Bei der Jahreshauptversammlung des Kreisbauernverbandes Biberach-Sigmaringen e.V. waren deutliche Worte zur Lage der Landwirtschaft und Politik zu hören. Torsten Karwczy sorgte mit seiner rhetorischen Brillanz nicht nur für eine kritische Bestandsaufnahme, sondern sorgte für einerseits spannende, aber auch unterhaltsame Momente.
Nach der Begrüßung durch den Kreisvorsitzenden Karl Endriß sprach Erika Götz (Ortsvorsteherin von Riedlingen-Neufra) ein kurzes Grußwort. MdL Thomas Dörflinger (CDU) sprach in seinem Grußwort die von der Landesregierung eingeleiteten Hilfestellungen für die Landwirte bei Versicherungsleistungen infolge von Unwettern an. Mit Beifall wurde seine klare Aussage zum Flächenverbrauch aufgenommen. „Landwirtschaftsfläche ist keine Verfügungsmasse“, so Dörflinger. Der Abgeordnete wies auch auf die Wichtigkeit hin, mit Förderungen die Betriebsnachfolgen zu unterstützen. Im digitalen Bereich versprach Dörflinger eine Entlastung, nicht nur für die Landwirte. Mit dem Projekt „Once only“ soll eine Vereinfachung der Datenerfassung und Meldungen einhergehen und Behörden schneller machen. Auch zu umstrittenen Problemfeldern, wie Biber und Saatkrähen, äußerte sich Dörflinger deutlich. Nach seiner Meinung müssten notfalls Biber zum Abschuss freigegeben werden, eine Verordnung zu den Saatkrähen sei auf dem Wege.
Angesichts der Anwesenheit der politischen Vertreter konnte sich Dörflinger einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Wir von der CDU sind nicht nur vor der Wahl bei Ihnen, sondern auch nach der Wahl.“ Er reagierte damit auf die Abwesenheit aller anderen Parteien. Alle Parteien waren eingeladen, doch anwesend waren lediglich die Bundestagsabgeordneten Wolfgang Dahler und Thomas Bareiß, MdL Klaus Burger, Ex-Europa-Abgeordnete Elisabeth Jeggle und Ex-MdB Josef Rief (allesamt CDU) anwesend.
Krafczyk: „Agrarpolitisches Davos in Neufra“
Angesichts der politischen Prominenz und der Anwesenheit von Ämter-Chefs und der Landwirte sprach Krawcyk mit einem Bonmot vom agrarpolitischen Davos in Neufra. Schnell wurde klar, dass Krawcyk trotz einer gehörigen Portion Wortwitz die Probleme direkt ansprach. So erinnerte er daran, dass nur zwei Prozent der Bevölkerung für die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung sorgen. Er stellte fest: „Wir Landwirte stehen mitten in der Gesellschaft!“ Mit Verweis auf die politische Vertretung des Berufsstandes in der Politik sorgte Krawczyk für Aufmerksamkeit: „Es gibt nur 25 Bundestagabgeordnete der Grünen Branche in Berlin, davon lediglich neun Landwirte!“
Überraschend deutlich und ehrlich war Krawczyks Aussage zum Mercosur-Abkommen: „Das Abkommen führt nicht dazu, dass es uns besser geht, aber es darf deshalb nicht abgelehnt werden!“
Verbandsarbeit die wirkt
Der sächsische Bauernpräsident sprach ein Credo für die Verbandsarbeit und warf gleichzeitig einen Blick auf die Bundesregierung: „Ich bin mir nicht sicher, ob diese Koalition bis zum Ende der Legislatur durchhalten wird.“ Deutliche Kritik äußerte an Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU): Er ist ein lieber Kerl, das reicht aber nicht, wir müssen ins Machen kommen.“ Er beklagte den schwachen Auftritt von Rainer bei der „Grünen Woche“ in Berlin. Krawczyk forderte. „Rainer muss jetzt beißen, es muss vorwärts gehen.“

Der sächsische Bauernpräsident ging auch auf die so oft kritisierte Lobby-Arbeit der Landwirte ein und verglich sie mit anderen Organisationen und Interessenvertretern. Demnach sind 1214 Vereinigungen mit fast 6000 Lobbyisten in Berlin tätig. Auch beim Wettbewerb der Organisationen, befindet sich die Landwirtschaft gegenüber anderen Vereinigungen im Hintertreffen. So hat beispielsweise der BUND einen Etat von 45 Millionen Euro zur Verfügung, die Umwelthilfe immerhin 24 Millionen, die Landwirte nur 13,7 Millionen, auch wenn sie dabei den höchsten Anteil für die Lobby-Arbeit ausgeben (mehr dazu im Anhang).
An die Landwirte richtet der sächsische Bauernpräsident einen Appell: „Wir Landwirte müssen mehr Mut und Zuversicht beweisen, uns einmischen und Gehör verschaffen!“
Landtagswahlen besorgen Krawczyk
Mit Bauchgrimmen sieht Krawczyk auf die kommenden Landtagswahlen: „Die erwartbaren Wahlergebnisse werden uns vor Probleme stellen.“ Als Ursache nannte er die fehlende Entschlossenheit der Regierung: „Die haben den Schuss immer noch nicht gehört!“ Der AfD und BSW warf er vor, dass sie keine Lösungen hätten, sondern sich nur öffentlichkeitswirksam präsentieren würden. „Das fällt ihnen leicht, denn sie müssen ja keine Verantwortung tragen,“ so Krawczyk.
Fehlende Resilienz der Republik
Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine warf Krawcyk die Frage nach der Resilienz der Republik auf. Dabei gehe es nicht nur um Verteidigung, sondern auch um die Versorgung mit Strom, Wasser, Wärme und Nahrungsmitteln für die Bevölkerung: „Wir habe in Sachsen einen Selbstversorgungsgrad von etwa 30 Prozent. Damit stellt sich die Frage, wie die Ernährungssicherheit für die Bevölkerung sicher gestellt werde soll?“ Mittlerweile habe zumindest die Bundeswehr dies erkannt und mit ihm Kontakt aufgenommen, konnte Krawczyk berichten. Die anwesenden Abgeordneten rief er auf, sich um das Thema zu kümmern. Ein Blick nach Berlin nach dem Brandanschlag auf die Stromversorgung genüge, um die Herausforderung und den Handlungsdruck für die Politik zu verdeutlichen.
Große Probleme der Landwirtschaft
„Seit 1990 haben wir keine Effizienzsteigerung mehr zu verzeichnen, die Kosten aber stiegen seither deutlich an, auch die Löhne. Gleichzeitig fliegt uns der Markt um die Ohren, die erzielbaren Preise sind nicht auskömmlich,“ betonte Krawczyk. Er verwies darauf, dass überall über Work-Life-Balance diskutiert werde. Besorgniserregend sei die Lage bei den Landwirten: „Wir beuten uns selbst aus. Wir haben keinerlei Sicherheiten über längere Zeiträume. Die Politik müsste uns bei Investitionen eine Garantie von 20 Jahren geben, damit die finanzielle und psychische Belastung nicht zu groß wird.“ Kawczyk nannte auch einen besonders tragischen Fall in diesem Zusammenhang. Durch die ständig neuen Anforderungen, Vorgaben und finanziellen Belastungen brach ein Landwirt unter der Last zusammen und beging Suizid. Kein Einzelfall, wie der sächsische Bauernpräsident betonte. Auch Depressionen seien mittlerweile unter den Landwirten kein Einzelfall mehr.
DBV-Next
Abschließend referierte Krawczyk zum Thema Zukunftsbauer 2035 und dem Netzwerk Jungunternehmer DBV-Next. Einzelheiten und Zielsetzungen gibt es ebenfalls im Anhang.