Tag der Epilepsie: Miteinander für ein besseres Leben

Tag der Epilepsie: Miteinander für ein besseres Leben
Chefarzt Dr. Hartmut Baier (v.l.), Angela Giray, Silke Beer und Dr. Friedrich Behne freuten sich mit Simon Blümcke, Erster Bürgermeister der Stadt Ravensburg, über das Interesse an dem Wissensaustausch zum Thema Epilepsie. (Bild: ZfP Südwürttemberg)

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Von Arbeitsunfällen über Epilepsiechirurgie bis hin zu Zulassungsverfahren für Medikamente – die Expert:en der Epilepsie-Akademie Weissenau des ZfP Südwürttemberg informierten bei einem Vortragsabend über vielseitige Themen rund um das Krankheitsbild.

Simon Blümcke, Erster Bürgermeister der Stadt Ravensburg, dankte in seinem Grußwort Dr. Hartmut Baier, Chefarzt der Abteilung Epileptologie, und dessen Team für das große Engagement: „Danke, dass Sie jährlich zu Epilepsie informieren und der Krankheit damit ein Stück weit den Schrecken nehmen.“ Große Kompetenz und vielseitige Angebote zeichnen die Epilepsie-Akademie aus. Mehr Aufklärung und gemeinsam ein besseres Leben für Betroffene und Angehörige gestalten, so Blümcke, seien wichtige Ziele der Veranstaltungsreihe.

Über aufwändige Testverfahren zur Wirksamkeit und Zulassung von Medikamenten sprach Dr. Hartmut Baier in seinem Vortrag. Erst Ende der 60er Jahre, nach dem Conterganskandal, wurde beschlossen, Medikamente auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit zu untersuchen und Nebenwirkungen zu dokumentieren.

„Die Verfahren sind teuer und aufwändig, jedoch richtig und sinnvoll“, betonte Baier mit Blick auf die langwierigen klinischen Studien bei Epilepsiemedikamenten, die in einem gestuften Vorgehen in drei Phasen aufgeteilt sind. An diese schließt sich zudem eine weitere Studie zur Verträglichkeit an. Belege zur Wirksamkeit müssen erbracht, Nebenwirkungen und Risiken analysiert und diese auch nach der Zulassung weiter erfasst werden. Erst dann, so der Chefarzt, können Medikamente eingesetzt werden. Nach der Markeinführung werden außerdem weiterhin Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit erhoben, um rechtzeitig seltene Risiken festzustellen.

Doch nicht allen Epilepsieerkrankten helfe eine medikamentöse Therapie. Für rund zehn Prozent, so Referent und Oberarzt Dr. Friedrich Behne, komme ein epilepsiechirurgischer Eingriff in Frage. „Operativ können zum Beispiel Daten von Elektroden auf oder im Gehirn gesammelt werden, die Aufschluss geben, woher die epileptische Aktivität stammt.“

Zunehmend werde in der Epilepsiechirurgie auch die sogenannte Thermokoagulation angewandt. Mittels Lasertechnik erhitzen und zerstören Elektroden im Gehirn das Epilepsie auslösende tiefliegende Gewebe – ohne große Öffnung des Schädels. Nicht ohne Nebenwirkungen wie kognitive Einschränkungen gehe das Verfahren einher, berichtete Behne, der erste Forschungsergebnisse dazu vorstellte. „Es ist ein komplexes und hochaufwändiges Verfahren, das aber sehr vielversprechend ist, wenn wir die Knotenpunkte der epileptischen Netzwerke noch besser verstehen“, so die abschließende Bewertung des Experten.

Silke Beer, Pflegerische Abteilungsleiterin der Epileptologie, ging in ihrem Vortrag auf die besonderen Bedürfnisse von geistig behinderten Menschen auf einer Epilepsiestation ein. Ein Krankenhausaufenthalt in ungewohnter Umgebung sei für diese besonders belastend und verunsichere oft. Daher gelte, so die erfahrene Abteilungsleiterin, den Patienten mit viel Zeit, Geduld und Respekt zu begegnen. „Je mehr wir vorab über die Person wissen – seien es Beeinträchtigungen, Vorlieben, besondere Rituale oder auch Fähigkeiten – umso besser können wir auf den Einzelnen eingehen.“

Zum Abschluss widmete sich Sozialarbeiterin Angela Giray dem Thema „Grauzonen zwischen epileptischen Anfällen und Unfällen am Arbeitsplatz“. „Arbeitnehmer mit Epilepsie haben ein erhöhtes Verletzungsrisiko“, betonte Giray. Eine aktive Epilepsie sowie schwere Anfallsformen erhöhten zudem das Unfallrisiko. Anhand zweier Beispiele verdeutlichte sie, wie Verletzungen, die Personen mit Epilepsie am Arbeitsplatz erleiden, bewertet werden.

Nicht als Arbeitsunfall anerkannt wird, wenn sich jemand während eines epileptischen Anfalls zum Beispiel ein Bein bricht. Infolgedessen erhält die betroffene Person auch keine Leistungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Zieht ein von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis Verletzungen nach sich, gilt dies als Arbeitsunfall. „Grundsätzlich ist es wichtig, anfallsbezogene Unfälle zu vermeiden“, so Giray und betonte: „Für Epilepsieerkrankte gibt es inzwischen viele präventive Maßnahmen für den Arbeitsplatz.“

Die Veranstaltung des ZfP Südwürttemberg findet jährlich anlässlich des Tags der Epilepsie statt und bietet Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten eine Möglichkeit, sich über aktuelle Forschungsergebnisse zu informieren und auszutauschen. Auch für das nächste Jahr ist wieder ein Themenabend geplant.

(Pressemitteilung: ZfP Südwürttemberg)