Mit Uli Herzog (Altshausen) stellen wir heute den dritten der drei Krimi-Autoren aus dem Altkreis Saulgau vor. Erst nach einem hochinteressanten Berufsleben, wandte sich Herzog der Abteilung Mord und Todschlag in Romanform zu. Der gebürtige Biberacher ist Krimifreunden durch seine früheren Solo-Lesungen bekannt. Seit einigen Jahren tritt er gemeinsam mit Dr. Silke Nowak (Bad Saulgau) und Michael Boenke (Bad Saulgau) bei Krimi-Abenden in ganz Oberschwaben auf. Seine Liebe zum Metier wurde aber schon in den 50er Jahren geweckt, als er die Geschichten der damals legendären Comicfigur „Nick Knatterton“ eifrig verfolgte. Knatterton trug eine Schiebermütze, für Herzog ist sie zu einem prägnanten Markenzeichen geworden. Herzogs Krimis haben eine ganz besondere Note, denn der Ermittler in seinen Büchern ist kein Kriminalbeamter, sondern ein Fall-Analytiker (Profiler).
Herr Herzog, Ihr Vater hat als „Drehbuchschreiber“ und Regisseur in Biberach rund 30 Jahre das Schützentheater geprägt. Wurde Ihnen also die Begabung als Autor in die Wiege gelegt?
Vermutlich haben die Gene schon eine gewisse Rolle gespielt; wobei ich als Regisseur völlig ungeeignet bin. Andererseits war die Kreativität meines Vaters sehr spontan, weshalb ihm das Sitzfleisch für ein komplettes Buch fehlte.
Ihr beruflicher Weg führte Sie für 30 Jahre nach Wien. Welcher Tätigkeit gingen Sie dort nach?
Anfangs der 70-er Jahre lernte ich den Ravensburger Werbe-Guru und bekannten Kunstsammler Peter Selinka (selinka-stiftung.de/der-sammler/) kennen. Er stellte mich als Junior Kontakter ein. Zwei Jahre später meinte er: „Als K&K Österreicher wollte ich schon lange eine Filiale in Wien gründen. Das wäre doch was für Dich!“ So wurde ich bis zu seiner schweren Erkrankung um die Jahrtausendwende sein Statthalter in Wien. Peter Selinka war ein international angesehener Werbefachmann, der fast ausschließlich für die pharmazeutische Industrie arbeitete. Berühmt wurde er aber als Kunstsammler. Der Mann hatte ein untrügliches Gespür und seine Sammlung des Expressionismus bildet heute das Rückgrat des Kunstmuseums Ravensburg.
Gab es eine Begegnung oder ein Ereignis, das die Rolle Ihres Ermittlers in den erst später geschriebenen Romanen erklärt?
Und ob: In einem der zahlreichen wunderbaren Wiener Gasthäuser lernte ich eines Abends zufällig den ersten deutschsprachigen Fall-Analytiker (besser bekannt unter dem Namen „Profiler“) kennen.
Er erzählte mir öfter aus seinem Berufsleben. Dass er von heute auf Morgen nicht mehr kam, bedauerte ich sehr. Aber mich hat das so sehr fasziniert, dass mein späterer Krimiheld unbedingt ein Profiler sein musste.
Ihre Zeit in Wien endete am Anfang der 2000er Jahre. Hatte diese Rückkehr auch eine berufliche Wendung für Sie zur Folge?
Das kann man so sagen. Das Ende fiel genau in eine Zeit, in der man dem Jugendwahn verfallen war. Bereits Leute mit 40 Jahren galten als Methusalem. Ich mit meinen über 50 Jahren damals hatte in der Werbebranche de facto keine Chance mehr. Glücklicherweise sieht man das heute ganz anders. Danach wollte ich es als Journalist versuchen, weil mir das Schreiben immer schon gefiel. Das entpuppte sich ebenfalls als schwierig, weshalb ich als Quereinsteiger beim WOCHENBLATT den Werbeberater gab. Nebenbei schrieb ich Fußballberichte und gelegentlich auch Texte für so genannte Kollektive. Das hatte zur Folge, dass ich nach meiner Verrentung noch als freier Redakteur für das Blatt gearbeitet habe.
Viele Rentner haben ein Problem sich mit der neuen Freiheit zu „sortieren“. Ging es Ihnen ebenso und wie ging Ihre Frau damit um?
(Lacht) Als meine Rente anstand, meinte meine Frau: „Was soll ich nur mit Dir anfangen. Du hast zwei linke Hände und von einem grünen Daumen bist Du auch meilenweit entfernt. Was willst Du tun?“ Als ich ihr darauf antwortete ein Buch schreiben zu wollen, hielt sie das für einen Scherz.
Der erste Krimi „Mord am Schützensamstag“ spielt in Ihrer Heimatstadt. Sie wollten ihn gar nicht veröffentlichen. Was bewog Sie schließlich doch dazu?
Mein erstes Werk war ausschließlich für die Familie und Freunde gedacht. Ich wollte es für mich schreiben; einfach um zu sehen, ob ich das fertig bringe. Einer der Freunde, denen ich das Buch schickte, war ein früherer ARD-Korrespondent in Kanada. Einer, der selbst schon Bücher veröffentlicht hatte und mehrere, zum Teil prominente Schriftsteller zu seinen Freunden zählt. Er meinte, dass ich das Buch unbedingt veröffentlichen müsse. Er gab mir auch gleich den Tipp, damit eine Literatur-Agentur zu beauftragen, weil die wissen, welcher Verlag am ehesten zu meinem Buch passt. Das reizte mich natürlich schon und ich reichte das Manuskript bei einer Tübinger Agentur ein. Nach nur wenigen Wochen war ein Verlag gefunden. Als der mir mitteilte, mit einer Startauflage von dreitausend Exemplaren am 15. Oktober 2015 zu starten, bekam ich schlaflose Nächte. Ich stellte mir die ungeheure Menge von 3.000 Büchern vor und machte mir Sorgen, wer um Gottes Willen diese Anzahl kaufen soll. Doch schon am Ende des Jahres wurde nach dem Weihnachtsgeschäft klar, dass eine zweite Auflage gedruckt werden musste. Ich konnte das alles gar nicht fassen und nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte ich damit gerechnet.
In Biberach und anderen Plätzen in Oberschwaben traten Sie bei Lesungen mit Ihrem ersten Krimi auf. Wie reagierte das Publikum?
Im Allgemeinen sehr positiv, vor allem natürlich in Biberach, wo das Schützenfest eine übergeordnete Rolle spielt. Da war ein Schützenfest-Krimi natürlich sehr willkommen. Mir war aber immer Kritik sehr wichtig. Vor allem, wenn sie sachlich und konstruktiv war, habe ich sie sehr ernst genommen. So kritisierten einige Leser*innen, dass der Profiler in diesem Buch ja gar nicht seinem Beruf des Fall-Analytikers nachgekommen sei. Das hat mich natürlich angespornt und ich habe etliche Bücher von echten „Fall-Analytikern“ und „Profilern“ gelesen.
Hatten Sie mit dem Erfolg Blut geleckt, oder wurden Sie zu einem weiteren Krimi von anderer Seite animiert?
In der Tat war es mein Verlag, der mich nach dem Erfolg von „Mord am Schützensamstag“ ermunterte, einen weiteren Krimi mit dem Krimi-Helden Ludwig Hirschberger zu schreiben. Und ja, der Erfolg schmeichelt einem schon. Nachdem ich meinen Leser*innen den analytischen Profiler noch schuldig war, machte ich mich ans Werk und schrieb meinen zweiten Krimi „Frauenduft“.
„Frauenduft“ polarisierte die Leserschaft. Können Sie uns erklären, warum die Meinungen dazu so weit auseinander gingen?
Bei der Lektüre dieser wahren Fälle der realen Fall-Analytikern wurde mir klar, dass diese Profiler vor allem bei Serien-Tätern eingesetzt wurden und es sich überwiegend um sexuelle Serien-Täter handelte. Dabei machte ich einen Ausflug in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele. Es waren derart grauenhafte und abstruse Fälle dabei, dass ich das weder mir noch meiner Leserschaft zumuten wollte. Ich hatte schon vor, das Projekt aufzugeben, als ich in einer historischen Abhandlung las, dass Napoleon Bonaparte ein sogenannter „Geruchs-Fetischist“ war. Er ließ seine Josephine bei seinen Feldzügen wissen, wann er zurückkommen würde und verlangte von ihr, sich drei Tage zuvor nicht mehr zu waschen- heutzutage unvorstellbar. Das schien mir harmlos genug und konnte mit den Tätigkeiten von Analyse-Teams durchaus gekoppelt werden. Die Reaktion auf „Frauenduft“ verblüffte mich, denn die Reaktionen waren entweder total positiv oder total negativ. Für manche war aber auch der vergleichsweise harmlose Geruchs-Fetischist schon viel zu starker Tobak.
Gab es zu diesem außergewöhnlichen Krimi auch Reaktionen aus Polizeikreisen?
Überraschend viele. Und alle durchwegs positiv. Aber das allergrößte Kompliment bekam ich Ende 2017 von einem echten „Profiler“ aus einem Landeskriminalamt. Dass der mir schrieb, noch nie so einen authentischen Krimi über ein Fall-Ermittler-Team gelesen zu haben, hat mich sehr berührt und es war mir klar, dass sich die Mühe, so viel Fachliteratur studiert zu haben, gelohnt hat.
Hirschberger ist in Oberschwaben kein Allerweltsname. Wie kam es dazu?
Es gibt ihn aber schon, das habe ich ganz am Anfang recherchiert. Aber Pate für diesen Namen stand der Wiener Liedermacher Ludwig Hirsch. Ich war immer ein Fan seiner Lieder. Voll schwarzer Seele, dunkelste Seiten der Menschen beschreibend und immer mit einem bisserl Humor geschmückt, hat er mich immer fasziniert. Leider hat er die Bühne viel zu früh verlassen. Noch ein kleines Detail am Rande: Eine Leserin schrieb mir, dass es in Pfaffenhofen an der Ilm (zwischen München und Ingolstadt) eine Ludwig-Hirschberger-Allee gäbe. Die musste ich natürlich unbedingt besuchen, als ich einmal in der Nähe zu tun hatte.

Können Sie uns verraten, ob Hirschberger in weiteren Krimis weiterhin der Ermittler ist?
Er wird definitiv nicht mehr die Hauptrolle in meinen weiteren Krimis spielen. Ich habe ihn im fünften und letzten Krimi „Hirschbergers Rache“ endgültig in die Rente geschickt. Nachdem er ja meinen Lebenslauf hat, ist er jetzt 76 Jahre alt und physisch nicht mehr in der Lage, sich gemeinen und kranken Delinquenten zu stellen, gönne ich ihm jetzt seinen Ruhestand. Wenn mir der liebe Gott noch die Zeit schenkt, wird ein neues Ermittler-Team auf Gangster-Jagd in Oberschwaben gehen und der Ludwig Hirschberger wird nur noch hin und wieder um Rat gefragt werden. Eines aber soll bleiben: Das Beschreiben der Tat aus beiden Sichten: Der des Täters und der des Opfers. Und die präzise Beschreibung der Beweggründe.
Liest man die Krimis, beschleicht einen das Gefühl. dass eine große Portion Herzog im Ermittler Hirschberger steckt. Stimmt das und wo sind die kleinen, aber feinen Unterschiede?
Unbedingt. Ludwig Hirschberger hat ja, wie ich schon sagte, meinen Lebenslauf. Und das aus Bequemlichkeit. Nachdem er immer zum selben Zeitpunkt am selben Ort wie ich war, musste ich viel weniger nachforschen. Allerdings ist er im Charakter schon etwas different. Nachdem der Kerl, in dem ich leben muss, nicht immer dem Ideal entspricht -und vor allem entsprochen hat- ist der Ludwig Hirschberger ein idealisierter Uli Herzog geworden. Mit einer Souveränität, mit einer Begabung, über den Dingen zu stehen, ohne dabei arrogant zu sein, wäre ich gerne ausgestattet. Dann ist er ein absoluter Workaholic, was ich von mir nicht wirklich behaupten kann. Darüber hinaus sein kompliziertes Verhältnis zu Frauen. Souverän und gelassen in beruflichen Dingen, schüchtern, tapsig und zurückhaltend im Privaten. Ich war zwar auch kein Womanizer, aber ganz so schüchtern war ich nicht; höchstens zu bequem.
Mehr zu Uli Herzog finden Sie hier: www.krimi-uli-herzog.de/