Nina Gnädig: „Tschappel zu sein ist ein Geschenk“

Nina Gnädig: „Tschappel zu sein ist ein Geschenk“
Nina Gnädig, die in der Filmserie „Tschappel“ die lebenslustige Tante Gabi spielt, blickt voll Dankbarkeit auf die erste Staffel zurück. (Bild: picture alliance/dpa | Gerald Matzka)

Am vergangenen Samstag war am Drehort in Zußdorf große Premiere der Filmserie Tschappel. Ab Freitag, 23. Mai, können alle Folgen im ZFD gestreamt werden, bei ZDZneo startet die Serie ab Dienstag, 3. Juni. Hier werden ab 21.45 wöchentlich Doppelfolgen ausgestrahlt. „Tschappel“ erzählt die Geschichte von Carlo Brenner, einem Provinz-Teenager auf der Suche nach sich selbst.

In der Serie sind renommierte Schauspieler eingebunden. Bärbel Stolz (auch als Prenzl-Schwäbin bekannt) und Bernd Gnann spielen die Rolle der Eltern, Harald Schmidt tritt als Arzt auf.

Nina-Friederike Gnädig überzeugt in der Serie als Tante Gabi, eine Frau, die das Leben feiert. Wir haben sie bei der Premiere angesprochen und sie war gerne bereit, ein Interview mit uns zu führen.

Frau Gnädig, wie fanden Sie Ihren Weg vor die Filmkameras?

Ich würde fast sagen, der Weg fand mich. Tatsächlich bin ich ja sehr ländlich und fast ohne Fernsehen aufgewachsen, Schauspiel lag berufstechnisch in einer unbekannten Galaxie. Theater-AG, Orchester, Chor, das habe ich alles wahnsinnig gerne gemacht, aber dass man das Studieren kann, habe ich erst erfahren, nachdem ich von einem Studium Generale aus Paris zurück und in Berlin im Theater war. Im Zuschauerraum sprachen sie darüber. Daraufhin habe ich mir einen Pferdeschwanz gebunden, mir Mut gemacht, einen langen schwarzen Rock angezogen, Texte auswendig gelernt und vorgesprochen. Noch während des Studiums sah mich eine Casterin in einem Theaterstück. Zwei Wochen später war ich mit einem Rucksack bei meiner Schwester in Berlin und mein erster großer Dreh begann. (Anmerkung der Redaktion: „Verliebt in Berlin“, eine Serie, die mit dem Deutschen Fernsehpreis und der Rose`d’Or ausgezeichnet wurde).

Was ist der Unterschied zwischen Bühne und Film?

Im Theater hast du Wochen des gemeinsamen Probierens, die der Premiere voraus gehen. Bestenfalls entwickelt jeder für sich und man gemeinsam das, was man erzählen will. Von da an erzählt man immer den ganzen Bogen der Geschichte. Dann kann es den magischen Moment geben, dass der Teppich zu fliegen beginnt. Wenn ihn nur alle gleichzeitig heben.

Beim Film ist die Arbeit eine andere. Gewiss gibt es einen Austausch davor, Leseproben, manchmal sogar Szenenproben. Aber dann beginnt man bereits damit, die Geschichte zu erzählen, manchmal beginnt man mittendrin, manchmal dreht man den Schluss zu Beginn. Figuren und Bogen trägt jeder in sich, Szene für Szene entdeckt man gemeinsam den Teppich.

Was beide verbindet? Beide Male musst du ganz präsent und im Moment sein. Bestenfalls verschwindet man selbst darin und die Figur, die man spielt, scheint hindurch.

Sie haben in verschiedenen Serien und Filmen mitgewirkt. An welche Produktionen denken Sie noch heute gerne zurück?

Einzelne Produktionen hervorzuheben, fände ich fast gar ungerecht, da ich das große Glück habe, oft recht extreme Figuren spielen zu dürfen, die weit weg von meinem Alltagsleben sind. Dadurch erschließen sich mir immer neue Universen, je nach dem, woher meine Rolle kommt. Ich war die Mörderin, ich war das Opfer, ich war die Kommissarin. Immer wieder sogar. Jede Figur lehrt mich etwas: Klettern oder Rolls Royce fahren, Rülpsen, Tanzen oder psychologische Profilerkenntnisse. Das ist die Gnade unseres Berufs, dass wir 365 Leben ausprobieren dürfen. Um umso bewusster in das eigene zurückzukehren.

Nach fast 20 Jahren Dreherfahrung kann ich jedoch sagen: die Hingabe und die Liebe zum Film, die uns während des Drehs zu „Tschappel“ begegnet ist, das war gelebte Utopie.

Oberschwaben ist nicht Hollywood und trotzdem fanden Sie hierher. Wie kam das?

Na zum Glück sogar. Ich war gerade noch mit einer anderen Produktion beschäftigt, als die Anfrage zum eCasting kam, gerne auf Schwäbisch, gerne mit Humor. Nachts auf dem Hotelzimmer habe ich dann eine kurze Vorstellung aufgenommen, nicht wissend, dass ich damit so beschenkt werden würde: mit Tante Gabi als Figur, mit Tschappel als Format, mit dem Drehort. Und ganz besonders: mit den Menschen.

Tschappel berührt die Menschen nicht nur auf dem Lande. Wie sehen sie diese Filmserie?

In der Serie geht es um das allgemein gültige Gefühl verloren zu sein, bevor man sich findet. Und das lässt sich mit einem ganz eigenen Charme in einer kleinen Welt besonders fokussiert erzählen.

Haben Sie Oberschwaben ein Stück weit kennengelernt und welchen Eindruck haben Land und Leute auf Sie hinterlassen?

Nun haben wir einen ganzen Sommer hier verbracht: wir kannten den Rhythmus der Störche auf dem Kirchdach, den legendären Zwiebelrostbraten aus dem Bräuhaus, die Nachbarn in Zußdorf, die für uns zur Zeit der Apfelernte Apfelmus eingekocht haben, Jugendliche der Landjugend, die mitgewirkt haben und wir saßen nach den Drehtagen immer wieder vor dem Gemeindehaus Schalander zusammen. Und am Wochenende am See oder im Festzelt. Land und Leute – was für ein Glück! DANKE Euch dafür!

Sie sind im Leben sicher vielen Schauspielern begegnet. Wen von den bekannten Schauspielern der Serie kannten Sie bereits?

Bärbel (Bärbel Stolz) und ich sind schon lange eng befreundet, mit ihr habe ich eines meiner ersten Projekte gedreht. Mittlerweile leben wir Tür an Tür und Herz an Herz. Auch Harald und ich kennen uns von meinen Anfängen bei der Soko Stuttgart und vom Traumschiff – aber nachdem alle guten Dinge bekanntlich vier sind, begegnen wir uns gewiss wieder. Ansonsten kannte ich bislang nur die Arbeiten der anderen Kollegen – und wurde beschenkt damit, ihnen zu begegnen. In den Szenen wie im Leben. Jeremias, Sebastian, David, Mina – selten, so viele Menschen mit so feinen Herzen und Hirnen zu begegnen. Tatsächlich haben wir alle nach wie vor Kontakt zueinander.

Warum sollten die Fernsehzuschauer Tschappel unbedingt ansehen?

Gebt der Serie 10 Minuten. Ich bin sicher, dann freut man sich auf das ganze Format. Weil sie so eine Lust aufs Leben macht.

Mehr zu Nina-Friederike Gnädig gibt es hier: www.nina-gnaedig.de