Inklusives Wohnprojekt Neurodivergentes Erstwohnen jetzt in Aulendorf möglich

Neurodivergentes Erstwohnen jetzt in Aulendorf möglich
In Aulendorf wird ein inklusives Wohnprojekt gestartet, bei dem junge Menschen aus dem neurodivergenten Spektrum, das alleine Wohnen testen können. (Bild: iStock / Getty Images Plus)

Für neurodivergente Menschen wird in Aulendorf eine ganz besondere Wohngemeinschaft mit Einzelzimmern angeboten. Eine pädagogische Fachkraft betreut und unterstützt das Vorhaben, zusätzlich werden auf Wunsch gemeinsamen Aktivitäten angeboten.

Mit dem Wort Neurodiversität können viele Menschen nicht viel anfangen und die erste Frage lautet: Was ist das? Neurodivers beschreibt Menschen, deren Gehirnfunktionen deutlich anders arbeiten als bei neurotypischen Personen. Diese Menschen verarbeiten Informationen anders, lernen anders und reagieren anders, als wir es erwarten würden. Dazu beispielsweise Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) oder Dyslexie (vormals Lese-Rechtschreibschwäche).

Die Welt um sich herum markanter wahrnehmen

Bei vielen Diagnosen, die heute noch als „Störung“ im ICD-11 aufgeführt werden, sprechen mittlerweile auch schon Fachleute treffender Weise von einer Neurodiversität, also der neurobiologischen Vielfalt, heißt es in einer Mitteilung. „Neuro“ bezeichnet die Nervenzellen und Abläufe im Gehirn. Vor allem Personen mit Aufmerksamkeitsdefiziten, hochsensible oder hochbegabte Personen, Menschen aus dem Autistischen Spektrum oder Personen mit einer extremen Anforderungsverweigerung (PDA) nehmen die Welt um sich herum vielfältiger, intensiver und markanter wahr und reagieren deshalb entsprechend „anders“ darauf, als die Allgemeinheit.

Viele gesellschaftliche Normen sind für diese Personen deshalb schwer umzusetzen, weil es sie auf Grund der unterschiedlichen taktilen (äußere Reize) und kognitiven (geistiges Denken) Verarbeitung sehr viel Mühe und Anstrengung kostet. Neurodiverse Personen sind deshalb auch oft wesentlich schneller überfordert, brauchen mehr Pausen und viel Ruhe. Dass diese Komponenten nicht mit den allgemeinen Gesellschaftsanforderungen zusammenpassen, ist unschwer zu erkennen.

Voraussetzung ist genügend Selbständigkeit

Das Projekt „Neurodivergentes Erstwohnen WG“ in Aulendorf möchte Menschen, die von zu Hause ausziehen wollen, auf Grund einer Andersartigkeit aber unsicher sind, helfen. Voraussetzung ist genügend Selbständigkeit. Das Angebot ist auf zwei Jahre befristet. Aulendorf hat eine tolle Zuganbindung in alle Richtungen. Stündlich fahren beispielsweise zwei Züge nach Ravensburg oder Friedrichshafen und auch Ulm ist problemlos mit dem Zug zu erreichen.

Wenn Eltern ein Kind haben, das schon immer „irgendwie anders“ war als die anderen; wenn es vielleicht entwicklungsverzögert ist, wenn es mit anderen nicht so klarkommt oder irgendwie keinen „richtigen“ Job findet, weil es nicht ins „normale“ System passt, dann fällt es diesen Eltern sicher noch schwerer, ihr Kind ziehen zu lassen. Auch der junge Mensch traut sich eventuell nicht ganz auszuziehen, obwohl er längst selbständig wäre, weil die Sicherheit im Hintergrund fehlt.

„Von Klein auf war es ein täglicher Kampf“

Hier kann Neurodivergentes Erstwohnen eine Chance sein um auszuloten, was alles möglich ist. Anja Broekhuis-Wölfle, Vorstandsmitglied im Fachverein für PDA-Autismus (www.pda-autismus-verein.org), ist selbst betroffen. Viele Jahre wusste sie nicht, weshalb ihre Tochter bis ins jugendliche Alter so viel geschrien hatte. Beinahe alles, was an sie herangetragen wurde, hatte sie negiert, abgewiesen. „Von Klein auf war es ein täglicher Kampf, das Kind unter Kontrolle zu bringen. Nach außen war sie das liebste Kind, hilfsbereit, aufmerksam, lernbegierig. Draußen konnte mein Kind zur Perfektion so tun, als ob alles normal wäre. Aber zu Hause und hinter verschlossener Türe rebellierte sie und wurde stark ausfällig“.

Kein Arzt, kein Therapeut, niemand glaubte mir. Vor allem nicht, als ich behauptete, das Kind sei Asperger-Autist. Jeder wies uns ab und sagte, wir sollten ein „normales Leben“ führen. Dies ging aber nicht. „Ich fühlte mich hilflos und ohnmächtig“, so Anja Broekhuis-Wölfle.

Neurodiversität braucht ein Umdenken

Erst 15 Jahre später, nachdem mein Kind bereits seit vier Jahren in Wohngruppen lebte, weil die Situation zu Hause nicht tragbar war, sprach mich eine Coachin für Hochsensibilität an, was denn mit dem „Autismus“ sei? Dies war die erste fremde Person von außen, die außer mir, den Autisten in meinem Kind erkannte…

„In Deutschland gilt Autismus immer noch als psychische Störung, weshalb es für die Kinder essenziel wichtig ist, einen Nachteilsausgleich für Schule und Ausbildung/Arbeitsplatz zu erhalten. Diesen bekommen sie nur mit Diagnose. Neurodiversität braucht aber eigentlich nur ein Umdenken“.

Es einfach versuchen: Junge Menschen sollen bei dem Wohnprojekt testen, ob sie wirklich selbstständig genug sind um alleine leben zu können. Die Gesellschaft der Mitbewohner kann hier sicherlich unterstützend sein.
Es einfach versuchen: Junge Menschen sollen bei dem Wohnprojekt testen, ob sie wirklich selbstständig genug sind um alleine leben zu können. Die Gesellschaft der Mitbewohner kann hier sicherlich unterstützend sein. (Bild: iStock / Getty Images Plus)

Anja Broekhuis-Wölfle möchte ein inklusives Wohnprojekt starten, wo junge Menschen aus dem neurodivergenten Spektrum, die prinzipiell selbständig genug sind, dass alleine Wohnen testen können. „Für den Zweifelsfall bin ich als pädagogische Fachkraft vor Ort, ansonsten mische ich mich nicht ein. Mit den Bewohnern bleibe ich im regelmäßigen Austausch, um auch die Eltern beruhigen zu können“.

Es einfach versuchen

Geplant sind gemeinsame Aktivitäten, die jeder nach Lust und Laune in Anspruch nehmen kann oder eben nicht. Das alleine Wohnen ist auf zwei Jahre begrenzt. „Sollte es in der WG gar nicht klappen, übt die Person das Selbstständig werden eben im Elternhaus oder der bisherigen Unterkunft weiter und wir versuchen es später noch einmal.“

Die WG bietet 3 Einzelzimmer (ca. 10-15 qm), 1 Gemeinschaftsküche, 1 Bad, 1 Balkon, 1 Kellerraum, Waschküchenmitbenutzung. Kontaktdaten: [email protected] oder unter der Rufnummer 0176/54808606.