Immer mehr Menschen gehen in den kommenden Jahren in Rente. Eine Untersuchung zeigt, dass viele Wohnungen in der Region nicht ausreichend auf das Wohnen im Alter vorbereitet sind.
Nur ein kleiner Teil der Wohnungen in den Landkreisen Ravensburg, Biberach, Tuttlingen und im Bodenseekreis erfüllt die Anforderungen, die für ein selbstständiges Leben im Alter notwendig sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine regionale Wohnungsmarkt-Analyse des Pestel-Instituts im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB). Die Wissenschaftler fordern deshalb eine umfassende Offensive für den altersgerechten Umbau von Wohnungen.
Nur wenige Wohnungen sind vollständig altersgerecht
Besonders kritisch fällt die Bilanz im Landkreis Ravensburg aus. Von den gut 140.600 Wohnungen sind lediglich rund 12.200 so gebaut, dass ältere Menschen auch mit Rollator oder Rollstuhl problemlos darin leben können. Das entspricht rund 9 Prozent des Wohnungsbestands.
Im Landkreis Biberach erfüllen rund 9.200 von gut 99.600 Wohnungen diesen Standard. Auch dort liegt der Anteil bei etwa 9 Prozent. Im Bodenseekreis sind von knapp 117.600 Wohnungen rund 10.000 altersgerecht ausgestattet. Im Landkreis Tuttlingen sind es lediglich rund 5.300 von knapp 69.100 Wohnungen, was einem Anteil von rund 8 Prozent entspricht.
„Damit bieten nur rund 8 bis 9 Prozent aller Wohnungen den Standard, der nötig ist, um mit körperlichen Einschränkungen oder auch als Pflegefall darin alt zu werden“, sagt Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts.
Tausende Baby-Boomer gehen bald in Rente
Nach Angaben des Instituts gewinnt das Thema in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung. Im Landkreis Ravensburg gehen in den nächsten zehn Jahren rund 44.500 Menschen in Rente. Im Bodenseekreis sind es etwa 34.900, im Landkreis Biberach rund 31.600 und im Landkreis Tuttlingen etwa 21.400 Menschen.
„Gerade die Alterstauglichkeit der Wohnungen ist wichtig. Denn die Baby-Boomer werden die entsprechenden Wohnungen früher oder später brauchen. Und auf Dauer ist jede altersgerechte Sanierung günstiger als ein Umzug ins Heim“, sagt Katharina Metzger, Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel.
Nach Einschätzung des Verbandes möchten die meisten Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Dafür müssten jedoch insbesondere ältere Wohnungen umfassend umgebaut werden.
Hausflure, Küchen und Bäder oft problematisch
Die Untersuchung zeigt zahlreiche Hindernisse für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. So sind laut Pestel-Institut rund 29 Prozent der Hausflure im Landkreis Ravensburg, im Landkreis Biberach und im Bodenseekreis nicht breit genug für eine problemlose Nutzung mit dem Rollstuhl. Im Landkreis Tuttlingen betrifft dies sogar 30 Prozent der Hausflure.
Auch die Küchen bieten häufig zu wenig Platz. Im Landkreis Ravensburg können Menschen mit Rollstuhl in rund 42.900 Küchen nicht wenden. Im Bodenseekreis betrifft dies rund 36.100 Küchen, im Landkreis Biberach etwa 29.400 und im Landkreis Tuttlingen rund 21.300 Küchen.
Noch deutlicher fällt die Bilanz bei den Bädern aus. Im Landkreis Ravensburg sind rund 62.000 Bäder zu klein, im Bodenseekreis 52.100, im Landkreis Biberach 42.400 und im Landkreis Tuttlingen 31.000.
Bodengleiche Dusche gilt als entscheidendes Kriterium
Als besonders wichtig für das Wohnen im Alter bewertet das Pestel-Institut eine bodengleiche Dusche. Diese sei das „A-und-O-Kriterium“, um möglichst lange in der eigenen Wohnung leben zu können.
Im Landkreis Ravensburg verfügen rund 41.600 Wohnungen über eine entsprechende Dusche. Im Bodenseekreis sind es etwa 34.000 Wohnungen, im Landkreis Biberach rund 32.500 und im Landkreis Tuttlingen etwa 19.800 Wohnungen.
Damit erfüllen lediglich zwischen 29 und 33 Prozent der Wohnungen dieses zentrale Kriterium.
Matthias Günther empfiehlt deshalb, beim altersgerechten Umbau insbesondere die Badezimmer zu modernisieren. Bei älteren Gebäuden könne dies allerdings schwierig sein. „Gerade bei Wohnhäusern aus den 50er-Jahren ist oft die Decke zu dünn, um eine bodengleiche Dusche einzubauen“, sagt der Wissenschaftler.
Forderung nach „Boomer-Zuschüssen“
Sowohl das Pestel-Institut als auch der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel sehen einen erheblichen Handlungsbedarf. Neubauten könnten zwar helfen, die eigentliche Lösung liege jedoch im seniorengerechten Umbau bestehender Wohnungen.
Katharina Metzger fordert deshalb eine „Senioren-Umbau-Offensive“. Wohnungs- und Hauseigentümer benötigten finanzielle Unterstützung aus Berlin. Gefordert werden sogenannte „Boomer-Zuschüsse“, mit denen sich Wohnungen barrierearm umbauen lassen.
Auch die derzeitigen Förderprogramme bewertet der Verband kritisch. Der bestehende Mix aus Angeboten der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), der Krankenkassen und der Pflegeversicherung sei zu kompliziert und führe nicht zu dem notwendigen Sanierungsschub.
Das Pestel-Institut spricht sich dafür aus, dass der Bund einen Großteil der Umbaukosten direkt bezuschusst. Die derzeit übliche Förderung von zehn Prozent beim Badumbau reiche nicht aus, um eine breite Umbauwelle für seniorengerechtes Wohnen auszulösen.
(Quelle: Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel e.V. (BDB))