Nach 70 Jahren Firmengeschichte am Standort Riedlingen stoppt die Produktion der Firma Silit. Die Produktion wird ins Ausland verlagert. Innovative Meilensteine setzte Silit u.a. mit der Produktion von Kochgeschirren mit Dekor (ab 1970) und der Entwicklung von Silargan (keramische Oberfläche für Töpfe, Pfannen, Bräter und Woks), das ähnliche Eigenschaften wie Emaille hat. Silargan ist sehr stabil, stoß- und kratzfest.
Nun hat der französische Haushaltsgerätehersteller Group SEB mitgeteilt, dass die Produktion im Silit-Werk in Riedlingen geschlossen wird. Die Mitarbeiter von Silit hatten schon vor 12 Jahren gegen einen Stellenabbau in Riedlingen gekämpft. Damals hatte der Finanzinvestor KKR (Kohlberg Kravis Roberts) die Mutterfirma WMF übernommen. Vor 10 Jahren übernahm die Group SEB die Firmengruppe. Mit dem Beschluss von SEB „die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken,“ werden weitere Standorte (z.B. Hayingen) geschlossen, Einsparungen soll es zudem bei Vertrieb, Marketing und Ladengeschäften geben.
Wir fragten bei den Fraktionen des Gemeinderats nach, wie Sie die Situation für den Wirtschaftsstandort Riedlingen und die Beschäftigten von Silit beurteilen. Wir stellten dabei Fragen nach den Auswirkungen für den Wirtschaftsstandort Riedlingen, wie sich dieser Produktionsstopp auf die Stadt und ihre Finanzen auswirkt. Auch wollten wir wissen, welche Chancen die Fraktionen sehen, einen adäquaten Ersatz zu schaffen und wie das Gelände einer anderen Nutzung zugeführt werden könnte.
Bei Wirtschaftsförderung an einem Strang ziehen
Matthias Scheible (CDU), teilte uns dazu mit: „Als CDU-Fraktion schließen wir uns der Stellungnahme der Stadt hinsichtlich der Bewertung an https://www.wochenblatt-news.de/region-biberach/riedlingen/stellungnahme-der-stadt-riedlingen-zur-angekuendigten-schliessung-des-silit-werks
Die Entwicklung ist ein sehr harter Schlag, der den vielen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sowie uns – als Kommune – von einer weit entfernten Konzernzentrale verpasst wird. Aktuell können wir nur unsere Bestürzung zum Ausdruck bringen. Allerdings wird dies allein und die Solidarität mit der betroffenen Belegschaft und den dahinterstehenden Familien nicht dazu führen, dass die Konzernleitung umdenkt. Zusicherungen aus der Vergangenheit bezüglich des Standortes sind Makulatur.
Sicher ist, dass die Entwicklung Auswirkungen auf Riedlingen und die Raumschaft haben wird. Hinsichtlich der von Ihnen aufgeworfenen Fragen wird man aktuell noch keine konkrete Aussage treffen können. Klar ist jedoch, dass wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in der Kommune und der Raumschaft noch stärker mit unseren Unternehmen in Kontakt treten müssen. Entsprechende Entwicklungen dürfen uns nicht unvorbereitet treffen. Wir sehen hier Handlungsbedarf. Insoweit begrüßen wir es, wenn die Stadt – im konkreten Fall – schnell in einen Austausch gehen will, um eine Nachfolgelösung zu erörtern.
Zwar haben wir keinen Einfluss auf unternehmensstrategische Ausrichtungen der Betriebe, allerdings geben wir im Rahmen der im bau- und genehmigungsrechtlichen Bereich die Rahmenbedingungen vor und können uns hier intensiv mit den Bedürfnissen unserer Unternehmen und Bewohner auseinandersetzen und diese unterstützen. Unabhängig vom konkreten Einzelfall ist eine regelmäßige Standortanalyse mit Potenzialanalyse unter Berücksichtigung der strukturellen Gegebenheiten Riedlingens wichtig.
Bereits an anderer Stelle haben wir betont, dass die Stadt ein gezieltes Standortmarketing und Flächenmanagement verfolgen muss. Dabei stellt sich die Frage, welche Branchen und welche Art von Unternehmen können sich und wollen sich nachhaltig ansiedeln. Wir sind überzeugt, dass ‚Riedlinger Konzepte‘ nicht nur städtischen, sondern auch regionalen Mehrwert bieten müssen, um als Standortgemeinde attraktiv zu sein und auch zukünftig Arbeitsplätze bieten zu können. Erweiterungsbedarf lokaler Unternehmen ist zu berücksichtigen. Insoweit verweisen wir auch auf unsere Haushaltsrede und die damit einhergehenden Anträge. Gemeinderat, Stadtverwaltung und insbesondere Wirtschaftsförderung müssen an einem Strang ziehen.“
Baurecht an den Bedürfnissen bestehender Unternehmen ausrichten
Auch die Bürgerliste (BüL)schließt sich der städtischen Stellungnahme und Bewertung von Bürgermeister Schafft an. BüL-Fraktionssprecher Joachim Reis führt weiter aus: „Mehr als bedauerlich und auch für unsere Fraktion sehr bestürzend ist der persönliche Arbeitsplatzverlust und die damit verbundenen Sorgen für viele engagierte, verdienstvolle Beschäftigte dieses Unternehmens.
Im konkreten Fall begrüßen wir Informationen, die darauf abzielen, rasch eine Nachfolgelösung zu suchen. Begleitet von zeitnah beginnenden sozialverträglichen Ablösungsvereinbarungen.
Als ehemaliger HGR-Vorsitzender wissen Sie, dass die Stadt keinen Einfluss auf unternehmensstrategische Ausrichtungen ansässiger Betriebe nehmen kann. Im bau- und genehmigungsrechtlichen Bereich allerdings schon. Bei Silit hat sich die Stadt begleitend für eine Flächensicherung zur potenziellen Erweiterung eingesetzt und, ich meine mich zu erinnern, auch bauplanerisch umgesetzt.
Losgelöst von Silit besteht im Rat und in der Verwaltung Einigkeit über eine Ermöglichungskultur, unser Baurecht an den Bedürfnissen bestehender Unternehmen im Rahmen des Möglichen auszurichten.
Einräumen müssen wir die suboptimale Nutzung unseres hochwertigen Gewerbegebietes Mancherloch. Grenzen sind uns dabei gesetzt, weil sich optimierungsfähige Flächen nicht (mehr) in städtischem Eigentum befinden. Ebenso ist die Stadt in der zusätzlichen Ausweisung weiterer Gewerbegebiete, wegen naturschutzrechtlichem Schutzstatus vieler Flächen, beim notwendigen Flächenmanagement an Restriktionen gebunden. Solange auch kein belastungsfähiger Ansatz zur Umsetzung der Ostumfahrung der B 311 mit den verschiedenen Akteuren öffentlicher Belange hergestellt werden kann, lässt sich die Realisierung dieses Teils des IGI-DoBu (Industriegebiet Donau-Bussen), das auf Riedlinger Markung entstehen soll und dort Betrieben Ansiedlungsmöglichkeiten bieten soll, die zu strukturellen Gegebenheiten Riedlingens passen, nur schwer abschätzen (vgl. Ausführungen in verschiedenen unserer Haushaltsreden).
Wir bieten Rat und Stadtverwaltung an, bei Standortmarketing und Flächenmanagement zu Neuansiedlungen an einem Strang zu ziehen. Für bereits ansässige Betriebe bieten wir ebenfalls im bau- und genehmigungsrechtlichen Bereich die Unterstützung der Bürgerliste im Rahmen des Möglichen an.“
Riedlinger Wirtschaftsförderung ist unstrukturiert
Für die SPD-Fraktion war die Nachricht offensichtlich ein Tiefschlag. Fraktionssprecher Hannes Widmann dazu: „Wir sind bestürzt und enttäuscht, dass die Groupe SEB ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und deren Angehörigen die wirtschaftliche Existenz wegnimmt. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass es dringend notwendig ist, auf höherer politischer Ebene mehr Schutz für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zu schaffen, sowie Unternehmensformen stärker zu fördern, die von persönlich Verantwortung übernehmenden Inhabern geleitet werden.
Auch für uns als Stadt ist die angedrohte Schließung ein extrem herber Schlag, der uns leider mal wieder, wie aus dem Nichts trifft. Silit war mal der größte Arbeitgeber der Stadt, aber seit der Übernahme durch eine anonyme Kapitalgesellschaft ging es die letzten Jahre nur bergab. Leider enttäuscht die Groupe SEB auf der ganzen Linie und gibt mit Riedlingen ihren traditionsreichen Standort sang- und klanglos auf.
Es geht jetzt darum im Schulterschluss mit dem Betriebsrat das Maximale für die Familien aus der Raumschaft herauszuholen, um möglichst viel Sicherheit für die Betroffenen zu erreichen.
Für die Stadt muss es darum gehen, dass wir möglichst viele Brachen im Mancherloch sowie entlang der
B311 wieder in städtische Hand bekommen, um diese dann neu zu entwickeln.Wir müssen definitiv deutlich strukturierter und intensiver Wirtschaftsförderung betreiben.
Das, was wir in Riedlingen aktuell im Bereich Wirtschaftsförderung machen, ist unstrukturiert und nicht wirkungsvoll. Ersatz sehe ich am ehesten, wenn wir mit den größeren familiengeführten Unternehmen der Region den strukturierten Austausch suchen. Familiengeführte Unternehmen sind deutlich verlässlicher sowie standorttreuer als anonyme Kapitalgesellschaften mit austauschbaren Managerfiguren.
Persönlich geführte Unternehmen wirtschaften statistisch erfolgreicher und nachhaltiger und sie identifizieren sich mit unserer Region.
Sie denken langfristig in Generationen statt in quartalsmäßigen Börsenberichten. Es liegt jetzt an uns als Gemeinderat, dass wir eine Wirtschaftsförderung mit diesem Fokus aufbauen.“