Dialekt und Mundart an der PH Weingarten: Alles andere als „verstaubt“

Dialekt und Mundart an der PH Weingarten: Alles andere als „verstaubt“
Mundart-Dichter Wilhelm König (links) hatte seine umfangreiche Sammlung der PH Weingarten gestiftet. Darüber freuten sich die Rektorin Prof. Dr. Karin Schweizer (Mitte) und der ehemalige Rektor Prof. Dr. Werner Knapp (rechts) sehr. (Bild: PH Weingarten)

WOCHENBLATT

An der Pädagogischen Hochschule Weingarten wurde im Beisein zahlreicher Gäste und mit einem festlichen Programm das Württembergische Mundartarchiv Wilhelm König eröffnet.

Viele Jahre hatten Dialekte mit einem Imageverlust zu kämpfen, galten als verstaubt und provinziell. Mittlerweile erlebt Mundart eine Renaissance – so auch an der Pädagogischen Hochschule Weingarten (PH), wo das Thema bereits 2019 mit der Gründung des Zentrums für Mundart Einzug in die Lehre und Forschung gehalten hat.

Mit dem Württembergischen Mundartarchiv Wilhelm König hat die Hochschule jetzt ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal erhalten. Der Reutlinger Dichter und Sammler Wilhelm König hat sein Lebenswerk, das seit 1993 im Neuen Kloster in Bad Schussenried beheimatete Zentrale Württembergische Mundartarchiv, der Wissenschaft und Lehre auf dem Martinsberg anvertraut. Zahlreiche Gäste aus Wissenschaft, Bildung und Politik, darunter auch Weingartens Oberbürgermeister Clemens Moll, waren zur feierlichen Archiv-Eröffnung in die Hochschulbibliothek im „Fruchtkasten“ gekommen.

Das Mundartarchiv Wilhelm König ist in der Hochschulbibliothek untergebracht und für die Öffentlichkeit zugänglich. Es umfasst über 8000 Exponate schwäbischer und anderer Dialekte – neben Büchern auch Kalender, Zeitschriften, Anthologien, Schallplatten und Kassetten. Werke von Wilhelm König und dem verstorbenen PH-Professor Dr. Norbert Feinäugle, einem engagierten Mitstreiter zur Bewahrung des Dialekts und Mitsammler, sowie Werke von zahlreichen bekannten Mundartautoren sind dort genauso zu finden wie Wörterbücher, Koch- und Gartenbücher, Postkarten oder auch „d‘ badische Struwwelpeter“ und „Asterix em Morgaländle“. Über Jahrzehnte hinweg hat Wilhelm König die vielfältigen Mundart-Schätze zusammengetragen. Das Archiv trägt zu Recht seinen Namen.

Schon vor Beginn und während des offiziellen Eröffnungsteils warben Studierende in kurzen und prägnanten Performances für den schwäbischen Dialekt. Sie erklärten, dass „Gsälz“ für Marmelade steht und „Grumbiera“ Kartoffeln sind, zitierten Auszüge aus dem schwäbischen Gesetzblatt und vieles mehr. „Mit dem Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an“, zogen sie Bilanz und ließen „den Wilhelm König hochleben“. Mit einem Schwäbisch-Test konnten die Gäste zudem ihre Dialektfähigkeit beweisen. „Jetzt weiß ich endlich, dass ein ‚Schlabbafliggr‘ ein Schuhmacher ist und ‚a Lädsch nomache‘ beleidigt sein bedeutet“, amüsierte sich eine Besucherin.

„Wilhelm Königs Wirken weiterführen“

Die Übergabe des Mundartarchivs Wilhelm König an die PH bedeute für die Hochschule Anerkennung und Verpflichtung zugleich, sagte PH-Rektorin Professorin Dr. Karin Schweizer: „Wir werden sein Wirken weiterführen.“

Die Bestände würden wissenschaftlich aufgearbeitet und in die Lehre und Forschung einbezogen. Die räumliche Nähe der Mundart-Exponate unterstütze die wissenschaftliche Auseinandersetzung und eröffne der Hochschule zahlreiche Forschungs- und Projektmöglichkeiten. Die erfolgreiche Umsetzung der Idee eines Mundartarchiv-Standorts an der PH in Weingarten habe einige Jahre gedauert und sei bereits von ihrem Vorgänger im Rektorenamt, Professor Dr. Werner Knapp, im Schulterschluss mit dem Regierungspräsidium Tübingen auf den Weg gebracht worden.

Rektorin Schweizer würdigte das Lebenswerk des 1935 geborenen Wilhelm König, der sich bereits seit den 1970er Jahren für die Bewahrung des Dialekts stark gemacht hat. 1978 gründete König in Reutlingen die Mundartgesellschaft Württemberg e. V. und übernahm für viele Jahre deren Vorsitz. Heute ist er deren Ehrenvorsitzender. 1980 wurde er Herausgeber der Zeitschrift für Mundart „schwädds“.

Darüber hinaus organisierte er viele öffentliche Veranstaltungen, Seminare und Mundart-Workshops. Zu seinen bekanntesten Aktionen zählen die Reutlinger Mundart-Wochen, die er 1976 ins Leben gerufen und viele Jahre organisiert hat. König erhielt für sein Wirken zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, die Heimatmedaille Baden-Württemberg und die Verdienstmedaille des Landkreises Reutlingen.

Die PH habe den Dialekt als Alleinstellungsmerkmal entdeckt, sagte Regierungspräsident Klaus Tappeser. Er ist Mitglied des Beirats des PH-Mundartzentrums und hat die Umsiedlung des Archivs maßgeblich unterstützt. Dialekt sei nicht „ebbes Verschtaubtes“, vielmehr vermittle er Heimat und Identität. Gerade auch für junge Menschen sei er existenziell. „Menschen können nur weltoffen sein, wenn sie wissen, woher sie kommen“, so Tappeser.

Multikulturelle Gesellschaften könnten nur gelingen, wenn die jeweiligen Kulturen und heimatlichen Identitäten respektiert und wertgeschätzt würden. Der Regierungspräsident würdigte die jahrzehntelangen Verdienste von Wilhelm König und dankte ihm und den engagierten Mitstreiterinnen und Mitstreitern für ihr nachhaltiges Wirken. Das Mundartarchiv Wilhelm König sei jetzt in Weingarten am Puls der Zeit.

Dialekt habe einen hohen Identifikationswert, gab auch der Bundestagsabgeordnete Michael Donth, gleichfalls Beiratsmitglied des PH-Mundartzentrums, zu bedenken. Das Schwäbische stehe als Dialekt relativ gut da. Aktuellen Studien zufolge sprächen im Landkreis Sigmaringen mehr als 40 Prozent der Grundschüler noch Dialekt, im Ostalbkreis 31 Prozent und im Landkreis Reutlingen 25 Prozent. Das Mundartarchiv sei ein Leuchtfeuer für die schwäbische Mundart und bei der PH in Weingarten in guten Händen. Donth dankte „dem Pionier Wilhelm König“, der sein Leben in den Dienst der Mundart gestellt habe.

Ein überraschendes „Grußwort aus em Badische“ steuerte Wolfgang Müller, Mundartkämpfer aus dem mittelbadischen Pfinztal, bei. Er hat sich unter anderem mit dem Mundart-in-der-Schule-Projekt „Schwätze wie d‘ Oma und de Opa“ einen Namen gemacht. Noch immer markierten hunderte von Grenzsteinen die einstige Grenze zwischen dem „Badnerland und dem Osten“, so Müller. Heute gebe es zwischen den zwei Musterländern im Südwesten nichts mehr abzugrenzen, nur noch zu bewahren. Müller freute sich, dass seine badische Hommage an den Dialekt in Weingarten verstanden wurde, denn „so weit in den Südoschten von The Länd“ habe er sich bislang noch nicht gewagt.      

Wilhelm König selbst zeigte sich davon überzeugt, dass sein Lebenswerk in Weingarten „gut versorgt“ ist. „Ich bin stolz auf den Namen ‚Archiv König‘“, sagte er. Er freue sich, dass die Suche nach einer dauerhaften Bleibe für sein Mundartarchiv durch die Schenkung an die PH nun erfolgreich abgeschlossen sei. Der Standort im Neuen Kloster in Bad Schussenried sei zwar reizvoll, aber isoliert und wenig bekannt gewesen, so König. In Weingarten sei seine Sammlung jetzt besser für die Allgemeinheit erreichbar und könne der Forschung und Lehre dienen.

Das Interesse der Studierenden an Dialekten sei groß, berichteten abschließend die Lehrenden Dr. Anny Schweigkofler Kuhn und Professorin Dr. Christiane Hochstadt. Vor allem im Fach Deutsch in der Lehramtsausbildung beschäftige man sich intensiv mit der Frage „Darf ich auch Dialekt sprechen?”. Anliegen der gut besuchten Tagungsreihe „Dialekt und Schule“ sei es gewesen, eine differenzierte sprachdidaktische und sprachkritische Betrachtung vorzunehmen, die sprachliche Vielfalt des Dialekts aufzuzeigen und durch dessen Etablierung einem Verlust an Mehrsprachigkeit entgegenzuwirken. Mit der Eröffnung des Mundartarchivs sei es nun möglich, wissenschaftlich fundierte Ideen für den Umgang mit Dialekt zu entwickeln.

Kulturprogramm

Auch im abschließenden Kulturprogramm ging es um Dialekt und Mundart. Sprache sei „zum Hirne und Schwätze“, gab der schwäbische Kabarettist Jörg Beirer zu bedenken und verwies auf Gegensätze im Dialekt, die nicht immer leicht zu verstehen seien, wie beispielsweise: „Komm, mir ganget“ oder „Gang, die kommet“. Hanna Stauß und Johannes F. Kretschmann thematisierten auf originelle Weise die vielen Franzismen im schwäbischen Dialekt – Filou, Malheur, Portemonnaie, Trottoir, Etage oder schalu und andere –, um zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass Schwaben eigentlich zweisprachig aufwachsen. Bernhard Bitterwolf schließlich begeisterte mit historischen Instrumenten und mundartlichen Weisheiten, inklusive einer oberschwäbischen Liebeserklärung zur Drehleier.   

(Pressemitteilung: Pädagogische Hochschule Weingarten)