Wer heute über Batteriespeicher spricht, erntet oft skeptische Blicke. Zu teuer, zu kompliziert, zu früh. Markus Baumann hört das seit Jahren und widerspricht jedes Mal.
Der Gründer und Geschäftsführer von AURIVOLT, einem Unternehmen, das sich auf dezentrale Batteriespeicherlösungen spezialisiert hat, bringt drei Jahrzehnte unternehmerische Erfahrung mit, von der Umwelt- und Wassertechnik über die Photovoltaikbranche bis hin zur modernen Speichertechnologie. Er hat Märkte kommen und gehen sehen. Er weiß, wie sich ein Technologiesegment anfühlt, kurz bevor es kippt. Und er ist überzeugt: Batteriespeicher stehen genau an diesem Punkt. Die Vorbehalte, die er regelmäßig hört, kennt er alle auswendig. Fünf davon tauchen immer wieder auf, hartnäckig wie alte Gewohnheiten. Höchste Zeit, sie der Reihe nach auseinanderzunehmen.
Missverständnis Nummer eins: Batteriespeicher sind einfach zu teuer
Das ist das hartnäckigste Argument überhaupt und es hat eine gewisse Logik. Wer sich zum ersten Mal die Anschaffungskosten eines gewerblichen Speichers ansieht, ohne den Kontext zu kennen, dem kann kurz die Luft wegbleiben. Aber Baumann stellt dann die entscheidende Gegenfrage: Teuer im Vergleich wozu? Wer Strom kauft, wenn er am teuersten ist, zahlt dauerhaft drauf. Jeden Tag. Ohne es zu merken. Wer dagegen versteht, wie sich Strompreise am Markt tatsächlich entwickeln, fängt an, ganz anders zu rechnen.
Die Preisvolatilität an den europäischen Strombörsen hat in den letzten Jahren eine Dynamik entwickelt, die viele unterschätzen. 2024 gab es rund 41 Stunden mit Preisen über 300 Euro pro Megawattstunde, gegenüber gerade einmal drei Stunden im Vorjahr. Gleichzeitig lagen die Preise über 457 Stunden bei null Euro oder darunter, weil erneuerbare Energien zeitweise mehr Strom ins Netz drückten, als abgenommen werden konnte. Das ist keine Ausnahmesituation mehr. Das ist der neue Normalzustand eines Energiemarkts im Umbau. Wer in diesem Umfeld einen Speicher betreibt, kauft billig und verkauft teuer. Das ist kein Zufall und keine Spekulation, das ist eine planbare Strategie, die auf realen Marktmechanismen basiert.
Hinzu kommt ein Aspekt, der im öffentlichen Diskurs kaum vorkommt: steuerliche Instrumente wie der Investitionsabzugsbetrag ermöglichen es, den nötigen Eigenkapitaleinsatz beim Einstieg spürbar zu senken. Der Staat fördert also indirekt genau das Investitionsverhalten, das die Energiewende braucht. Die Frage ist daher nicht, ob sich ein Speicher rechnet. Die Frage ist, ob man es sich langfristig leisten kann, keinen zu haben.
Missverständnis Nummer zwei: Speicher sind ineffizient und da geht zu viel Energie verloren
Dieser Einwand stammt aus einer Zeit, in der das tatsächlich noch stimmte, und er hat sich seitdem erstaunlich gut gehalten. Dabei hat sich die Technologie grundlegend verändert. Moderne Lithium-Ionen-Batteriesysteme, wie sie heute im gewerblichen Betrieb eingesetzt werden, erreichen Wirkungsgrade von 85 bis 90 Prozent. Von zehn gespeicherten Kilowattstunden kommen acht bis neun wieder raus. Was klingt nach einem Verlust, ist im Kontext der aktuellen Preisdynamik schlicht vernachlässigbar.
Wer Strom ins Netz einspeist, wenn die Preise im Keller sind, und ihn teuer zurückkauft, wenn er ihn braucht, verliert de facto deutlich mehr als jeder Speicher durch physikalische Verluste je einbüßen könnte. Der Wirkungsgrad ist beim aktuellen Preisdelta zwischen Hoch- und Niedrigpreisphasen kein relevantes Gegenargument mehr. Baumann formuliert es direkt: Ineffizienz ist heute vor allem eines: ein veraltetes Argument, das aus dem Handbuch eines vergangenen Jahrzehnts stammt.
Missverständnis Nummer drei: Ohne Solaranlage macht ein Speicher keinen Sinn
Dieses Bild sitzt tief. Batteriespeicher und Photovoltaik, das gehört zusammen wie Kaffeemaschine und Kaffeebohnen. Und ja, diese Kombination ergibt nach wie vor Sinn und funktioniert gut für viele Anwendungen. Aber sie ist bei weitem nicht die einzige Möglichkeit, einen Speicher wirtschaftlich zu betreiben, und genau hier liegt das Missverständnis.
Stand-Alone-Speicher, also Systeme, die vollständig unabhängig von einer Erzeugungsanlage betrieben werden, folgen einer ganz eigenen Logik. Sie kaufen Strom direkt am Markt, wenn er günstig ist, zum Beispiel mittags bei starker Solareinspeisung oder nachts bei niedrigem Verbrauch, und speisen ihn wieder ein, wenn die Nachfrage steigt und die Preise anziehen. Kein Dach notwendig. Kein eigener Solarpark. Kein landwirtschaftlicher Betrieb mit Freifläche. Nur die Fähigkeit, Marktpreissignale zu lesen und darauf zu reagieren, was moderne Algorithmen und vorausschauende Handelssysteme heute vollautomatisch übernehmen.
Wer also kein Photovoltaik-Betreiber ist, ist deshalb nicht ausgeschlossen. Er ist schlicht ein anderer Nutzer derselben Technologie, mit einem anderen Geschäftsmodell, aber vergleichbaren Renditechancen. Baumann sieht in dieser Entkopplung vom Solargedanken eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre. Sie öffnet den Markt für völlig neue Investorengruppen.
Missverständnis Nummer vier: Der Markt ist noch nicht reif genug
Das Gegenteil ist der Fall, und die Entwicklungen der letzten Monate belegen das eindrücklich. Seit Oktober 2025 arbeitet der europäische Day-Ahead-Markt mit 15-Minuten-Intervallen statt der bisherigen Stundenblöcke. Statt 24 gibt es nun 96 Preissignale pro Tag. Das klingt nach einem technischen Detail, ist aber eine fundamentale Veränderung der Handelsstruktur. Allein am ersten Handelstag unter dem neuen System lag die Preisspanne zwischen zwei aufeinanderfolgenden Viertelstunden bei knapp 100 Euro pro Megawattstunde. Wer darauf nicht vorbereitet ist, verliert. Wer es ist, gewinnt.
Der Markt schafft gerade exakt die Bedingungen, unter denen Batteriespeicher nicht nur funktionieren, sondern regelrecht florieren. Dazu kommt ein strukturelles Argument, das Baumann immer wieder betont: Netzbetreiber suchen dringend nach dezentralen Lösungen, um Engpässe im Verteilnetz aufzufangen. Die Infrastruktur wächst nicht schnell genug, um mit dem Tempo des Erneuerbaren-Ausbaus mitzuhalten. Dezentrale Speicher schließen diese Lücke, und sie tun es dort, wo der Bedarf entsteht, nämlich vor Ort im Netz und nicht in weit entfernten Großkraftwerken. Der Bedarf ist real, er wächst, und er wird sich mit dem fortschreitenden Ausbau von Wind- und Solarenergie weiter beschleunigen. Wer jetzt wartet, bis der Markt reif genug ist, wartet womöglich auf einen Zug, der längst abgefahren ist.
Missverständnis Nummer fünf: Die Rendite ist unkalkulierbar
Das ist vielleicht das subtilste Missverständnis, weil es auf einem echten Körnchen Wahrheit basiert. Rendite ist nie garantiert. Das gilt für jede Investition, egal ob in Aktien, Immobilien oder Energieinfrastruktur. Aber unkalkulierbar? Das ist ein anderes Wort, und es trifft hier schlicht nicht zu.
Baumann erklärt, dass sich die Erträge eines Batteriespeichers aus realen Strommarkterlösen speisen, also aus Preisbewegungen, die zwar täglich schwanken, aber langfristig vorhersehbaren physikalischen und wirtschaftlichen Mustern folgen. Morgens steigt die Nachfrage, mittags drückt die Solareinspeisung die Preise in den Keller, abends zieht die Last wieder an. Diese Zyklen wiederholen sich. Nicht identisch, aber strukturell konsistent. Sie sind keine Spekulation, sie sind das Ergebnis von Physik, Infrastruktur und Verbraucherverhalten. Kombiniert man das mit datengetriebenen Handelsstrategien, prädiktiven Algorithmen und einem durchdachten Risikomanagement über verschiedene Handelszeitpunkte hinweg, entsteht ein Modell, das deutlich stabiler ist, als der Begriff unkalkulierbar vermuten lässt.
Absolute Sicherheit gibt es nicht, das wäre eine unehrliche Aussage. Aber eine fundierte, auf realen Marktdaten basierende Prognose, die gibt es sehr wohl. Und genau das ist es, was professionelle Speicherbetreiber von Privatpersonen unterscheidet, die einen Speicher kaufen und hoffen, dass er sich irgendwie rechnet.
Baumann bringt es schließlich auf den Punkt: Wer die Mythen ausräumt und die Zahlen nüchtern betrachtet, merkt schnell, dass die eigentliche Frage nicht lautet, ob ein Batteriespeicher sinnvoll ist. Die Frage lautet, wann man damit anfängt. Und seine Antwort darauf ist seit Jahren dieselbe: jetzt.