Französische Verhältnisse in Deutschland möglich?

Französische Verhältnisse in Deutschland möglich?
Polizeibeamte stehen in der Silvesternacht in Berlin hinter explodierendem Feuerwerk (Symbolbild). «Auch in Deutschland sind an bestimmten Orten solche Krawallexzesse denkbar», sagt Polizei-Gewerkschafter Jochen Kopelke. (Bild: Julius-Christian Schreiner/TNN/dpa)

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Über die Probleme in den französischen Brennpunkt-Vierteln wird seit mehr als 30 Jahren diskutiert. Deutsche Migrationsforscher sagen manchmal, man müsse «französische Verhältnisse» hierzulande unbedingt vermeiden. Doch ist das überhaupt eine ernste Gefahr?

Die seit Jahrzehnten in Frankreichs Vorstädten aufflammenden Unruhen zeugen von einer Geschichte der gescheiterten Integration. So auch jetzt nach dem Tod eines Jugendlichen durch einen Polizeischuss. Auch wenn eine jüngst vorgelegte Migrationsstudie in Frankreich zeigt, dass sich für Zuwanderer der zweiten Generation die Lebensbedingungen bessern, fühlen sich viele diskriminiert – auch solche mit französischem Pass. Forscher sind sich einig: An der sozialen Isolation und Benachteiligung in den Banlieues hat sich trotz vieler Bemühungen wenig geändert.

In den Nachkriegsjahrzehnten wurden sie zur Schaffung preiswerten Wohnraums in den Ballungsräumen aus dem Boden gestampft. Doch längst haben sich die Hochhaussiedlungen in soziale Brennpunkte verwandelt. Wer eine Stufe auf der sozialen Leiter aufstieg, zog weg, während in den Wohnblocks ein eigener Mikrokosmos mit Kriminalität und einem hohem Ausländeranteil entstand. Geprägt sind die Siedlungen durch die Zuwanderung aus ehemals von Frankreich kolonisierten Ländern. Laut der Migrationsstudie des Instituts Insee wohnen über 30 Prozent der Migranten aus Afrika in solchen oft überfüllten Quartieren.

In Frankreich lebten 2021 rund 7 Millionen Migranten, was einem Anteil von 10,3 Prozent der Bevölkerung entspricht, dazu kommt ein noch etwas größerer Anteil von Migranten in zweiter Generation. Dabei zählt Frankreich nach der Insee-Studie zu den europäischen Ländern mit dem größten Anteil von Menschen, die mindestens ein im Ausland geborenes Elternteil haben. Die Migranten leben dabei verstärkt in den Ballungsräumen, vor allem dem Großraum Paris.

Auch Migranten der zweiten Generation fühlen sich diskriminiert

Die Konflikte zwischen den Vorstadt-Jugendlichen und Frankreichs Polizei sind mit dem Entstehen der Brennpunkte eng verwoben. Je mehr dort eine abgesonderte Subkultur entstand, wurden die Wohnblöcke zu No-Go-Areas. Dennoch zeigen die Beamten dort mit massiven Auftritten Präsenz. Das Drama wechselseitiger Gewalt brachte schon 1995 der preisgekrönte Film «La Haine» (Hass) auf die Kinoleinwand: In der Schlussszene richten ein Polizist und ein Vorstadt-Jugendlicher beide dem anderen eine Pistole auf die Stirn – dann fällt ein Schuss.

Migranten der ersten Generation sind in Frankreich nach der Insee-Studie auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt benachteiligt, sie haben häufiger Gesundheitsprobleme und sind doppelt so häufig von Armut betroffen, wie die Durchschnittsbevölkerung. Besser sieht es für die zweite Generation aus. Sie schließt bei der Schulausbildung inzwischen mit den jungen Menschen ohne Migrationshintergrund auf und fasst auch auf dem Arbeitsmarkt ähnlich gut Fuß. Allerdings gibt es weiterhin Benachteiligungen bei der Suche nach einer Wohnung und einer Arbeit. Abzulesen ist dies auch am weiterhin großen Anteil von Migranten der zweiten Generation, der sich diskriminiert fühlt.

Keine Brennpunkt-Vorstädte in Deutschland, aber Ähnlichkeiten

Soziale Brennpunkte gibt es auch in Deutschland. Die stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration, Birgit Leyendecker, sieht dennoch erhebliche Unterschiede. Sie sagt: «Die sogenannten Banlieues wurden damals als Arbeiterquartiere quasi aus dem Boden gestampft. Dort fehlte es an Infrastruktur, Kinderärzten, Sportplätzen, Jugendtreffs.» In Deutschland seien nach der Anwerbung der sogenannten Gastarbeiter dagegen keine großen Wohnviertel für ausländische Arbeitskräfte errichtet worden. Aber auch hier gebe es einzelne Orte, wo die Wohnverhältnisse schlecht seien und der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte hoch.

Ein Beispiel dafür sei die Dortmunder Nordstadt. Untersuchungen zeigten, dass die dortigen Viertel wegen der günstigen Mieten vor allem «Wohnviertel des Ankommens» seien. «Etwa die Hälfte der Menschen, die dort lebt, zieht innerhalb von 15 Jahren wieder weg», weiß Leyendecker, die an der Ruhr-Universität Bochum lehrt.

Im Jahr 2022 lag der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung in Deutschland bei 28,7 Prozent. Von den 23,8 Millionen Personen mit Migrationshintergrund waren 12,2 Millionen deutsche Staatsbürger und 11,6 Millionen Ausländer. Im Westen der Republik ist der Anteil von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte deutlich höher als auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Im Sinne der Bevölkerungsstatistik hat ein Mensch einen Migrationshintergrund wenn entweder er selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist.

Das Verhältnis zwischen Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten und der Polizei ist auch in Deutschland teilweise problembehaftet. Allerdings sind Fälle von massiver Gewalt und Sachbeschädigung seltener als in Frankreich und von deutlich geringerem Umfang.

Weg aus der Armut schwierig

Studien zeigen, dass es um die Aufstiegschancen von Menschen aus ärmeren Familien in Deutschland nicht gut bestellt ist. Das betrifft nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund. «Es ist sehr wichtig, dass genug investiert wird in gute Schulen und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche aus Brennpunkt-Vierteln», mahnt Integrationsforscherin Leyendecker. Auch damit die jungen Menschen aus ihren Vierteln herauskämen und andere Erfahrungen machen könnten. «Auch bei den Kitas müssen wir ansetzen», fordert die Forscherin. «Denn wir wissen, dass es für Familien mit Zuwanderungsgeschichte schwierig ist, einen der wenigen Plätze für Kinder unter drei Jahren zu erhalten.»

«Verhältnisse wie in Frankreich haben wir glücklicherweise nicht», bilanziert Leyendecker. Und warnt zugleich: «Wenn wir bei Problemvierteln aber nicht für eine gute Infrastruktur sorgen, könnte es eines Tages auch hier so weit kommen.» Immerhin gebe es in Deutschland inzwischen ein Bewusstsein dafür, dass Rassismus ein Problem darstelle und auch einige Projekte und Programme, um gegenzusteuern. Dennoch brauche es mehr Antirassismus-Training – etwa in Schulen und auch bei der Polizei.