Bei einem Alpabtrieb im Berner Oberland (Schweiz) sind letzte Woche drei Rinder in eine verwinkelte Schlucht abgestürzt. Die Bergung der toten Tiere gestaltete sich als logistischer Kraftakt. Im Einsatz waren mehrere Canyoning-Spezialisten, da die Gefahr eine Wasserverseuchung drohte.
Das Trio aus drei Rindern stürzte beim Alpabtrieb rund 30 Meter tief in die Griesschlucht und war für den Bauern nicht mehr sichtbar, so die Berner Kantonspolizei. Die Schweizer Rettungsflugwacht (Rega) wurde alarmiert. Was folgt, ist ein logistischer Kraftakt für die Alpine Rettung Schweiz (ARS) und die Rega.
Lokalisierung der Rinder durch die Luft unmöglich
Die Gletscher haben hier eine extrem tiefe und steile Schlucht gebildet, die stark verwinkelt ist und von Felsüberhängen geprägt wird. Aus der Luft ist eine Lokalisierung und Bergung der toten Tiere durch die Überhänge unmöglich – zudem machen gespannte Kabel im Tal einen Helikopterflug gefährlich. Es blieb nur die Möglichkeit einer bodengebundenen Bergung durch ein Team aus Spezialisten, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Zeit drängte: Je länger die toten Tiere im Wasser liegen, desto grösser ist die Gefahr einer Verunreinigung des Wassers.
Jedes Rind ist rund 700 kg schwer
Zwei Canyoning-Spezialisten seilen sich mehrmals ab, um in den Bereich oberhalb eines Wasserfalls vorzudringen. Vor Ort stellen sie fest: Ein Rind wurde bereits über den Wasserfall hinuntergespült und liegt rund 20 Meter tiefer im Bachbett im Tal. Die beiden anderen Kadaver befinden sich mitten in der Schlucht in einer Art Höhle in einem Wasserbecken.
Die Bergung erweist sich als physikalische Herausforderung: Wie bewegen zwei Menschen zwei Tiere von jeweils 500 bis 700 Kilogramm? Die Retter setzen einen sogenannten «Floating Bag» ein – ein Sack, der sich mit Wasser füllt und dessen Zugkraft genutzt wird. Damit können sie die Rinder in ein etwas tieferliegendes, zweites Becken spülen.
Dort bleiben die Tiere jedoch in einer engen Stelle direkt vor dem Wasserfall stecken. Dem Einsatzleiter wird klar: Es sind zusätzliche Mittel nötig.
Flaschenzug und ein Kraftwerk-Stopp
Am zweiten Tag rückt das Team mit zwei weiteren Canyoning-Spezialisten an. Ein neues Problem erschwert jedoch die Arbeiten: Die Abwasserleitung eines privaten Wasserkraftwerks befindet sich direkt oberhalb des Beckens. Nach Absprache mit dem Betreiber wird der Kraftwerksbetrieb kurz unterbrochen.
Nun spannen die Einsatzkräfte mehrere Seile, die aus der Höhle durch die Schlucht zum gegenüberliegenden Wald führen. Mithilfe der Seile heben sie die massiven Kadaver vertikal an und ziehen sie horizontal, um sie in den Wasserfall hinunterzulassen. Das System funktioniert: Alle Tiere werden erfolgreich ins Tal gespült und landen unten im Bachbett.
Tote Rinder werden bei Nebel ausgeflogen
Den Abtransport übernimmt schließlich die Crew des Trainingshelikopters der Rega. Unter erschwerten Bedingungen – (Gewitter, hoher Wasserstand, Nebel) fliegt die Crew die Tiere nacheinander an einem 60-Meter-Tau zur nächstgelegenen Straße, so die Kantonspolizei. Von dort werden sie von einem Fahrzeug zur fachgerechten Entsorgung abtransportiert.
(Quelle: Rega / Alpine Rettung Schweiz (ARS))