem Interview jüngst auch Rudolf Forcher, Alt-Bürgermeister von Bad Waldsee und langjähriger Präsident des Heilbäderverbandes Baden-Württemberg: „Ich kreide der Politik an, dass sie kurzfristig und nicht perspektivisch arbeitet. Bei einer Umstrukturierung gehört es dazu, dass man rechtzeitig das Neue aufbaut.“ Dies unterstreicht auch Ralph Gerster, Pfullendorfs Bürgermeister.

Raphael Osmakowski-Miller, Saulgaus Bürgermeister, spricht in dem Zusammenhang gar vom „Opium für das Volk“ um drohende Widerstände in Bevölkerung klein zu halten. Er bemängelt, dass das Land es bis heute noch nicht geschafft hat, den Stellenwert, Funktion und Finanzierbarkeit eines PVZ zu definieren. Eine nahezu unglaubliche Feststellung, die aber klar aufzeigt, dass es Gesundheits-Minister Lucha versäumt hat, notwendige und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Ob es wohl Bad Waldsee gelingt, bei der Etablierung von Nachfolgestrukturen für das geschlossene Krankenhaus erfolgreicher zu sein?

Es dürfen Zweifel angemeldet werden, denn bisher ist nicht erkennbar, dass die Politik (Kommunal-, Landes- und Bundespolitik) aus den Fehlern der Vergangenheit die richtigen Schlüsse zieht. Das Grundproblem ist, dass sich der Staat aus der Verantwortung für die Gesundheitsversorgung zurückgezogen hat. Mit der Öffnung des Marktes für Investoren, wurde die Büchse der Pandora geöffnet, immer mehr kommunale Kliniken wurden an die privaten Krankenhausbetreiber verhökert. Trotz Minderheitsbeteiligungen glaubten Kreisräte und Landräte bei wichtigen Entscheidungen weiter mitreden zu können. Dabei sind sie nur noch „Beifahrer“, wie es der Ex-Landrat Dr. Heiko Schmid (Biberach) mehrmals resigniert feststellen musste.

Düstere Aussichten

Sieht man die aktuellen Finanzierungsprobleme und damit fortschreitende Ausdünnung der Klinikstandorte, die Klagen der niedergelassenen Ärzteschaft und Apotheken, dann fragt sich der besorgte Bürger, ob die Gesundheitsversorgung nicht vor einem Totalschaden steht? Der schon jetzt eklatante Hausärztemangel, die monatelangen Wartezeiten bei Fachärzten, die Schwierigkeiten überhaupt noch einen neuen Haus- oder Zahnarzt zu finden und die Probleme bei der Arzneimittelversorgung deuten schon jetzt darauf hin.         

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