Auf der Suche Von Kuba bis Costa Rica: Sebastian Gollas von StarkeZigarren kartiert die geheimen Tabak-Hotspots der Welt

Von Kuba bis Costa Rica: Sebastian Gollas von StarkeZigarren kartiert die geheimen Tabak-Hotspots der Welt
Sebastian Gollas, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Zigarrenspezialisten StarkeZigarren (Foto: Geisler & Gollas)
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Wer an Zigarren denkt, denkt an Kuba. Fast reflexartig. Die Havanna als Inbegriff des Genusses, als Symbol für Stil und Bestand – das sitzt tief im kollektiven Gedächtnis. Doch wer glaubt, damit die Zigarrenwelt verstanden zu haben, irrt sich gewaltig.

Sebastian Gollas, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Zigarrenspezialisten StarkeZigarren, reist seit Jahren durch die Tabakregionen der Welt, nicht als Tourist, sondern als Kenner auf der Suche nach dem nächsten großen Geschmack. Was er dabei gelernt hat: Die Vielfalt der Zigarrenwelt wird von den meisten Menschen vollständig unterschätzt.

Gollas begann seine Reise buchstäblich mit einer Zigarre in der Hand. Kurz nach dem Abitur, auf einer Reise in die Dominikanische Republik, fiel ihm im Hotelzimmer ein großer Aschenbecher auf dem Nachttisch auf. Die Neugier gewann. Aus einem spontanen Griff wurde eine Leidenschaft, aus der Leidenschaft ein Unternehmen und aus dem Unternehmen eine jahrelange Expedition durch die Anbaugebiete dieser Welt. Heute betreibt er in Berlin einen Laden und Online-Shop mit über 4.000 verschiedenen Zigarren aus aller Herren Länder.

Kuba: Der Mythos und seine Tücken

Kuba ist die unangefochtene Mutter aller Zigarrenregionen. Die Vuelta Abajo im Südwesten der Insel, genauer: die Provinzen Pinar del Río, San Luis und San Juan y Martínez, gilt als das beste Anbaugebiet der Welt. Was dort wächst, ist das Ergebnis eines perfekten Mikroklimaspiels, das sich so nirgendwo sonst auf der Erde wiederholen lässt. Der Boden, die Feuchtigkeit, die Luft, alles greift ineinander wie Zahnräder einer fein justierten Uhr. Habano ist, ähnlich wie Champagner beim Wein, eine geschützte Herkunftsbezeichnung und das aus gutem Grund.

Trotzdem wäre es zu einfach zu sagen, Kuba sei der unbestrittene Sieger. Qualitätsschwankungen, insbesondere im Zugverhalten, haben dem kubanischen Ruf in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach geschadet. Gollas selbst betont, dass kubanische Zigarren aus den besten Lagen, den sogenannten Vegas Finas de Primera, nach wie vor außergewöhnlich sind. Aber eben nur aus diesen. Der Rest ist oft Mythos, der teuer verkauft wird.

Nicaragua: Das neue Zentrum der Welt

Wer Gollas fragt, welches Land ihn in den letzten Jahren am meisten überrascht hat, bekommt eine klare Antwort: Nicaragua. Genauer gesagt: Estelí. Die kleine Stadt im Norden des Landes hat sich zum vielleicht bedeutendsten Zigarrenzentrum der Gegenwart entwickelt. Hier residieren Größen wie Rocky Patel, Plasencia und Oliva. Hier hat Victor Calvo, ein costa-ricanischer Unternehmer, mehr als 1.400 Mitarbeiter unter Dach und produziert auf riesigen Plantagen rund um die Stadt.

Gollas kennt Estelí gut und er kennt auch seine Schattenseiten. Die Grundstückspreise steigen. Arbeitskräfte werden knapper, viele Nicaraguaner haben das Land Richtung USA verlassen. Vollbeschäftigung klingt gut, bedeutet für Manufakturbetreiber aber Lohnsteigerungen und Nachwuchsprobleme. Trotzdem: Der mineralreiche Boden Estelís, das trockene Klima, die kräftigen, erdigen und ledrigen Aromen der Blätter, das lässt sich nicht einfach woanders reproduzieren. Die Region Jalapa im Norden, nahe der honduranischen Grenze, liefert wiederum subtilere, mittelkräftige Tabake mit Pfeffernoten und angenehmer Würze. Und dann ist da noch die Vulkaninsel Ometepe im Nicaraguasee: Zwei erloschene Vulkane, mineralreiche Böden, Tabake mit einem unverwechselbaren erdigen Charakter und eine so geringe Produktionsmenge, dass kaum eine Zigarre auf dem deutschen Markt mehr als 50 Prozent davon enthält.

Honduras: Der unbequeme Nachbar

Honduras ist in der Zigarrenwelt so etwas wie der unterschätzte Bruder Nicaraguas, geografisch direkt nebenan, qualitativ auf Augenhöhe, aber mit einem erheblichen Image-Problem. Gollas war im vergangenen Jahr mit einem kleinen Team aus Nicaragua mit dem Auto eingereist und hat die Grenzregion El Paraíso, Danlí und das Tabaktal Jamastrán erkundet. Was er dort sah, war beeindruckend: Familien wie die Eiroas und die Plasencias betreiben dort riesige Anbauflächen, die Tabake des Jalapa-Tales mit seinem einzigartigen Corojo-Erbe werden weltweit geschätzt.

Das Problem: Honduras gilt derzeit als eines der gefährlichsten Länder Mittelamerikas. Roller und Binder, die Torcederos und Boncheros, verdienen dort etwa doppelt so viel wie in Nicaragua. Das klingt nach einem Wettbewerbsnachteil, erweist sich aber als Stabilitätsfaktor: Die Belegschaft bleibt den Fabriken treu und arbeitet produktiv. Für die großen Produzenten funktioniert Honduras deshalb als zweites Standbein, als Risikostreuung. Niemand will alle Eier in einen nicaraguanischen Korb legen.

Costa Rica: Die vergessene Region

Puriscal. Kaum jemand kennt den Namen, obwohl dieser Ort einmal eine bedeutende Tabakregion gewesen ist. Sebastian Gollas war im November 2025 bereits zum zweiten Mal in dem kleinen Ort südwestlich von San José. Beim ersten Besuch, im April desselben Jahres, hatte er erste Proben erhalten und war von der Qualität überrascht worden. Beim zweiten Mal ging es ans Finetuning, gemeinsam mit Felipe von Tabacos de Costa Rica. Aus dieser Zusammenarbeit entsteht derzeit die Aureum Zigarren-Linie, an der StarkeZigarren aktiv mitarbeitet. Die Tabake, die Gollas dort entdeckt hat, beschreibt er als außergewöhnlich: feine Aromen, eine ausgeprägte Komplexität und ein Charakter, der sich klar von dem unterscheidet, was Mittelamerika sonst zu bieten hat. Costa Rica ist kein Massenmarkt. Es ist genau das Gegenteil davon: eine Region, die fast in Vergessenheit geraten war und deren Potenzial nur wenige auf dem Radar haben. Für Gollas genau die richtige Art von Entdeckung.

Brasilien: Der Exot mit Tradition

Brasilien genießt unter deutschen Zigarrenliebhabern noch immer den Status des Exoten, zu Unrecht. Das Land hat eine lange und eigenständige Tabak- und Zigarrentradition, die sich klar vom mittelamerikanischen Mainstream unterscheidet. Die Mata Fina Tabake aus dem brasilianischen Nordosten liefern Aromen von Kakao und Kaffee, die so klar und ausgeprägt sind, dass ein guter Puro aus Brasilien sofort erkennbar ist. Charakteristisch sind die eher adrigen Deckblätter, in anderen Ländern ein Qualitätsmerkmal, das man vermeidet, in Brasilien ein Zeichen der Herkunft und Authentizität.

Peru und Kolumbien: Geheimtipps mit Zukunft

Peru hat Gollas seit 2020 besonders fasziniert. Er hat dort an einer eigenen Zigarrendokumentation gearbeitet, gemeinsam mit seinem Partner an eigenen Marken getüftelt und die Tabacalera del Oriente besucht, eine Manufaktur, deren Anspruch ihn an Davidoff erinnert. Die peruanischen Tabake erlauben echte Puros, also Zigarren, die ausschließlich aus Tabak eines einzigen Landes bestehen. Das ist selten. In anderen Regionen sind Blends die Norm, reinrassige Puros eine Marketingaussage. In Peru ist es gelebte Tradition.

Kolumbien ist das jüngste Kapitel in Gollas‘ Reisetagebuch. In Bogotá hat er Kontakt zur Marke Bribón Cigars aufgebaut, angeführt von Juan Camilo Rodriguez. Dass die Reise dorthin ihn mit Fieber und Schüttelfrost durch Medellín trieb, hat ihn nicht davon abgehalten, zurückzukommen. Manchmal muss man eben leiden für den perfekten Blend.

Terroir ist alles – auch beim Tabak

Was all diese Reisen verbindet, ist eine Erkenntnis, die Gollas immer wieder betont: Terroir ist beim Tabak genauso entscheidend wie beim Wein. Das Zusammenspiel von Boden, Klima, Höhenlage und Bearbeitung prägt den Charakter eines Tabakblattes so fundamental, dass zwei Blätter derselben Pflanzensorte in unterschiedlichen Regionen völlig verschiedene Aromen entwickeln können. Kubaner, die ihre Samen nach Nicaragua oder Honduras brachten, stellten fest, dass die Pflanzen dort in etwas anderes mutierten, aromatisch reich, aber eben anders. Der honduranische Corojo ist heute nicht mehr der kubanische Corojo. Er ist sein eigenes Ding.

Die Zigarrenwelt ist größer, vielfältiger und spannender als die meisten ahnen. Sie braucht keine Einschränkung auf eine Insel. Sie braucht nur jemanden, der bereit ist, sich knietief in mittelamerikanische Erde zu stellen und dann davon zu berichten.