Landtagswahl Hanna Stauß: „Gute medizinische Versorgung darf keine Frage der Postleitzahl sein!“

Hanna Stauß: „Gute medizinische Versorgung darf keine Frage der Postleitzahl sein!“
Hanna Stauß will bei der Landtagswahl das Direktmandat für Bündnis90/Die Grünen verteidigen. (Bild: Lena Photo Design)

In den vergangen beiden Wahlperioden hatte Andrea Bogner-Unden (Bündnis90/Die Grünen) bei den Landtagswahlen das Direktmandat im Wahlkreis Sigmaringen gewonnen. Nachdem sich Bogner-Unden aus dem Landtag verabschiedet hat, will nun Hanna Stauß in ihre Fußstapfen treten. Als stellvertretende Bürgermeisterin und Gemeinderätin der Stadt Sigmaringen hat sie kommunalpolitische Erfahrung gesammelt.

Wir stellen Hanna Stauß in einem Interview vor. 

Frau Stauß, könnten Sie sich unseren Nutzern bzw. Ihren möglichen Wählern kurz vorstellen?

Mein Name ist Hanna Stauß, ich bin 28 Jahre alt und in der alten Mühle in Inneringen aufgewachsen. (Die Stadt Hettingen mit dem größeren Teilort Inneringen ist übrigens die kleinste Stadt Baden-Württembergs – weshalb ich mit 15 Jahren auch gleich den Mofa Führerschein gemacht habe.)  
Nach meinem Realschulabschluss in Gammertingen und dem Abitur an der Bertha-Benz-Schule in Sigmaringen, arbeitete ich deutschlandweit drei Jahre in der Suchtprävention als Streetworkerin. Danach absolvierte ich eine Schauspielausbildung in Karlsruhe. Sigmaringen bleib dabei immer meine Heimat und heute arbeite ich in der Region als Schauspielerin und Kulturmanagerin. Ich bin jüngste Stadträtin und ehrenamtliche Bürgermeisterstellvertreterin und seit 2023 Vorsitzende des soziokulturellen Zentrums “Ateliers im Alten Schlachthof e.V.“. in unserer Kreisstadt.

Ihre Vorgängerin Andrea Bogner-Unden war Mitglied im Ausschuss für Europa und Internationales, sowie für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz. Wo liegen Ihre Interessenschwerpunkte in der Landespolitik?

Ich möchte mich vor allem für unseren ländlichen Raum einsetzen. Die Schönheit und Vielfalt unseres Dreiländerkreises sind kostbar und schützenswert.
Gleichzeitig sichern hier Landwirte auf den Feldern unsere Ernährung, in Wald und Flur entscheidet sich die Energiewende und unsere mittelständischen Familienbetriebe treiben Innovation und Export an und sichern Arbeitsplätze vor Ort. Es braucht Menschen in Stuttgart, die wirklich wissen, wie die Provinz tickt.
Ich möchte mich für unsere mittelständischen Unternehmen und das Handwerk einsetzen, für lebendige Ortskerne, für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, nachhaltigen Tourismus und eine verlässliche Gesundheitsversorgung. Als Kulturschaffende vom Land setze ich mich selbstverständlich für den Dialekt ein und ich weiß, wie wichtig es ist, das Ehrenamt zu stärken. Orte der Begegnung, ob auf dem Sportplatz, in der Musikkapelle oder beim Theater sind das Fundament unserer Demokratie.

Baden-Württemberg ist stark vom familiengeführten Mittelstand geprägt. Wie bewerten Sie die Erbschaftsteuerpläne der SPD im Bund?

Wie sie bereits sagen, die Erbschaftssteuer wird auf Bundesebene geregelt – Landtagsabgeordnete haben hier keine direkte Entscheidungskompetenz. Diese Kompetenzen zu kennen und zu beachten sind Grundlage für effektives politisches Handeln und Glaubwürdigkeit, daran möchte ich mich halten.
Persönlich sehe ich Reformbedarf bei sehr hohen Erbschaften. Ab einem bestimmten Vermögen werden große Erbschaften durch Ausnahmen oft prozentual geringer belastet als kleinere. Diese Schlupflöcher sollten geschlossen werden. Gleichzeitig weiß ich als Unternehmertochter, dass es hier Fingerspitzengefühl braucht, gerade bei Familienunternehmen. Betriebsvermögen ist häufig gebundenes Kapital und steht nicht einfach frei zur Verfügung.

Die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum wird schwieriger. Wie kann das Land gegensteuern?

Gute medizinische Versorgung darf keine Frage der Postleitzahl sein. Deshalb setze ich mich für starke Gesundheitszentren, eine konsequent genutzte Landarztquote und flexible Arbeitsmodelle in medizinischen Versorgungszentren ein.
In Sigmaringen wurde bereits viel investiert: eine hochmoderne Notaufnahme, ein Da-Vinci-Roboter für minimalinvasive Eingriffe und eine zeitgemäße Infrastruktur machen unser Kreiskrankenhaus fit für die Zukunft.
Aber moderne Technik allein reicht nicht. Ein Krankenhausstandort lebt vom Vertrauen der Menschen vor Ort. Wer hier wohnt, sollte sich auch hier behandeln lassen. Nur wenn wir hinter unserem Kreiskrankenhaus stehen, sichern wir langfristig eine wohnortnahe Versorgung.
Genauso wichtig ist mir die Stärkung der Pflege und der mentalen Gesundheit. Pflegekräfte verdienen bessere Rahmenbedingungen – und psychische Gesundheit darf kein Randthema sein. Sie ist genauso wichtig wie körperliche Gesundheit.

Kommunen, Kreise und Länder ächzen unter Soziallasten des Bundes. Was muss sich ändern?

Da ich selbst kommunalpolitisch engagiert bin, kenne ich die Situation der Kommunen gut. Ich sage, das Konnexitätsprinzip (wer bestellt, bezahlt) muss konsequent eingehalten werden. Aktuell bin ich dankbar, dass die grün geführte Landesregierung und Finanzminister Danyal Bayaz, zwei Drittel des sogenannten Sondervermögens des Bunds pauschal an unsere Gemeinden weiterleitet. Heißt: das Geld wird nicht in komplizierte Förderanträge verpackt. Kein anderes Bundesland gibt seinen Kommunen so viel Sondervermögen. Das zeigt, dass unser Ministerpräsidenten Kretschmann ein hohes Vertrauen in die kommunale Selbstverwaltung hat und weiß, dass jede Gemeinde vor Ort am besten entscheiden kann, wofür Sie das Geld benötigen.

Wie kann Baden-Württemberg wieder mehr Erfindergeist entwickeln und neue Chancen schaffen?

Wenn wir genau hinschauen, sind wir in vielen Bereichen bereits Weltklasse. Bei meinen zahlreichen Firmenbesuchen in den vergangenen Monaten habe ich diesen Erfindergeist immer wieder hautnah erlebt – in beeindruckender Vielfalt und mit großer Leidenschaft. Das macht zuversichtlich.
Auch in der Forschung sind wir stark aufgestellt. Erst im Oktober 2025 war in Heilbronn der Spatenstich für den größten KI-Campus in ganz Europa. Baden-Württemberg ist hier also ganz vorne dabei.
Wir Grüne richten den Blick in die Zukunft. Der Landesregierung war es immer wichtig, am Puls der Zeit zu bleiben. Innovationen helfen dabei, neue Technologien sinnvoll einzusetzen. Dazu gehört auch eine gezielte Start-up-Förderung mit niedrigen Einstiegshürden, damit sich Gruppen mit guten Ideen überhaupt gründen können. 

Sie sind Kulturmanagerin und Schauspielerin. Würden Sie diese Tätigkeiten im Falle Ihrer Wahl aufgeben?

Ein Landtagsmandat ist ein Vollzeitjob. Falls ich in den Landtag komme, möchte ich das Amt nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen.
Aber dennoch schlagen in mir zwei Herzen. Das politische und das künstlerische und ich brauche beide. Ich würde mich trotzdem weiter ehrenamtlich in meinem Kulturbetrieb engagieren, den ich aktuell leite. Das ist sicher. So bleibt man in Kontakt mit den Menschen, behält den Praxisbezug und verliert dadurch nicht die Bodenhaftung. Auch mein Stadtratsmandat möchte ich nach Möglichkeit weiter ausüben. Mir wäre es wichtig, so viel wie möglich im Heimat-Wahlkreis, bei den Menschen, präsent sein zu können.
Aber das entscheidet zum Glück die Wählerschaft und bis dahin versuche ich einen engagierten Wahlkampf zu führen.
An dieser Stelle vielen Dank an alle Ehrenamtlichen, die mich auf meiner Reise bis zur Landtagswahl unterstützen. Politik ist ein Teamsport – und Fortschritt gelingt nur mit starken Mehrheiten.