Grenzgänger? Grenzgänger in der Bodenseeregion: Wie sehr lohnt sich das Modell noch?

Grenzgänger in der Bodenseeregion: Wie sehr lohnt sich das Modell noch?
Die Schweizer Flagge weht über dem Bodensee – für viele Pendler symbolisiert sie höhere Löhne, aber auch ein komplexes Leben zwischen zwei Ländern. (Bild: Thiago de Andrade / Unsplash)
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Viele Deutsche aus Baden-Württemberg oder Bayern pendeln täglich über den Bodensee in die Schweiz, um dort besser zu verdienen und in Deutschland günstiger zu wohnen. Das Grenzgängermodell lockt seit Jahrzehnten mit finanziellen Vorteilen, doch mit steigenden Krankenkassenbeiträgen ab 2026 und strengeren Steuerregeln stellt sich immer wieder die Frage, ob es sich noch lohnt?

Rechtliche Unterschiede nicht unterschätzen

Die grenzüberschreitende Lebensweise hat finanziell viele Vorteile für deutsche Staatsbürger, birgt aber auch Fallen. Sozialversicherung und Renten laufen schweizerisch, doch die deutsche Krankenkasse bleibt primär. Das kann zu Kompatibilitätsproblemen führen und Mehrarbeit bedeuten.

Selbst bei Freizeitaktivitäten kann der Grenzgang zu Problemen führen, beispielsweise im Glücksspiel ist das deutlich zu merken. In Deutschland sind Glücksspiele seit 2021 unter staatlicher Regulierung auch online erlaubt. Mit JackpotPiraten startete dabei das erste Online Casino mit staatlicher Lizenz, dem inzwischen zahlreiche weitere Anbieter folgten, sodass volljährige Bürger aus Deutschland legal teilnehmen dürfen. In der Schweiz sieht es anders aus, denn hier dürfen nur Unternehmen mit Sitz in der Schweiz ihr Spiel an die Bürger anbieten.

Wer sich für ein Lebensmodell als Grenzgänger entscheidet, muss die Unterschiede kennen und beachten. Der morgendliche Kaffee nach dem Aufstehen wird in einem anderen Land eingenommen als der Tee im Büro. Diese Bedeutung geht im Laufe der Jahre unter, ist und bleibt aber wichtig.

Finanzielle Vorteile und gleichzeitig wachsende Belastungen

Grenzgänger zahlen in der Schweiz eine Pauschalquellensteuer von 4,5 Prozent auf das Bruttogehalt. Der Arbeitgeber zieht sie direkt ab, ein Großteil der Einkommensteuer fällt allerdings in Deutschland an.

Der deutsche Grundfreibetrag beträgt 2026 12.348 Euro in Deutschland und die in der Schweiz gezahlte Steuer ist voll absetzbar. So will man Doppelbesteuerung in zwei Ländern vermeiden und das Modell attraktiv halten. Bei einem Bruttolohn von rund 80.000 Franken ergibt sich eine Gesamtbelastung von rund 37 Prozent.

Bei höheren Löhnen ist das Pendeln weiterhin attraktiv, vor allem Fachkräfte in der Pharmaindustrie oder in der IT und im Maschinenbau zieht es noch immer in die Schweiz zum Arbeiten.

Ab 2026 wird es jedoch schwieriger, denn die Beiträge zum Schweizer Risikoausgleich erhöhen sich deutlich. Hunderte Franken mehr sind nach der Anpassung auch von Grenzgängern zu erwarten, die bislang von der Regelung ausgeschlossen waren. Das Schweizer Parlament hat nun allerdings entschieden, dass Berufstätige in der Schweiz unabhängig vom Wohnort einbezogen und zur Kasse gebeten werden sollen.

60-Tage-Regel muss beachtet werden

Pendeln ist eine tägliche Herausforderung und wer als Grenzgänger ein Domizil in der Schweiz hat, ist geneigt, dort zu übernachten. Das kann Folgen haben, wenn Berufstätige an mehr als 60 Tagen im Jahr nicht nach Deutschland zurückkehren. Ab diesem Zeitpunkt verliert der Grenzgänger seinen Status und wird vollständig nach Schweizer Recht besteuert.

Diese Regel ist Teil des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen Deutschland und der Schweiz und zählt nur für jene Tage, die aus beruflichen Gründen in der Schweiz verbracht werden.

Gut zu wissen: Wer in Deutschland Homeoffice macht und folglich nicht zurückkommen muss, fällt nicht unter die Regel. Nichtrückkehrtage sind nur jene Tage, an denen man in der Schweiz übernachtet und nicht über die Grenze nach Deutschland zurückkehrt. Bei Freizeitaufenthalten in der Schweiz während des Urlaubs zählt die Regelung ebenfalls nicht.

Lohnt sich der Pendelstress noch?

Bislang war das Bodensee-Grenzgängermodell finanziell lukrativ, doch mit dem neuen Risikoausgleich, steigenden Mieten in Deutschland und strenger 60-Tage-Regel gibt es vieles zu beachten. Hinzu kommt, dass das Pendeln mit den Fähren und die Fahrt über Brücken nicht selten vom Wetter beeinflusst wird. Dennoch gibt es rund 45.000 bis 50.000 Pendler, die aus Deutschland morgens in Liechtenstein oder der Schweiz zur Arbeit gehen.

Das Modell lohnt also weiterhin, sofern die Einkünfte in der Schweiz passen. Junge Fachkräfte ohne Familie haben einen klaren Vorteil und können bis zu 20 Prozent mehr vom Netto haben.