Glosse: Im Stich gelassen

Glosse: Im Stich gelassen
Mike Jörg, seit 1994 bekannt für seinen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“ (Bild: PR/Mike Jörg)
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Redaktion

Der oberschwäbische Kabarett-Grandseigneurs Mike Jörg aus Weingarten heitert uns alle jede Woche ein bisschen auf und kitzelt digital unsere Lachmuskeln. Seit 1994 ist er bekannt für seinen satirischen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“. Aus bekannten Gründen mussten alle Termine für seine treffsicheren Sticheleien in der ganzen Region ausfallen. Nicht aber bei uns. Lassen Sie sich jede Woche überraschen, was sich Mike Jörg überlegt hat und wo er den Finger in die Wunde hält. Viel Spaß!

Der Sommer will nicht mehr richtig. Auch die Mücken sind des Stechens müde. Wespen sind mit ihrem Ableben beschäftigt. Die Tage werden kürzer. Bei vielen sind die Tage gezählt. Auch viele von uns fühlen sich im Stich gelassen, nicht von den Bienen, Wespen und Bremsen, eher von der Politik: Pandemie, Sturzflut-Katastrophe, Afghanistan.

Wir sitzen vor der Glotze und leiden. Deshalb frage ich ohne Ironie:

Was bedeutet eigentlich „im Stich“ lassen?

Um das zu erahnen, müssen wir uns ins Raunen der Vergangenheit zurückfallen lassen, in die Zeit der Ritterturniere. Wenn bei solch einem Turnier ein Ritter von seinem Pferd gestoßen wurde, musste ihm sein Knappe wieder ganz schnell aufs Pferd helfen. War der Knappe nicht schnell genug zur Stelle,  wurde es für den gefallenen Ritter lebensgefährlich. Oft wurde er vom gegnerischen Ritter gestochen oder gar erstochen. Und wer war schuld? Natürlich sein Knappe, sein Stalljunge, sein Knecht: Er hatte seinen Herrn  „im Stich gelassen“ Der Versager, das war nicht der Herr; das war der Knecht, der Proletarier.  

Und heute fühlen sich plötzlich die Knechte, fühlt sich plötzlich das Fußvolk im Stich gelassen. Hallo!

Seit wann hat der Stalljunge das Recht, sich im Stich gelassen zu fühlen?

Vor 500 Jahren war klar geregelt, wer die Sieger und die Verlierer sind – und das ist heute nicht anders. Das ist halt so. Das ist bei der Pandemie so; das ist bei der Sturzflut-Katastrophe so; das ist in Afghanistan so. Die Ortskräfte, das sind die Knappen von einst. Deren Aufgabe ist es, zu helfen, dass der Herr wieder aufs Pferd kommt, sprich: ins Flugzeug. Das taten auch die Knechte des früheren afghanische Präsidenten, Aschraf Ghani. Sie stopften ihn – samt 169 Millionen Dollar – in einen Hubschrauber. Der Präsident hat alles verloren, musste seine 6000 Bücher zurück lassen, und hatte nicht mal Zeit, sich seine Stiefel anzuziehen. Dabei wollte er den Taliban die Stirn bieten. Einen Tag vor seinem Abflug sagte er der Weltöffentlichkeit, er sei bereit „bis in den Tod zu kämpfen“.

Nur: wie soll der tapfere Ritter ohne seine Stiefel kämpfen.

Das ist ein klarer Fall von jämmerlich „im Stich gelassen“. Diese Knappen, Knechte, Versager! Haben ihren Ritter in einen Hubschrauber gequetscht, aber seine Ritterstiefel, die haben sie vergessen. Ungeheuerlich! Dafür müssen sie bestraft werden.

Wobei es sein könnte, dass die Taliban das schon erledigt haben.