In Riedlingen haben seit 1985 verschiedene Personen, Hochschulgruppen, Institute, Vereine und Bürger versucht, der Innenstadt neuen Schwung zu verleihen. Betrachtet man die aktuelle Situation, dann waren wohl all diese Bemühungen vergebens.
Die Innenstadt schwächelt weiter, von dem mit vielen Erwartungen gestarteten Projekt Genussmanufaktur ist selbst auf Nachfrage von Wochenblatt-Media nichts mehr zu hören.
Die Chronologie
1987/1988 gab es bereits erste Versuche, die Innenstadt aufzuwerten. Das Duo Irmler und Reck, zwei junge Riedlinger Studenten, hatten die Idee, aus dem alten Feuerwehrgerätehaus am Wochenmarkt ein Kulturzentrum zu entwickeln. Bei einer Veranstaltung des HGR (Handels- und Gewerbevereins Riedlingen e.V.) im rappelvollen Rathaussaal wurde über das Projekt diskutiert. Das Vorhaben der Studenten scheiterte ebenso wie die Vision von HGR-Vorstandsmitglied Ernst Walz (ehemals Spar-Markt Grüninger Siedlung), das alte Feuerwehrgerätehaus in eine täglich geöffnete Markthalle umzubauen. Die gesamte Vorstandsmannschaft um Franz Selg stand hinter dem Projekt, die Entscheidungsträger konnten sich damit jedoch nicht anfreunden.
Wie groß die Hoffnungen auf eine Belebung der Innenstadt waren, zeigte eine Versammlung im Rathaussaal, die ebenfalls vom HGR organisiert und durchgeführt wurde. Der Saal war proppenvoll, die Bürger der Stadt diskutierten eifrig, was in der Innenstadt an Sortimenten und Anbietern fehle, um diese attraktiver zu machen. Auch diese von Selg geleitete Veranstaltung verpuffte, Konsequenzen wurden keine gezogen. Jahrelang waren keinerlei Bemühungen um die Innenstadt mehr erkennbar, lediglich um die 1991 geschaffene Fußgängerzone wurde eifrig diskutiert und gestritten, weil keine Autos mehr um den Stock fahren konnten.
Erstes Stadtmarketing
1997 wurde von der Gemeinderatsgruppierung UBR (Unabhängige Bürger Riedlingen) und dem HGR ein Vorstoß für ein Stadtmarketing bei der Stadt unternommen. Dem Vorhaben stimmten die Verwaltung und auch der Gemeinderat zu. Beauftragt wurde nach einer Ausschreibung der ehemalige OB von Freudenstadt Hans-H. Pfeiffer. Bei einer Klausurtagung wurden von einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung und der Vereine die Ziele und Möglichkeiten für eine städtische Entwicklung von Riedlingen erarbeitet. Durch den Bürgermeisterwechsel 1998 geriet das Projekt langsam, aber sicher auf das Abstellgleis. Eine Umsetzung der formulierten Ziele erfolgte bedauerlicherweise nicht, die an der Klausur beteiligten Akteure wandten sich frustriert ab. HGR und RGW hatten damals übrigens 50 Prozent der fünfstelligen Kosten für Pfeiffer bezahlt.
Streit um GMA-Gutachten
Zum Schutz der Innenstadt wurde ein Gutachten bei der GMA in Auftrag gegeben. Ziel war es, für die innenstadtrelevanten Sortimente ein Ansiedlungsverbot in den Außenbereichen (Mancherloch) festzulegen. Damit entbrannte eine heftige Auseinandersetzung zwischen Grundstücksbesitzern im Mancherloch und der Verwaltung. Die Betriebe im Industriegebiet sahen ihre Entwicklungsmöglichkeiten gefährdet. Eine Gruppe Studenten der Hochschule Albstadt-Sigmaringen untersuchte im Auftrag der Stadt die Handelsbeziehungen und Kundenbewegungen von der Innenstadt zum Industriegebiet Mancherloch. Die Ergebnisse wurden damals im Rosengarten vorgestellt.
Ärger handelte sich die Verwaltung ein, als sie selbst einen Vorstoß unternahm, im Steinbruch einen Einzelhandelsstandort zu entwickeln. Sowohl die IHK als auch der HGR stellten sich gegen dieses Vorhaben, das den Schutz der Innenstadt knapp vor der Haustüre unterlaufen hätte. Ob das Einzelhandelskonzept erfolgreich und damit der Innenstadt als Handelsstandort genutzt hat, ist sicher diskutabel. Einige Jahre später ploppte das Thema erneut auf. Die Verwaltung wollte als Antwort auf die Ansiedlung eines SB-Marktes in Altheim im Beundle (am Ortsende Richtung Altheim) einen weiteren Supermarkt ansiedeln. Dies gelang zwar nicht, kurze Zeit später fanden aber auf dem Gönner-Areal REWE und LIDL einen neuen und derzeitigen Standort.
Diplom-Arbeit zum Leerstandsmanagement
Vor rund 15 Jahren gab es einen weiteren Anlauf für die Innenstadt. Eine Studentin der Hochschule Albstadt-Sigmaringen schrieb auf Vermittlung der IHK Ulm und mit Unterstützung des HGR ihre Bachelor-Arbeit zum Leerstandsmanagement in Riedlingen. Was aus diesen Erkenntnissen wurde, ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis. Öffentlich wurde dieses Papier nie, eine Wirkung konnte es deshalb auch nicht entfalten.
Imakomm wird tätig
2013 wurde das Unternehmen „Imakomm Akademie“ aus Aalen mit einem erneuten Stadtmarketing beauftragt. Träger waren die Stadt sowie RGW (Riedlinger Werbegemeinschaft) und HGR. Die Tageszeitung veröffentlichte damals einen Artikel. Dort wurde von Bruno Jungwirth die Zielsetzung umschrieben: „Am Ende dieses Prozesses könnte die Arbeitsbeschreibung für einen Citymanager stehen. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Zunächst steht eine Analyse der Situation des Riedlinger Standort- und Innenstadtmarketings. Im zweiten Schritt soll ein Grundmodell eines Standortmarketings erarbeitet werden. Dieses soll zentrale Aussagen zur künftigen Schwerpunktsetzung in den Bereichen Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Innenstadt- und Tourismusmarketing beinhalten. Auch eine Aufgabenstruktur und ein Organisationsmodell werden als Empfehlung des Beratungsunternehmens auf dem Tisch liegen.
Im nächsten Schritt soll ein Umsetzungsmodell für das Citymanagement dargestellt werden, mit einer Organisationsstruktur, mit den konkreten Inhalten und der Finanzierung. Letztlich geht es darum, für einen möglichen Citymanager ein konkretes und realistisches Arbeitsprofil zu erstellen. Einig ist man sich auch, dass darüber hinaus Imakomm den Prozess – in einem Folgeauftrag – auch in der Umsetzung begleiten sollte.“ Damals formulierte Bürgermeister Hans-Petermann richtigerweise: „Es braucht einen von außen, der mahnend den Finger hebt.“ Das Projekt City-Manager scheiterte innerhalb von knapp zwei Jahren, das eigens dafür angemietete Büro in der Haldenstraße wurde geschlossen.
Bei einer Nachfrage von Wochenblatt-Media bei Imakomm-Geschäftsführer Dr. Peter Markert (Aalen) wurde erkennbar, dass das mit viel Engagement und Enthusiasmus gestartete Projekt gescheitert ist. Markert teilte dazu am Dienstag, 26. August, mit: „Wir hatten vom damaligen BM positive Rückmeldungen erhalten. Ich erinnere mich, dass beim Beschluss im GR sogar mit Sekt angestoßen wurde. Wir lassen jedes Projekt schriftlich evaluieren. Von Riedlingen liegt vom 2014er-Projekt allerdings keine Evaluation vor!“
Nach Markerts Worten kam kein weiteres Auftragsverhältnis mehr zustande. Konkret benannte er in seiner Antwort das Nutzungskonzept für den „Mohren“ (mittlerweile schon lange abgerissen und neu bebaut). „Auch nicht zur Umsetzung von Maßnahmen, noch zur ‚Manufakturen-Stadt‘ (hier war Riedlingen wohl auf Horb am Neckar, die wir bei diesem Ansatz begleitet hatten, aufmerksam geworden), usw. Anfragen bestanden also auch seitens der Stadt, allerdings von wohl öfters wechselnden Personen/Stellen. Auf Unterstützungsangebote unsererseits war nicht eingegangen worden. Ob Dinge wirklich umgesetzt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir haben aber immer wieder über verschiedene Quellen mitbekommen, dass manche Entwicklung wohl nicht gut lief.“
Bürgerentscheid zur Stadthalle
Im Januar 2019 stimmte eine Mehrheit dem Bürgerentscheid über die Weiterentwicklung am Stadthallenareal in Riedlingen zu. Mittlerweile sind sechseinhalb Jahre vergangen, auch der Architektenwettbewerb liegt schon Jahre zurück. Eine Umsetzung des Siegerentwurfs, der u.a. ein Hotel, Tagungsräume und einen weiteren Supermarkt vorsah, scheint in weiter Ferne zu liegen. Auch diese Planungen sind umstritten. Die IHK Ulm sieht übrigens das Areal, sollten dort Verkaufsflächen geschaffen werden, nicht als Frequenzbringer für die Innenstadt an.
2021 Genuss-Stadt
Seit 2021 wirkt nun das Pragma-Institut in Riedlingen. Grundsätzlich wollte auch dieses Institut die Riedlinger Innenstadt stärken. Eine der Ideen dabei war, das alte Feuerwehrgerätehaus zur Genussmanufaktur umzubauen. Wie bereits eingangs erwähnt, scheint das Projekt auf der Stelle zu treten, zumindest ist es seltsam leise darum geworden. Die Nachfrage bei den Haushaltsberatungen 2025 im Riedlinger Gemeinderat erbrachte ebenso wenig Aufklärung wie die mehrmaligen Bemühungen von Wochenblatt-Media, Auskunft zum aktuellen Stand zu erhalten. Festzuhalten bleibt, dass sich seit 2021 die Situation der Innenstadt nicht verbessert hat, mittlerweile hat sogar die letzte Metzgerei ihre Pforten geschlossen.
Kommentar
Viel Aufwand, kein Ertrag
Es mutet unwirklich an, wenn man sich die Bemühungen um eine Vitalisierung der Riedlinger Innenstadt ansieht. Die Stadt, RGW und HGR haben seit den 90er Jahren viel Geld in die Hand genommen, um ein Ausbluten des Handels- und Wirtschaftsstandortes Riedlingen zu verhindern. War letztlich alles umsonst?
Die Bürger der Stadt hatten schon 1988 Sorge um die Attraktivität der Innenstadt. Doch alle Versuche mit Stadtmarketings, dem Einsatz von Hochschulen und Instituten, scheiterten mit ihren Bemühungen. Die Folgen sind in der Innenstadt deutlich sichtbar. Was nützen die besten Konzepte, wenn niemand bereit ist, diese umzusetzen und hartnäckig zu verfolgen?
Die deutlichen Worte von Dr. Peter Markert (Imakomm-Akademie, Aalen) zeigen deutlich, dass sich in Riedlingen niemand ernsthaft um die Verfolgung der mit der Imakomm-Akademie entwickelten Ziele bemüht hat. Schade um das eingesetzte Geld, das in anderen Städten, die von Imakomm begleitet werden, deutlich sinnvoller und auch erfolgreicher investiert wurde. Den Riedlinger Fraktionsspitzen ist die Aufzählung der „Rettungs-Versuche“ seit 2021 bekannt. Sie reagierten mindestens nach außen nicht, die erhaltenen Informationen durch den Berichterstatter dieses Artikels waren ihnen bis heute keine Antwort wert.
Um es klar zu sagen, zu der bedauernswerten Situation im Riedlinger Einzelhandel haben aber auch die Verbraucher beigetragen. Sie forderten 1988 bei einer Veranstaltung, dass die Läden attraktiver, das Angebotssortiment breiter werden sollte. Doch mit ihren Füßen stimmten sie nicht ab, sie gaben ihr Geld an anderer Stelle aus. Zu viele Geschäfte stellten von Jahr zu Jahr über einen zunehmenden Schwund der Kundenfrequenz fest. Damit einher gingen Umsatzverluste und Gewinneinbrüche. Die Schließungen mancher Geschäfte waren demnach nur eine logische Konsequenz. Schade, dass die Mischung aus Umsatzrückgängen und fehlenden Impulsen durch die Stadt zu einer Situation geführt hat, die schwer erträglich ist. Einerseits wird die Altstadt von allen gelobt, andererseits ist aber zu wenig (Geschäfts-)Leben darin. Ausnahmen wie das glanzvolle Sommertheater sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme.
Im Fußball gibt es einen Begriff, der mit der Entwicklung des Handelsstandortes Riedlingen einigermaßen vergleichbar ist: „Erst hatten wir kein Glück, dann kam noch Pech dazu!“ Die vielen verpassten Chancen der letzten 38 Jahre kommen vermutlich nie wieder.
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