Annette Goldstein im Gespräch „Fördermittel clever nutzen“: Annette Goldstein von Auren Goldstein über Start-up-Finanzierung mit Zuschüssen und Subventionen

„Fördermittel clever nutzen“: Annette Goldstein von Auren Goldstein über Start-up-Finanzierung mit Zuschüssen und Subventionen
Annette Goldstein von Auren Goldstein über Start-up-Finanzierung mit Zuschüssen und Subventionen (Foto: Wirtschaftsprüfungskanzlei Auren Goldstein)
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Die Finanzierung zählt zu den größten Herausforderungen für junge Unternehmen. Wer ein Start-up gründet, muss früh klären, wie erste Entwicklungsschritte, Markttests oder Personalstellen bezahlt werden sollen. Während Bankkredite und Beteiligungskapital häufig diskutiert werden, geraten staatliche Zuschüsse und Subventionen oft in den Hintergrund. Dabei bieten sie gerade zu Beginn wertvolle Chancen.

Annette Goldstein, Geschäftsführerin der Wirtschaftsprüfungskanzlei Auren Goldstein, begleitet seit vielen Jahren Start-ups auf ihrem Weg von der Idee bis zur Marktreife. In ihrer täglichen Praxis erlebt sie, wie viel Potenzial in Förderprogrammen steckt und wie häufig dieses Potenzial ungenutzt bleibt. Im Gespräch erklärt sie, welche Rolle Fördermittel in der Gründungsphase spielen können, worauf es bei der Beantragung ankommt und warum eine professionelle Begleitung gerade hier den Unterschied machen kann.

Redaktion: Frau Goldstein, warum tun sich viele Start-ups schwer mit dem Thema Fördermittel?

Annette Goldstein: Viele junge Unternehmen konzentrieren sich auf das Produkt, das Team oder den Markt, was ja auch richtig ist. Gleichzeitig fehlt oft das Bewusstsein dafür, wie breit und strukturiert die Förderlandschaft eigentlich ist. Fördermittel gelten häufig als bürokratisch, kompliziert oder nicht greifbar. Aber das liegt vor allem daran, dass der Einstieg nicht ganz trivial ist. Wer sich die Zeit nimmt, sich wirklich damit zu beschäftigen, kann enorm profitieren.

Redaktion: Welche Vorteile haben Zuschüsse im Vergleich zu anderen Finanzierungsformen?

Goldstein: Ganz klar: Sie müssen nicht zurückgezahlt werden. Das reduziert das Risiko und schafft Liquiditätsspielraum, ohne dass man Unternehmensanteile abgeben oder langfristige Verbindlichkeiten eingehen muss. Ein Zuschuss kann die erste Marktanalyse, ein Prototyp oder sogar die Gehälter im Gründungsteam finanzieren. Diese Anschubfinanzierung ist oft entscheidend, um überhaupt ins Rollen zu kommen.

Redaktion: Klingt fast zu gut, um wahr zu sein.

Goldstein: Ja, aber es gibt auch eine Kehrseite. Zuschüsse sind zweckgebunden, das heißt: Man muss vorher sehr genau sagen, wofür man das Geld braucht. Und später auch belegen, dass man es genau so verwendet hat. Das erfordert Planung, Disziplin und Dokumentation. Viele Programme arbeiten mit Zwischen- oder Abschlussberichten. Wer das nicht sauber macht, riskiert, Mittel zurückzahlen zu müssen oder aus dem Förderprozess zu fliegen.

Redaktion: Welche Förderprogramme sind für Start-ups besonders interessant?

Goldstein: Das hängt von Branche, Standort und Geschäftsmodell ab. Sehr bekannt ist zum Beispiel das EXIST-Gründerstipendium für Hochschulabsolventen mit innovativen Ideen. Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) fördert technologische Entwicklungen in Kooperation mit Forschungseinrichtungen. Auch die Programme der KfW oder einzelner Landesbanken bieten Zuschüsse oder zinsgünstige Darlehen. Wichtig ist: Man sollte gezielt suchen und nicht pauschal alles beantragen. Dafür gibt es spezialisierte Berater oder Plattformen, die einen Überblick liefern.

Redaktion: Viele denken, dass sich nur Tech-Start-ups für solche Programme qualifizieren.

Goldstein: Das ist ein verbreiteter Irrtum. Zwar liegt bei vielen Programmen der Fokus auf Innovation, Technologie oder Digitalisierung, aber auch soziale Unternehmen, kreative Projekte oder nachhaltige Geschäftsmodelle können erfolgreich gefördert werden. Entscheidend ist, dass das Konzept in sich schlüssig ist und man den Nutzen klar erklären kann. Fördermittelgeber wollen sehen, dass öffentliche Gelder sinnvoll investiert werden.

Redaktion: Wie sieht es mit der Kombination verschiedener Finanzierungsquellen aus?

Goldstein: Das ist nicht nur möglich, sondern oft notwendig. Viele Programme setzen voraus, dass ein Teil der Projektkosten selbst getragen wird. Wer hier schon Eigenmittel oder Investoren vorweisen kann, signalisiert Ernsthaftigkeit und stärkt seine Position. Auch Business Angels oder Venture Capital lassen sich gut mit Fördermitteln kombinieren. Manchmal sogar besser als mit klassischen Bankkrediten, weil man so flexibel bleibt.

Redaktion: Fördermittel als strategisches Werkzeug?

Goldstein: Genau. Sie sind kein Selbstzweck, sondern sollten Teil einer Finanzierungsstrategie sein. Wer gezielt in der frühen Phase Fördermittel nutzt, verschafft sich Zeit, ohne externen Druck wachsen zu können. Zudem wirken sie oft wie ein Qualitätssiegel. Wenn ein Start-up beispielsweise durch ein Bundesprogramm gefördert wird, erhöht das die Glaubwürdigkeit bei Partnern, Kunden und Investoren.

Redaktion: Aber was passiert, wenn sich ein Start-up zu sehr auf Fördergelder verlässt?

Goldstein: Das ist tatsächlich ein Risiko. Wer nur an Programmen entlang plant, verliert irgendwann den Blick für das eigentliche Geschäftsmodell. Fördermittel sollten nie das Ziel sein, sondern ein Mittel zum Zweck. Ich habe schon erlebt, dass Start-ups Produkte entwickelt haben, die perfekt in eine Förderlogik passten, aber nicht in den Markt. Am Ende muss man immer den Kunden im Blick behalten.

Redaktion: Was empfehlen Sie Start-ups konkret, die Fördermittel nutzen möchten?

Goldstein: Frühzeitig informieren, nicht erst, wenn das Konto leer ist. Fördermittel haben oft Vorlaufzeiten. Dann: gezielt Programme auswählen, die wirklich zum Geschäftsmodell passen. Und drittens: sich Hilfe holen, wenn man merkt, dass man allein nicht durchblickt. Die Antragsstellung kann komplex sein, und es kommt auf jedes Detail an.

Gerade als Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin sehe ich oft, wo es hakt, nämlich bei der Dokumentation und der Mittelverwendung. Fördermittel bringen nicht nur Geld, sie bringen auch Verpflichtungen mit sich. Wer zum Beispiel keine saubere Buchhaltung aufsetzt oder die Förderzwecke nicht korrekt nachweist, riskiert Rückforderungen. Deshalb rate ich, das Thema von Anfang an professionell aufzusetzen. Das spart später viel Aufwand und gibt Sicherheit im Umgang mit den Förderstellen.

Redaktion: Gibt es einen Erfolgsfaktor, den Sie besonders betonen würden?

Goldstein: Ja: Realismus. Fördermittel sind kein Freifahrtschein. Sie verlangen Disziplin, Gründlichkeit und klare Ziele. Aber sie können ein echter Hebel sein, um ein junges Unternehmen auf gesunde Beine zu stellen. Wer sie strategisch einsetzt, schafft sich Luft, finanziell und operativ. Und in dieser Luftzone entstehen oft die besten Ideen, weil man nicht von Tag eins an unter dem Druck steht, sofort liefern zu müssen.