Glosse Aufgespießt – Der Riedlinger Wunschbaum

Aufgespießt – Der Riedlinger Wunschbaum
Riedlingen an der Donau. (Bild: MK)

Der legendäre Franz Beckenbauer sagte in einem früheren Werbespot: „Ja ist denn schon wieder Weihnachten?“ So, oder so ähnlich kommen sich die Riedlinger Bürger vor, wenn sie das Riedlinger Nachrichtenblättle oder die Tageszeitung lesen.

Eine aberwitzige Fülle von teuren Vorhaben wurden im Gemeinderat nicht nur beraten, sondern sogar noch beschlossen. Die Liste ist ellenlang, vom AMD (Ambulant Medizinischen Dienstleistungszentrum) beginnend, weiter zu der Aufwertung von Marktplatz, Wochenmarkt, Weibermarkt, Platz beim Liechtenstein und den Dorfplatz in Pflummern, Sanierungsgebiet Zweifalterstraße. Nicht zu vergessen der Popup-Store, die Kulturwerkstatt, die Neugestaltung der Hindenburgstraße, der Neubau des städtischen Bauhofes auf kontaminiertem Boden. Ach ja, fast wäre uns das Stadthallenareal, die Genussmanufaktur und die Gartenschau durch die Lappen gegangen.

Vermutlich hingen all diese Vorhaben an einem Wunschbaum im großen Ratssaal im Rathaus. Die Gemeinderäte griffen eifrig zu und pflückten die Wunschzettel emsig herunter. Wenigstens ein Gemeinderat (Manfred Schlegel) hatte wohl Bedenken und mahnte an, dass bei der Gemeinderatssitzung eine Million „herausgehauen“ werde.

Kein Problem in Riedlingen! Während andere Gemeinden und Städte den Gürtel enger schnallen, Bund und Land immer weniger Steuern einnehmen, lässt es Riedlingen mal so richtig krachen. Das beschauliche Donaustädtchen, in dem immer weniger Menschen Arbeit finden, weil der bislang größte Arbeitgeber seine Belegschaft deutlich reduziert, hat wohl die Erlaubnis zum Gelddrucken erhalten. Da wäre es doch schön, wenn die Bürger der Stadt auch ihren Anteil daran erhalten würden. Also liebe Riedlinger – aufgemerkt – schnell einen Wunschzettel schreiben und an den Wunschbaum im Ratssaal hängen.

Voraussetzungen gibt es allerdings schon. Wer es versäumt, teure Beratungsfirmen oder noch teurere Fachanwälte für die Formulierung der Wünsche zu engagieren, hat wohl wenig Chancen, seine Wünsche erfüllt zu bekommen. Diese Berater haben anscheinend die Fähigkeit ihren Gesprächspartnern in den Verwaltungen und den Gemeinderäten ein „Vesper“ in die Hosentasche zu reden. Gewinner sind erstrangig die Berater und ihre Firmen, denn sie verdienen schon seit vielen Jahren in Riedlingen prächtig, denn es kann gar nicht teuer genug sein.

Ob die in Aussicht gestellten Projekte sinnvoll und finanzierbar sind, überlassen die Berater freilich der Verwaltung und den Gemeinderäten. Eine gewichtige Rolle spielen bei Entscheidungen des Rates mögliche Zuschussmittel, mit denen die jeweiligen Entscheidungen so „versüßt“ werden, dass Projekte angestoßen werden, über deren Sinnhaftigkeit mindestens diskutiert werden kann.

Doch halt, das funktioniert sogar in Riedlingen nicht immer: Wenigstens die CDU-Fraktion im Riedlinger Gemeinderat hat beim Pop Up Center (ehemals Drogerie Müller) die Gefahr erkannt und die Notbremse gezogen. Wegen der ab Jahresende ausbleibenden Förderung hat sie mit einem eigenen Antrag versucht, aus der Not eine Tugend zu machen, einen eigenen Alternativ-Antrag entwickelt, der am gestrigen Abend im Gemeinderat statt der vorgeschlagenen Lösungen der Verwaltung eine Mehrheit fand.

Aber wie schon erwähnt, Riedlingen ist ja finanziell auf Rosen gebettet. Da wären halt dann gut 400.000 Euro Mietzins für das Pop UP Center im Feuer gestanden, für Riedlingen ja bekanntlich ein Nasenwasser.

Die Kulturwerkstatt, die manche spöttisch als Kulturbeutel bezeichnen, ist finanziell sicher auch so ein Mordsgewinn für die Stadt. Kosten für Raummiete, Nebenkosten und Personal? Kein Problem! Für die eigene Kultur rennen die Menschen der Werkstatt ganz, ganz sicher die Bude ein. Von deren Kursgebühren erzielt die Stadt bestimmt derart hohe Überschüsse, dass sie ihre vielen und teuren Vorhaben locker querfinanzieren kann.

Klappt das dann doch nicht, haben wenigstens die Berater ihr Scherflein ins Trockene gebracht, ziehen munter von dannen und machen andere Städte und Gemeinden „glücklich“.   

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