Riedlingen Der einst blühende Wirtschaftsstandort wirkt mittlerweile arg zerzaust

Der einst blühende Wirtschaftsstandort wirkt mittlerweile arg zerzaust
Ein kleiner Lichtblick: Vor 14 Jahren wurde das Aus für das Riedlinger Krankenhaus beschlossen, doch jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer für eine Nachfolgestruktur. Nach quälend langen (verlorenen) 14 Jahren wird in diesem Jahr das AMD (Ambulant Medizinische Dienstleistungszentrum) auf der Klinge in Betrieb gehen. (Bild: Maximilian Kohler)

Gerne wird zitiert „Handel ist Wandel“. Doch in diesem Maße, wie beim Donaustädtchen Riedlingen sollte es eigentlich nicht sein. Wir haben versucht die Betriebe und Selbständigen der altehrwürdigen Oberamtsstadt von 1980 bis heute so weit wie möglich zu erfassen. Betriebe, die Nachfolger in derselben Branche gefunden haben, bleiben unerwähnt. Nicht auszuschließen ist, dass uns der eine oder andere Betrieb durch die „Lappen ging“.

Die Zahl der in den letzten 46 Jahren verloren gegangenen Betriebe ist lang und Hauptursache für die stark zurückgegangenen Innenstadtfrequenz, aber auch für die Beschäftigtenzahlen in der Stadt.

Hier die Auflistung:

Anwalt: Brummund
Ärzte: Dr. Cäsar (Kinderarzt), Dr. Möller (Hausarzt), Dres. Klöss und Jaeger-Klöss (Internisten/Hausärzte)
Apotheken: Veiel´sche
Autohäuser/Fahrzeugbau: Drews später Munding, Herzog, Perwein, Anhängerbau Fischer, Pflugfabrik Fischer
Bäckereien: Sichler, Traub, Maucher, Mahl
Baufirmen: Anliker, Benner, Steidele
Behördenreform: Abzug der Sonderbehörden (Forstamt, Landwirtschaftsamt etc.)
Blumen: Rhein (Innenstadt und EDEKA), Blumen Inge
Bekleidung: Boutique Casablanca, Häring, Huckle, Sport Holzhauser später Haller, Kurzwaren Raff, Reginas Wäschetruhe, Stapel
Blumen: Rhein (Innenstadt und EDEKA), Blumen Inge
Drogerien: Eichelser, Ihr Platz, Müller, Schlecker, Ulich´sche
Elektrofachgeschäfte: Pfeiffer, Sauter
Fahrradhandel: Heudorfer
Fahrschule: Reiter, Butzug, Gralki
Flaschnereien: Kretschmann, Gehweiler
Gaststätten/Hotels: Brücke, Hasen, Ochsen, Mohren, Greifen, Lamm, Storchen, Glocke, Café Hammer, Diskothek B311, Grüner Baum
Gastronomie- und Tabakgroßhandel: Rathaus Mayer
Getränkehandel: Klingenberg
Haushaltswaren: Blauw später Selg/Emele, Dorner
Industrie: Milchwerk, bald Silit
Lebensmittel: Gaissmaier später Nanz und Schlecker, Kern, Glanz, Feinkost Kegel, Sparmarkt Walz,
Maler: Schwarz
Metallverarbeitung: Zint, Sturm, Aludur
Metzgereien: Braun (Marktplatz), Edel-Bertsch, Braun (Weiler Straße), Hagmann, Mönig-Schiedel
Raumausstattung: Moosbrugger
Reinigung/Wäschereien: Hopf, Renova
Reisebüro: Haberbosch
Schmuck: Stöhr E.
Schuhe: Brendle, Steigerwald, Quick-Schuh, Wurst
Schreinereien: Buck, Braun, Eisele (Mühlvorstadt), Eisele Hindenburgstraße
Spielwaren/Kinderbekleidung: Hindelang, Calimero
Stationäre Gesundheitsversorgung: Kreiskrankenhaus
Textilfabrikation: Baur, Gönner, Hempel, WüHoTri
Unterhaltungselektronik: Weißhaar, Schleicher, Kegel
Zahnärzte: Dr. Auchter, Dr. Egger, Dr. Kuhn, Dr. Reck
Zeitschriften, Schulartikel und Bürobedarf: Schwenkel, Büroecke Schocker

Das Versagen bei der Wirtschaftsförderung

Viele Städte und Gemeinden stellen fest, dass sich in den letzten Jahrzehnten ein starker Wandel in der Geschäftswelt vollzogen hat. Die Bürger beklagen, dass Innenstädte nicht mehr so pulsierend und attraktiv seien, wie früher. Schuld ist nicht nur der Generationenwechsel, der für Geschäftsaufgaben sorgte, weil Kinder die familiengeführten Handelsbetriebe nicht übernehmen wollten, sondern auch die zunehmende Veränderung im Einkaufverhalten der Bewohner. Diese beklagen einerseits die fehlende Attraktivität der Geschäfte, andererseits stimmten sie mit den Füßen ab, kauften immer weniger in diesen Innenstädten ein und sorgten damit für massive Umsatzverluste, die mitursächlich für Geschäftsaufgaben waren.


Auch Riedlingen kann ein Lied davon singen, denn schon seit 1980 befindet sich nicht nur die Innenstadt im Sinkflug. Viele Geschäftsbetriebe haben seither aufgegeben. Die Auflistung der verloren gegangenen Betriebe spricht eine deutliche Sprache. So gibt es beispielsweise keine Metzgereien mehr, Lebensmittel nur noch auf allerniedrigstem Niveau. Vor 46 Jahren waren neben den Bäckereien, Metzgereien vor allem ALDI (Wochenmarkt), LIDL (Hindenburgstraße) und Gaissmaier in der Innenstadt und Walz (Grüninger Siedlung) starke Frequenzbringer. ALDI und LIDL sind schon vor langer Zeit an den Stadtrand gezogen und haben für erste Einbrüche bei der Kundenfrequenz gesorgt.


Bei den Handwerks-, Textil- und Industriebetrieben, ist ein riesiger Aderlass zu beklagen, ein Ausgleich durch Neuansiedlung von Betrieben erfolgte nie. Schon 1987 forderte der damalige HGR-Vorsitzende Franz Selg (87-93) eine ausreichende Bevorratung von Gewerbegelände. Geschehen ist nichts, im Gegenteil! Mitte der 90er Jahre erteilte der damalige Bürgermeister von Ertingen einem interkommunalen Gewerbegebiet an der B311 eine deutliche Absage. Weder die Verwaltung noch der Gemeinderat kümmerten sich um Alternativen. Interessant ist, wie Norbert Zeidler (OB in Biberach) vor kurzem die Verantwortlichkeit der Stadtpolitik in der Tagespresse beschrieb: „Chef im Ring ist nicht die Verwaltung, sondern der Gemeinderat!“


Für einen weiteren Aderlass sorgte der Abzug der Sonderbehörden. Diese Arbeitsplätze sorgten für ein Absinken des Einkommensniveaus und der Kaufkraft, lagen sie einkommensmäßig doch erheblich über dem Riedlinger Durchschnittsverdienst. Als Ministerin Staiblin (Landwirtschaftsministerium) die Mohrenscheuer in den 90er Jahren besichtigte, übergab der HGR eine Petition für den Erhalt des Landwirtschaftsamtes. Von den Fraktionen im Gemeinderat fehlte jede Spur, keiner war da, nur Josef Martin, dem aber als Beschäftigter des Amtes wohl keine andere Wahl blieb.


Genau darin liegt das Problem, denn auch bei der Behördenreform verweigerten die Räte ihre Präsenz und Widerstand gegen Beschlüsse, die sich negativ auf die Riedlinger Wirtschaftskraft auswirkte. Der HGR hatte den damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU, Günther Oettinger, eingeladen. Im vollbesetzten Veranstaltungsraum der Volksbank-Raiffeisenbank Riedlingen wurde mit Oettinger über die Folgen der wegfallenden Arbeitsplätze diskutiert, die Verwaltungsspitze und die Gemeinderäte glänzten aber nahezu komplett mit ihrer Abwesenheit. Sie hatten wohl kein Interesse am Erhalt dieser wichtigen Arbeitsplätze für die Stadt. Ebenfalls sehr bedeckt hielt sich der Gemeinderat bei der Schließung des Krankenhauses. Die Entscheidungsträger in Bad Saulgau zeigen dagegen deutlich, dass sie eine gute Gesundheitsversorgung für ihre Bürger wollen und in kürzester Zeit buchstäblich alles dafür tun. Auch in Tettnang sind aktuell die Entscheidungsträger mit brachialer Entschlossenheit dabei, bei einer möglichen Schließung der Klinik selbst das Heft das Handelns zu übernehmen.


Während die anderen Städte der Region sich positiv entwickelten und bei den Beschäftigtenzahlen seit 1999 teils deutlich im höheren zweistelligen Bereich zulegten, hat Riedlingen heute weniger Beschäftigte als vor 27 Jahren und dies bei einer einwohnermäßig stark gewachsenen Stadt! So wurde auch die Schaffung eines Gründerzentrums von der Verwaltung abgelehnt, obwohl sich der Landkreis, IHK, Banken (Kreissparkasse und Volksbank-Raiffeisenbank) der HGR dafür aussprachen. Die Verwaltung sah damals nur Gefahren, erkannte keinerlei Chancen. Wie heißt es so schön: „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt!“


Seit Jahren werden auch die industriellen Arbeitsplätze immer weniger. Das Milchwerk wurde geschlossen, Silit (einst größter Arbeitgeber) hat die Zahl der Mitarbeiter schon deutlich reduziert und gibt wohl den Produktionsstandort auf. Bei Texmo Blank wurden Arbeitsplätze abgebaut.
Im Rat und bei der Verwaltung sind bis heute keine ernsthaften Impulse für eine energische und zielgerichtete Wirtschaftsförderung zu erkennen. Viele Bemühungen für eine positive Weiterentwicklung der Stadt, wie durch die beiden Stadtmarketings und dem Einsatz von Studenten der Hochschulen Biberach und Albstadt-Sigmaringen waren umsonst, oder besser gesagt für die Katz.

Weder Verwaltung noch Gemeinderat kümmerten sich um eine Umsetzung der Ergebnisse. Lediglich bei der Genussmanufaktur wurde ein ernsthafter Versuch zur Umsetzung gestartet, der letztlich aber scheiterte.
Hannes Widmann teilte vor wenigen Tagen WOCHENBLATT-MEDIA mit, dass die Riedlinger Wirtschaftsförderung aus seiner Sicht unstrukturiert sei. Ein vernichtendes Urteil. Dabei ist das noch sehr charmant umschrieben, denn bei genauer Betrachtung ist eine Wirtschaftsförderung in Riedlingen nicht wahrnehmbar. Da mutet es eher wie ein schlechter Scherz an, wenn jetzt die Wirtschaftsförderin dem Gemeinderat einen halbjährlichen Bericht über ihre Tätigkeit liefern soll.


Als Fazit darf man feststellen, dass es beim Rat und in der Verwaltung in den letzten 46 Jahren kein nachvollziehbares Interesse bestand, den einst stolzen Wirtschaftsstandort Riedlingen zu stärken und positiv weiterzuentwickeln. Ernsthafte Bemühungen für eine notwendige Aufholjagd gegenüber anderen Städten der Region sind leider nicht feststellbar. Das auf dem Papier stehende „Interkommunale Industriegebiet Donau Bussen“ ist ein prägnantes Spiegelbild. Viel Worte, viel Verwaltung, jährliche Berichte, aber null Komma null Ergebnisse. Kosten dafür aber schon!