Das Kinderhaus St. Stephan ist die ältestes Betreuungseinrichtung in Lindau. Seine Geschichte beginnt 1874 mit vielen Nachttöpfen als „Kleinkinderschule“.
Mit der Gründung des Kindergartenvereins beginnt die bewegte Geschichte jener Einrichtung, die heute als Kinderhaus St. Stephan am Alten Schulplatz in Lindau bekannt ist. Sie geht zurück auf die Initiative von Stadtpfarrer Wörlein, der offenbar wusste, wie man Startkapital einsammelt. Freigiebige Spender aus der Bürgerschaft lieferten jedenfalls das nötige Kleingeld, um eine „geprüfte Kindergärtnerin“, die in München ihren Beruf erlernt hatte, einzustellen. Diese kümmerte sich ab dem Sommer 1874 um sage und schreibe 90 Kinder, was alsbald die Teilung in zwei Gruppen sowie die Einstellung einer Hilfskraft notwendig machte.
„Wenn man sich das heute vorstellt, es ist einfach unglaublich“, erklärt die gegenwärtige Leiterin des Kinderhauses St. Stephan, Silke Bennewitz. Sie ist sozusagen die Nachfolgerin der ersten Chefin und hat heute, 150 Jahre nach Gründung der ältesten Betreuungseinrichtung der Stadt, deutlich bessere Bedingungen als in den Tagen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Damals hatte der Kindergarten noch keine feste Bleibe – mal kam er im Sünfzengebäude unter, mal in den Sitzungsräumen des alten Rathauses. In Ermanglung irgendwelcher Toiletten, gehörte der Kauf von jeder Menge Nachttöpfen zu den wichtigsten Anschaffungen des noch jungen Kindergartenvereins.

Anfang der 1880er-Jahre kommt der Kindergarten dann etwa an seinem heutigen Standort am Alten Schulplatz unter, der zu jener Zeit noch als Anbau des Gebäudes in der Grub 12 ausgeführt wurde. Bemerkenswert ist, dass der Kindergarten bereits damals schon mit außerordentlich fortschrittlicher Haltung an die Betreuung ging. So arbeitete die Einrichtung zum Beispiel ohne religiöse Ab- und Ausgrenzung und also überkonfessionell.
Darüber hinaus dienten die Grundsätze von Friedrich Fröbel als Richtschnur des Lebens im Kinderhaus. Fröbel propagierte eine ermutigende Haltung, mit der Kinder Dinge selbst schaffen und mit allen Sinnen erfahren und erkunden sollten. „Das ist gar nicht so viel anders zu dem, was wir heute machen“, sagt Silke Bennewitz, die im heutigen Kinderhaus St. Stephan nach den Prinzipien von Maria Montessori arbeitet. Deren Leitspruch „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist von Fröbel gar nicht weit entfernt.
Im Jahr 1883 erreichte die Anzahl der Kinder, die den noch neuen Kindergarten besuchten, einen bis heute nicht mehr erreichten, historischen Höchststand: 102. „Eine unglaubliche Zahl“, findet Silke Bennewitz, die im Augenblick die Verantwortung für 29 Kindergartenkinder und 18 Krippenkinder in zwei Gruppen in Kinderhaus St. Stephan hat. Das Team umfasst insgesamt acht Pädagoginnen – ein ungleich besserer Betreuungsschlüssel als anno dazumal. Bis 1888 sank die Zahl der Kinder allerdings bis auf 40, wodurch „die Hilfeleistung einer zweiten Kindergärtnerin überflüssig wird“, wie es in den Annalen heißt.
Die Jahre des Ersten Weltkriegs beuteln den Trägerverein aufgrund der Inflation dermaßen, dass Geld aus dem Vereinsvermögen zugeschossen werden muss, um den Betrieb überhaupt aufrecht erhalten zu können. 1920 schließlich übernimmt die Stadt den Kindergarten, während der ursprüngliche Kindergartenverein aufgelöst wird. 1927 bestimmt die Stadt einen „Kindergartenpfleger“, der über den desolaten Zustand der Einrichtung des Kindergartens am Alten Schulplatz schrieb, dass er der „armseligste im Stadtgebiet“ sei. Davon ist heute nichts mehr zu sehen – das Kinderhaus verfügt über moderne Räume, einen geschützten Innenhof mit eigenem Spielplatz und Sandkästen. Gut möglich, dass der städtische Kinderpfleger von damals heute geschwärmt hätte.
Während des Zweiten Weltkriegs hieß die Einrichtung nach Berichten einer ehemaligen Erzieherin „NSV-Kindergarten In der Grub“. Das NSV stand für „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ und war Teil der NSDAP, was auf die streng linientreue Führung des Kinderhauses schließen lässt. „Heute betreuen wir Mädchen und Jungen ohne Ansehen von Religion oder Herkunft“, sagt Silke Bennewitz und verweist auf die Kinder ganz unterschiedlicher Nationalitäten, die am Alten Schulplatz Toleranz und Verständigung lernen.
Nach dem Krieg ist die Evangelischen Kirchengemeinde St. Stephan bemüht, schnell wieder einen regulären Kindergartenbetrieb aufzunehmen. Sie übernimmt die Betreuungseinrichtung von der Stadt Lindau. Rasch wächst der Kindergarten unter denkbar schlechten Voraussetzungen des allgemeinen Mangels auf 90 Mädchen und Jungen im Alter von 3 bis 16 Jahren an, die von zwei Kräften betreut werden. Aufzeichnungen von damals schildern, wie ärmlich es zugegangen sein muss: „Zwei spärlich eingerichtete Räume und ein ungepflegter Hof standen zur Verfügung. Ein Raum wurde durch einen großen Kanonenofen mit Holz und Koks beheizt.“
Mit Beginn des Wirtschaftswunders brachen auch im Kindergarten bessere Zeiten an. Doch das Geld bleib auch Anfang der 1960er-Jahre knapp, sodass die Ausstattung mangelhaft bliebt und kreative Lösungen nötig waren: Für sommerlichen Badespaß mussten geborgte Zinkwannen herhalten. Bauklötze wurden aus Schreinerabfall selbst gefertigt und von Kinder abgeschmirgelt, aus Zwetschgenkernen wurden Muggelsteine. Im Rahmen einer Projektwoche probieren die Kindergartenkinder der Gegenwart übrigens aus, wie es sich spielen lässt, wenn moderne Spielsachen nicht zur Verfügung stehen.
1962 wird der Garten umgestaltet und wird unter Beteiligung der Stadtväter zu einem verborgenen grünen Paradies. 1975 bietet das Kinderhaus St. Stephan als einzige Einrichtung in Lindau ein Mittagessen an. 1976 übernimmt der Verein Evangelische Diakonie Lindau den Kindergarten, in dessen Trägerschaft er bis heute ist. Im Zuge dessen wird er als einzige Kindergarten Bayerns Modell-Einrichtung für „Situationsansatz und soziales Lernen“. In den Jahren 2009 und 2010 erfolgt die Generalsanierung am Alten Schulplatz, die den heutigen baulichen Stand des Kinderhauses begründet hat. „Er ist ein überaus lebendiger Ort, an dem engagierte Erzieherinnen jeden Tag zeigen, wie Kinder sich unter guter Betreuung entfalten“,
sagt Anke Franke, die Geschäftsführerin des Trägervereins. Allerdings müsse man immer am Ball bleiben, um gute Bedingungen sicherzustellen – aktuell steht die Neugestaltung der Außenanlage an, für die noch Mittel fehlen. „Es hört nie auf. Umso erfreulicher ist es, dass das Kinderhaus St. Stefan seit langen Jahren seine gesellschaftliche Aufgabe wahrnimmt, ohne dabei rote Zahlen schreiben zu müssen.“
Einladung zum Tag der offenen Tür
Das Kinderhaus St. Stephan feiert den besonderen Geburtstag am Samstag, 6. Juli, ab 14 Uhr mit einem Tag der offenen Tür und erlaubt Einblicke in die pädagogische Arbeit. Wie funktioniert der Alltag heute und damals? Willkommen sind alle Menschen, die sich für die Vergangenheit und Gegenwart der Einrichtung interessieren – insbesondere auch ehemalige Kindergartenkinder, die sehen möchten, was inzwischen aus ihrem Kinderhaus geworden ist. Der Elternbeirat stellt Kaffee und Kuchen bereit.
Um 14.30 Uhr präsentiert die zur Wald- und Naturpädagogin ausgebildete Mitarbeiterin Christine Bienert das Waldprojekt des Kinderhauses, bevor um 15 Uhr der Trommlerzug Lindau-Aeschach den Geburtstag geräuschvoll würdigt. Ab 15.30 Uhr gibt es Gelegenheit, Montessori-Materialien auszuprobieren. Mit dem Stück „Der Geburtstagskuchen“ zeigen die Erzieherinnen um 16 Uhr ihr Talent als Puppenspielerinnen im Kasperltheater.
(Quelle: Evangelischen Diakonie Lindau)