Es wurde höchste Zeit, dass sich jemand bereit fand Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius offen zu sagen, dass seine Ziele zur Ertüchtigung der Bundeswehr in eine völlig falsche Richtung laufen. Brisant ist, dass dies ausgerechnet Moritz Schularick (Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft) tat. Stimmig und richtig ist Schularicks Ansage, dass die Bundeswehr weiter in veraltete Technologien (Panzer, Fregatten etc.) investieren will.
Pistorius war schon öfters in der Ukraine und konnte sich dort einen Überblick über das Geschehen auf dem Gefechtsfeld einholen. Eindruck hat dies wohl keinen auf ihn hinterlassen, Erkenntnisgewinne für eine Armee, die in der Zukunft bestehen soll, wohl auch nicht. Ungehört bei Pistorius blieben wohl auch die Berichte zu Übungen, bei denen eine Handvoll Ukrainer genügte, um mit ihren computergesteuerten Drohnen zum Entsetzen der NATO-Kommandeure ganze Bataillone „auszuschalten“. Die Erkenntnis, dass in den „Hinterhöfen“ und Garagen der Ukraine täglich nicht nur tausende Drohnen produziert, sondern auch mit einem atemberaubenden Tempo weiterentwickelt werden, scheint beim Minister ebenfalls nicht angekommen zu sein. Vereinfacht ausgedrückt ist es so, dass wir für Entwicklungen von Waffensystemen der Zukunft Jahre brauchen, während dies in der Ukraine von vielen Entwicklern und Bastlern in kürzester Zeit hergestellt und den Soldaten an der Front gefechtsbereit zur Verfügung gestellt werden.
Als Beispiel sei ein Drohnenprojekt für die Bundeswehr genannt, das jüngst eingestampft wurde, weil die Umsetzung Jahre dauern sollte. Diese lange Zeit für Entwicklungen gibt es heutzutage nicht mehr. Es gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, verliert den Kampf im Handumdrehen. Schularick hat einen dicken Punkt, wenn er der Meinung ist, dass ein erfolgreicher Manager die Aufgabe übernehmen soll das Beschaffungswesen der Bundeswehr auf Trab zu bringen. Dieses Beschaffungsunwesen ist ineffektiv, weil zu langsam und in der Denkweise scheinbar Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinter der Realität her.
Was nützen millionenteure Panzer, die von einer Drohne, die – wenn überhaupt – nur wenige tausend Euro kostet, aus sicherer Entfernung ausgeschaltet werden können? Viele der Planungen erinnern an alte Zeiten, als mit großen Truppenbewegungen und starken Verbänden Angriffe ausgeführt oder abgewehrt wurden. Von solchen Szenarien sind wir durch die Entwicklungen in der Ukraine mittlerweile Lichtjahre entfernt. Um die nicht endlose Ressource Mensch (Soldaten) zu schonen, setzt man dort folgerichtig und notgezwungen immer mehr Drohnen und auch bewaffnete Roboter ein.
Wenn es in beispielsweise Zukunft noch Kampfjets geben sollte, dann müssen sie ganze andere Anforderungen erfüllen als die aktuell im Einsatz befindlichen Systeme (Eurofighter und Co.). In der Zukunft müssen die Jets der neuen Generation computergestützt im Verbund mit (vielen) Drohnen und anderen Kampfmitteln operieren können. Bei dem viel zu langsamen Entwicklungstempo unserer Industrie und den todsicher folgenden abertausenden Anforderungen an das Projekt durch das Beschaffungsamt, die jedes Projekt zu einer eierlegenden Wollmilchsau aufblähen, wird dies aber mindestens 10 Jahre (eher länger) dauern.
Pistorius ist im Verteidigungsministerium als Fixstern gestartet, mittlerweile reiht er sich als zahnloser Tiger in die Liste seiner Vorgänger ein, die ebenfalls daran scheiterten, die Behäbigkeit und fehlende Weitsicht des Ministeriums zu verändern. Wer glaubte, dass Pistrorius zukunftsweisende Akzente zur Modernisierung der Bundeswehr setzen würde, sieht sich getäuscht. Im Gegenteil, die Bundeswehr entfernt sich durch fehlende Innovationen immer weiter von einer modernen Armee. Schlimm ist zudem, dass die Bundeswehr deswegen nur eine geringe Anziehungskraft auf technikbegeisterte Männer und Frauen ausübt.
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