Mariaberg feiert 175-jähriges Jubiläum

Mariaberg feiert 175-jähriges Jubiläum
In mehreren Grußworten wurde die 175-jährige Arbeit der diakonischen Einrichtung Mariaberg e.V. gewürdigt. V.li.n.re.: Bürgermeister Holger Jerg (Gammertingen), Landrätin Stefanie Bürkle, Landesbischof Frank O. July, Regierungsvizepräsident Dr. Utz Remlinger, Vorstand Michael Sachs (Mariaberg e.V.), Oberkirchenrätin Prof. Dr. Annette Noller, Dekan Marcus Keinath (Vereinsvorsitzender Mariaberg e.V.). (Bild: Mariaberg e. V.)
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Redaktion

Festgottesdienst mit Landesbischof Frank O. July und Oberkirchenrätin Prof. Dr. Annette Noller

Gammertingen-Mariaberg – Seit 175 Jahren kümmert sich die diakonische Einrichtung Mariaberg e.V. aus Gammertingen um Menschen mit Behinderung und Benachteiligung. Waren es im Jahr 1847 13 Zöglinge mit denen die Arbeit aufgenommen wurde, kümmert sich die Einrichtung heute mit knapp 1750 Mitarbeitenden um rund 3000 Menschen mit Benachteiligungen in den Landkreisen Sigmaringen, Reutlingen, Zollernalb, Alb-Donau, Biberach, Stuttgart und Ulm. Mit einem Festgottesdienst unter Leitung von Landesbischof Frank Otfried July feierten am vergangenen Sonntag Gäste aus der Region zusammen mit den Mariabergern das runde Jubiläum.

Per Video-Schaltung begrüßte der erkrankte Mariaberger Vorstand Rüdiger Böhm zunächst die Gäste in der Mariaberger Mehrzweckhalle. Zahlreiche Amtsträger aus den umliegenden Landkreisen, mehrere Landräte, Bürgermeister, Dekane sowie Vertreter aus dem öffentlichen und kirchlichen Bereich waren ebenso zu Gast, wie Mitglieder des Vereins Mariaberg e.V., Klienten der Einrichtung und Mitarbeitende.

Sigmaringens Landrätin Stefanie Bürkle, Oberkirchenrätin Prof. Dr. Annette Noller, Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, Regierungsvizepräsident Dr. Utz Remmlinger und Gammertingens Bürgermeister Holger Jerg standen für den Festakt auf der Rednerliste. In seinem Grußwort führte Rüdiger Böhm die Gäste dann durch die wichtigsten Stationen der Einrichtungsgeschichte Mariabergs:

Im Jahr 1841 wurde der praktische Arzt Dr. Carl-Heinrich Rösch von der königlichen württembergischen Regierung beauftragt, im ganzen Lande Erhebungen über die Anzahl von Menschen mit Behinderung durchzuführen. Der König genehmigte im Dezember 1846 die Nutzung des leerstehenden Klostergebäudes in Mariaberg, nebst Kirche und Garten, für die zu errichtende Anstalt und in dem selben Monat wurde Dr. Rösch zum Vorstand gewählt.

Am 01. Mai 1847 wurde die neue Anstalt mit 13 Zöglingen eröffnet und am 06. Mai durch eine gottesdienstliche Feier eingeweiht. Leitziele der „Anstalt Mariaberg“ gab es auch 1847 schon. Die Ziele waren eine sehr gute ärztliche Versorgung der Zöglinge, ein differenziertes Schulsystem, eine qualifizierte Ausbildung der Zöglinge, eine gute wirtschaftliche Führung und eine klare „Unternehmensstrategie“.

Die Entwicklung der Heil- und Pflegeanstalt verlief fachlich, baulich rasant, die Anzahl der Heimbewohner*innen und Mitarbeitenden ist kontinuierlich gestiegen. Doch im Jahr 1940 wurde die positive Entwicklung durch die von Adolf Hitler veranlasste Aktion T4, durch die Euthanasie brutal gestoppt. Von den damals in Mariaberg wohnenden 210 Heimbewohner*innen sollten auf staatliche Anweisung 137 Personen in Grafeneck ermordet werden. Aufgrund intensiver und engagierter Verhandlungen der damaligen der Anstaltsleitung konnten 76 Heimbewohner gerettet werden. Aber 61 Bewohner mussten in den Tod gehen.

Nach dem Krieg entwickelte sich Mariaberg rasch weiter. Neue Gebäude für Bewohnerinnen und Bewohner entstanden, neue Aufgabengebiete auch im Bereich der Ausbildung und Beschulung wurden erschlossen. Die Zahl der Wohnplätze wurde ausgebaut. In verschiedenen fachlichen Bereichen nahm Mariaberg eine Vorreiterrolle ein.

Eine weitere fachliche Entwicklung folgte ab dem Jahr 2004. Die UN Behindertenrechtkonvention, sowie die Verwaltungsstrukturreform des Landes Baden-Württemberg waren dafür mit auslösend. In der Jugendhilfe folgten Aufbau und Ausbau von mobilen, ambulanten und stationären Angeboten. Die Regionalisierung von stationären Wohn- und Arbeitsangeboten in die Region, in die Landkreise forderte die Eingliederungshilfe. Die Differenzierung und Regionalisierung der Angebote der Kinder- und Jugendpsychiatrie waren eine weitere Konsequenz.

Zum 175-jährigen Bestehen Mariabergs sind in der Einrichtung rund 1.750 hauptamtlichen Mitarbeitenden beschäftigt, die sich in 7 Landkreisen um knapp 3.000 Menschen mit Benachteiligung kümmern.      

Der anschließende Gottesdienst wurde von Mariabergs Vereinsvorsitzendem Dekan Marcus Keinath eröffnet, für die musikalische Begleitung sorgte „Die Bläserei“. Die Festpredigt von Landesbischof July befasste sich mit dem christlichen Menschenbild, das auch zentraler Bestandteil des Mariaberger Unternehmensleitbildes ist: „Gott hat jeden Menschen gemacht. Alle Menschen sind gleich und gleich viel Wert. Dies zeigt sich in der Arbeit Mariabergs. Hier wird jeder Mensch so angenommen wie er ist.“

Im Anschluss an den Festgottesdienst moderierte Mariabergs Vorstand Michael Sachs die verschiedenen Grußwortbeiträge. Regierungsvizepräsident Dr. Remlinger lobte die Arbeit Mariabergs als „fachlich wegweisend für die Betreuung von Menschen mit Behinderung. Mariaberg zeigt, wie man für Offenheit und ein Miteinander einsteht“.

Auch Landrätin Bürkle fand nur positive Worte für den Einsatz Mariabergs in der Region: „Generationen von Menschen haben hier ihre Arbeitskraft und ihr Engagement eingesetzt, damit Menschen mit Behinderung an der Gesellschaft teilhaben können. Unternehmerische Weitsicht, fundierte Konzepte und tiefer Glaube prägen die Arbeit der beiden Vorstände und haben Mariaberg vorangebracht. Mariaberg ist ein Ort der Vielfalt, des Respekts, der Wärme – kurz, ein Ort der Menschlichkeit.“

Auch Oberkirchenrätin Annette Noller verwies darauf, wie wertschätzend in Mariaberg mit Menschen mit Benachteiligung umgegangen wird. „Die Würde des Einzelnen wird hier geschätzt und zur Grundlage der Arbeit gemacht. Mit fachlich innovativen Konzepten wie beispielsweise der Frühförderung war und ist Mariaberg wegweisend in der Behindertenhilfe. Auch dass Mariaberg das Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten Menschen mit Behinderung hochhält, ist nicht selbstverständlich. Die Erinnerungsarbeit die hier geleistet wird, die Gedenkausstellung im Klostergebäude sind wichtig für unsere Gesellschaft.“

Mit einer 1,75 kg schweren Tüte mit Blumensamen beschenkte Gammertingens Bürgermeister Holger Jerg die Einrichtung und den Stadtteil Mariaberg. „Hiermit können Sie, passend zu 175 Jahren bunter, vielfältiger und blühender Arbeit, nun 175 qm Wiese in eine blühende und bunte Landschaft verwandeln.“

Mit einem anschließenden kleinen Empfang bedankte sich Mariaberg bei seinen Gästen. Für das restliche Jubiläumsjahr sind keine weiteren besonderen Festlichkeiten mehr geplant. „Wir wollten unser Jubiläum in aller Bescheidenheit feiern. Das erscheint uns unserer Arbeit und den aktuellen Gegebenheiten des Zeitgeschehens angemessen“, so Michael Sachs beim Abschluss der Veranstaltung. „Wir freuen uns aber darauf, nach zwei Jahren Abstinenz, am 03. Juli wieder unser traditionelles Familienfest ‚Mariaberger Tag‘ feiern zu können, zu dem alle Menschen in der Region schon jetzt herzlich eingeladen sind.“

(Pressemitteilung: Mariaberg e. V.)