Heimatcheck Der Wirtschaftsstandort Riedlingen wird als schwach bewertet

Der Wirtschaftsstandort Riedlingen wird als schwach bewertet
Die alte Oberamtsstadt Riedlingen kann ihre ehemals gute Position als Wirtschaftsstandort nicht behaupten. (Bild: Maximilian Kohler)

Die Tageszeitung hat am Mittwoch, 22. Juli, das nächste Ergebnis ihres Heimatchecks veröffentlicht. Hier wurden die Menschen zum Thema Arbeitsplätze befragt. Die Leser konnten auf der Skala von 1 bis 10 (10 als beste Bewertung) das Themenfeld Arbeit und Beruf in ihrem Umfeld beurteilen.

Im gesamten Verbreitungsgebiet der Tageszeitung schnitten die Kommunen mit einem Wert von 6,24 bei der Umfrage respektabel ab. Interessant ist, dass es zwischen dem Alb-Donau-Kreis und dem Kreis Biberach nur einen marginalen Unterschied gibt: Ehingen erreicht einen Wert von 6,24, Biberach 6,28.

Anders sieht es bei der Betrachtung der Städte und Gemeinden aus. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede. Die erfolgsverwöhnte Kreisstadt Biberach kann mit einem Wert von 7,78 einen Spitzenwert für sich verbuchen, auch Ehingen schneidet mit 7,1 gut ab. Weniger gut sind die Ergebnisse in Munderkingen (5,15), während sich Rottenacker (7,38) und Heroldstatt (7,18) über sehr gute Umfrageergebnisse freuen dürfen.

Interessant ist das Ergebnis der Städte und Gemeinden im Kreis Biberach. Überraschend ist, dass die Kreisstadt Biberach von zwei kleinen Gemeinden „geschlagen“ wird. Dürmentingen (8,07) und Dettingen (Iller) mit ebenfalls 8,07 sind damit Spitzenreiter im Landkreis Biberach. Auf den hinteren Plätzen sind neben Bad Buchau (5,11), Attenweiler (4,96) und Unlingen (4,63) zu finden. Auch das Mittelzentrum Riedlingen belegt mit einem Wert von 4,99 ebenfalls einen Platz am Tabellenende.

Wir fragten die Fraktionssprecher des Riedlinger Gemeinderates nach ihrer Einschätzung zum Ergebnis dieser Umfrage. Die Reihenfolge der Antworten wurde nach dem Eingang der Rückmeldungen sortiert, zudem veröffentlichen wir die Statements vollumfänglich (ungekürzt).

Scheible: „Schwache Arbeitsplatzentwicklung und herausfordernde Gewerbeansiedlung“

Für die CDU-Stadtratsfraktion teilte uns Matthias Scheible mit:

„Das Ergebnis ist eine Bestandsaufnahme durch die Leserinnen und Leser der Schwäbischen Zeitung. Richtig ist, dass die schlechte gesamtwirtschaftliche Lage auch bei uns zu Buche schlägt. Das Marktumfeld für Industrieunternehmen hat sich verschärft. Eine besonders schlechte Nachricht im Jahr 2026 war das angekündigte Aus für Silit in Riedlingen.

Ungeachtet hiervon bedarf es einer differenzierten Betrachtung, denn die wirtschaftliche Situation in Riedlingen ist derzeit gemischt. Einerseits profitiert die Stadt von tollen, kleinen und mittleren Betrieben sowie dem Mittelstand, andererseits kämpfen wir seit Jahren mit einer vergleichsweise schwachen Arbeitsplatzentwicklung und Herausforderungen bei der Gewerbeansiedlung.

Was können wir tun? Zuerst den Kopf nicht in den Sand stecken! Probleme zu ignorieren oder sich vor diesen zu verstecken, hilft uns nicht weiter.

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung lässt sich nicht allein von Riedlingen aus beeinflussen, allerdings können wir mit einer gezielten Standortentwicklung unter Berücksichtigung der strukturellen Gegebenheiten Riedlingens die kommunalen Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessern. Dabei stellt sich die Frage: Welche Branchen und welche Art von Unternehmen können sich und wollen sich nachhaltig ansiedeln? Hier ist eine regelmäßige Reflexion im Sinne von Standort- und Potenzialanalyse notwendig. Ein regelmäßiger Blick über den Tellerrand hinaus und ggf. in andere Kommunen sowie auf deren Anstrengungen tut dabei sicherlich gut.

Wir sind überzeugt, dass ‚Riedlinger Konzepte‘ nicht nur städtischen, sondern auch regionalen Mehrwert bieten müssen. Erweiterungsbedarf lokaler Unternehmen ist zu berücksichtigen. Eine gute Infrastruktur ist zu gewährleisten und der Markenkern als ‚Marktstadt‘ ist zu unterstreichen. In der aktuellen Ratsperiode haben wir bereits Entscheidungen treffen können, die eine Entwicklungsperspektive vor Ort, z. B. Mancherloch, ermöglichen. Die Sicherung der Stelle beim RHG für die Innenstadtkoordinatorin ist u. E. ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Anstrengungen, um lokales Gewerbe zu vernetzen, bestehende Strukturen zu stärken und zu erhalten, aber auch um neue Wege zu beschreiten.

Aus unserer Sicht besitzt Riedlingen ein großes Entwicklungspotenzial, nicht zuletzt im touristischen Bereich, das wir erfolgreich mit den anderen Fraktionen im Rat und der Stadtverwaltung heben wollen.“

Reis: „Das Ergebnis liefert kein differenziertes Bild zur Situation und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt“

Joachim Reis, stellvertretender Fraktionssprecher der Bürgerliste (BüL), äußerte sich ebenfalls:

„Ihr Interesse und Ihre Aufforderung zu schnellen Stellungnahmen zu jedem Artikel, den die Schwäbische Zeitung bisher zu deren Aktion Heimatcheck veröffentlicht, zeugt von großem missionarischen Eifer. Lediglich die Stoßrichtung warum, kann leider nur vermutet werden.

Insbesondere der gefühlte Eindruck, Ihr Anliegen sei nicht unbedingt davon getrieben, die Öffentlichkeit mit Einschätzungen politisch Verantwortlicher zur Stadtpolitik zu versorgen. Auffällig an diesem und früheren Tun: Ihr selbstverständlich alleiniger Versuch, zum wiederholten Mal derzeitige und vergangene Ratsgremien vorführen zu wollen. Zumindest die ‚Spreu dieser Räte‘, damit sind die in Ihren Augen Schlechten einschließlich jeweiliger Verwaltungsgremien und -spitzen gemeint.

Das im Zeitungsartikel der SZ vermittelte Stimmungsbild und die subjektive Einschätzung einiger Teilnehmenden zur Situation in den Bereichen Arbeit und Beruf am Wirtschaftsstandort Riedlingen nehmen wir zur Kenntnis.

Nach unserer Auffassung vermittelt dieses Ergebnis kein differenziertes Bild zur Situation und wirtschaftlichen Entwicklung in der Stadt Riedlingen.

Eine kleine Auswahl verschiedener Blickwinkel soll erläutern, warum.

International tätige Großunternehmen und sehr flächenintensive Industriebetriebe bleiben, nüchtern betrachtet, wettbewerbsstärkeren Standorten vorbehalten. Riedlingen verfügt auf eigener Gemarkung leider nur über ein begrenztes Flächenangebot und ist allein schon deshalb „raus aus dem Spiel“. Damit verbunden ist das Manko, eine deutlich geringere Zahl hochqualifizierter Industriearbeitsplätze anbieten zu können als bspw. Biberach, Laupheim oder auch Ehingen in der Lage sind. Unsere Auspendlerbilanz bekräftigt diesen Sachverhalt. Die schlechte Anbindung an überregional verbindende Verkehrsnetze animiert Ortsfremde selten zu Ansiedlungen an unserem wettbewerbsärmeren Standort. Unsere regional und global agierenden Firmen aus dem westlichen Landkreis sind vielfach nicht aus „Neuansiedlungen“ hervorgegangen, sondern sie haben sich in der Raumschaft über Generationen hinweg, meist aus kleinen Verhältnissen, zu exzellenten und ausgezeichneten starken Marktteilnehmern entwickelt. Warum das überwiegend in Umlandgemeinden der Fall ist, werden Sie als langjähriger ehemaliger HGR-Vorsitzender besser beurteilen können als ich. Davon abgesehen leiden auch diese Firmen mit Sicherheit neben überbordender Bürokratie und sonstigen Standortnachteilen am nicht optimal einzustufenden überregionalen Verkehrsanschluss zu starken Wirtschaftszentren.

Deshalb zollen wir allen standorttreuen Unternehmensleitungen in Riedlingen und im westlichen Landkreis großen Respekt und hohe Anerkennung für dieses Verhalten trotz wirtschaftlich verschärfter Rahmenbedingungen seit mehreren Jahren.

Riedlingen wird nach unserer Einschätzung in Konkurrenz zu den Oberzentren Ulm und Ravensburg sowie der Kreisstadt Biberach, aber auch schon mit Blick auf Ehingen und Laupheim, bei realistischer Einordnung heute und künftig keinen industriellen Wachstumsmotor darstellen können.

Mitnichten muss sich Riedlingen aber deshalb pauschal und undifferenziert ein miserables Ergebnis als Wirtschaftsstandort zurechnen lassen. Wenn es in diesem Zusammenhang auch in jüngster Zeit besonders bestürzend ist, Arbeitsplatzverluste mit den damit verbundenen Sorgen für die persönlich Betroffenen bei renommierten Marktteilnehmern wegen betrieblich veranlasster strategischer Ausrichtungen hinnehmen zu müssen.

Riedlingen kann sich immer noch auf einen stabilen Mittelstand stützen, der sich auf viele kleinere und mittlere Unternehmen verteilt.

Im Wissen um die schwächere Stellung unserer Wirtschaftskraft innerhalb unseres Landkreises konzentrieren wir uns darauf, eine möglichst breit diversifizierte Wirtschaftsstruktur in den Bereichen produzierende Betriebe, Handel, Gewerbe und Dienstleistungen zu unterstützen, zu erhalten und im Rahmen unseres begrenzten Flächenangebotes weiter auszubauen.

Moderate Gewerbeflächen- und Immobilienpreise im Vergleich zu wirtschaftlich stärkeren Zentren sollen für Ansiedlungswillige monetäre Anreize schaffen, sich möglicherweise doch am wirtschaftsschwächeren Standort niederzulassen.

Mit ihrem Einkaufsverhalten können Bürgerinnen und Bürger selbst den Kaufkraftabfluss in größere Einkaufsstädte oder in den Online-Handel steuern. Mit Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungskraft örtlicher Betriebe und erzielbarer Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt.

Wegen unserer gesamtheitlicheren Betrachtung von Faktoren, die die Wirtschaftskraft der Stadt beeinflussen, wollen wir Rahmenbedingungen schaffen, die Riedlingen als Wohnstadt stärken. Weil wir überzeugt sind, in Riedlingen über eine hohe Lebensqualität und ein qualitativ hochwertiges und vielfältiges Freizeitangebot, gestützt von einem außerordentlich intensiven ehrenamtlichen Engagement, zu verfügen. Ergänzt wird diese Annahme noch um das Vorhandensein vergleichsweise moderater Wohnkosten.

Unser Bestreben bleibt bei unterschiedlichsten Maßnahmen, die im Haushalt priorisiert ihren Niederschlag finden, Riedlingen für Familien und Fachkräfte attraktiv zu gestalten, selbst wenn Berufstätige in wirtschaftsstärkere Räume auspendeln.

Auch die Bürgerliste und der Gemeinderat wissen, dass Erfolge auf dem schwierigen Feld der gesundheitlichen und pflegerischen Daseinsvorsorge selbstverständlich die Wirtschaftskraft einer Stadt und Region beeinflussen. Deshalb engagieren wir uns im Rahmen rechtlicher und gesetzlicher Möglichkeiten und mit Blick auf finanzielle Umsetzbarkeit an der Gestaltung des Gesundheitswesens für Stadt und Umland. Eine ablehnende Haltung zu einseitiger Subventionsforderungspolitik sollte allerdings nicht mit fehlendem Willen oder gar Desinteresse von Gemeinderat und Verwaltung auf diesem schwierigen Feld der Gesundheitsvorsorge verwechselt werden.

Zusammen mit dem Landkreis bieten wir in Riedlingen sämtliche weiterführenden Schularten bis zu einer SRH-Fernhochschule an. Ein attraktives Berufsschulzentrum und weitere Bildungseinrichtungen ergänzen Riedlingen als Bildungsstandort. Alle zusammen können Fachkräftepotenziale sichern, junge Leute für Riedlingen und ihr berufliches Fortkommen interessieren und können Riedlingen als regionales Mittelstands- und Bildungszentrum stärken. Wenn der oder die eine oder andere in Riedlingen oder der Raumschaft „hängenbleibt“, hat das auch positive Auswirkungen auf den demografischen Wandel, der sich in einer ständig älter werdenden Gesellschaft manifestiert.

Letztlich generieren wir für Riedlingen, unser Umland und überregional dringend benötigte Arbeitskräftepotenziale. Als vorläufiges Fazit und bei gesamtheitlicherer Betrachtung von Faktoren, die die Wirtschaftskraft der Stadt beeinflussen, akzeptieren wir den pauschalen Vorwurf, Riedlingen müsse sich ein miserables Ergebnis zurechnen lassen, nicht.

Abschließend möchte ich vorsorglich darauf hinweisen, dass die Bürgerliste ab jetzt nicht zu jeder Veröffentlichung, die noch auf die Aktion Heimatcheck der Schwäbischen Zeitung folgen wird, eine Stellungnahme abfassen wird. Nach Abschluss der Aktion behalten wir uns eine Bewertung vor, ob zu weiteren Themen einzeln oder zusammengefasst weitere Rückäußerungen an Ihr Medium erfolgen werden.“

Widmann: „Es gibt keine Strategie, mittelständische Betriebe für die Stadt zu gewinnen“

Mit kritischen Worten beschreibt Hannes Widmann seine Einschätzung zum Thema Arbeit und Wirtschaft in Riedlingen:

„Wie ich schon mal gesagt habe, ist die Wirtschaftsförderung in Riedlingen meiner Einschätzung nach sehr unstrukturiert und unsystematisch. Es gibt niemanden, der systematisch das Netzwerk mit den Firmen in der Stadt und im Umland pflegt und die Kontakte ausbaut. Daher gibt es auch kaum Wissen über die Pläne oder die Bedürfnisse der Unternehmen. Es gibt meinem Eindruck nach keine Strategie, wie wir gesunde, mittelständische Unternehmen in unsere Stadt bringen. Diese Unternehmen investieren daher alle im Umland.

Der Gemeinderat hat leider mit einer großen Mehrheit beschlossen, den Fokus auf den Tourismus zu legen, sodass hier durch den Gemeinderat eine klare Priorisierung für den Tourismus gemacht wurde. Man kann eine Personalressource nun halt nur einmal verplanen.

Meiner Ansicht nach müssen wir erstens die Kontakte zu Industrie und Gewerbe viel intensiver und mit einer entsprechend qualifizierten Person pflegen, und zweitens müssen wir innerstädtische Brachen oder Bald-Brachen viel strategischer zurückkaufen und neu aufstellen. Riedlingen verfällt sonst wirtschaftlich in einen Dornröschenschlaf mit allen entsprechenden Konsequenzen.

Die Hoffnung auf den großen Big-Bang durch das IGI DoBu (Interkommunales Industriegebiet Donau-Bussen) halte ich für völlig illusorisch.“

Zahlen und Fakten zur Verdeutlichung

Schon in der Vergangenheit hat das WOCHENBLATT zum Thema recherchiert und die dabei ermittelten Zahlen und Fakten in Berichten veröffentlicht. (Die Angaben zur Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erhielten wir direkt von der Zentrale der Agentur für Arbeit in Nürnberg.)

https://www.wochenblatt-news.de/region-biberach/biberach/wirtschaft-in-oberschwaben-legt-zu-nur-riedlingen-schwaechelt

https://www.wochenblatt-news.de/region-biberach/riedlingen/riedlingen-kriselt-wirtschaftlich-weiter

https://www.wochenblatt-news.de/region-biberach/riedlingen/der-einst-bluehende-wirtschaftsstandort-wirkt-mittlerweile-arg-zerzaust

Dieser Beitrag wurde unter Mitwirkung eines KI-Systems erstellt und von der Redaktion geprüft.