Wo die Nachfolge fehlt Die Box auf der Küchenanrichte: Frank Rahlf, DARIA US und die Frage, wer Deutschlands Betriebe übernimmt

Die Box auf der Küchenanrichte: Frank Rahlf, DARIA US und die Frage, wer Deutschlands Betriebe übernimmt
Schülerfirmen lassen Jugendliche ein eigenes Produkt entwickeln und verkaufen. (Symbolbild: KI-generiert)
WOCHENBLATT
WOCHENBLATT

An einem Morgen Anfang August liegt in einem Haus in Cape Coral, Florida, eine schlichte Kiste auf der Küchenanrichte. Zwölf Jugendliche zwischen vierzehn und achtzehn legen ihre Handys hinein, bevor irgendjemand ein Wort sagt.

Nur wer an diesem Tag die Gruppe anführt, darf seins behalten. Alle anderen sehen ihr Gerät erst am Abend wieder, und niemand protestiert, obwohl das in den meisten Familien einen mittleren Aufstand auslösen würde. Ein kleines Ritual also, fast beiläufig. Und doch steckt darin eine Frage, die weit über Cape Coral hinausreicht: Wer soll eigentlich die Betriebe übernehmen, die in Deutschland in den kommenden Jahren ohne Nachfolger dastehen? Das Unternehmen hinter diesem Sommerprogramm, DARIA US, ein deutsch geprägter Immobilien- und Community Betrieb mit Sitz in Cape Coral, hat sich genau diese Frage gestellt.

Viel Wille, wenig Gründung

Zunächst lohnt ein Blick auf die nackten Zahlen, denn die zeichnen ein eigenartiges Bild. Deutschland gründet wieder ein bisschen mehr. 2024 zählte die KfW 585.000 Existenzgründungen, ein Plus von 17.000 gegenüber dem Vorjahr, was einer Gründungsintensität von 115 Existenzgründungen je 10.000 Erwerbsfähigen entspricht, nach 110 im Jahr zuvor. Klingt erst einmal gut, fast schon nach einer kleinen Trendwende.

Schaut man genauer hin, bröckelt der Optimismus allerdings schnell. Die Zahl der Vollerwerbsgründungen, also der Menschen, die ihr Unternehmen wirklich zur Hauptsache machen und nicht nur nebenbei etwas ausprobieren, sank sogar leicht auf 203.000. Der gesamte Zuwachs kam damit fast ausschließlich aus dem Nebenerwerb. Man könnte auch sagen: Viele probieren vorsichtig aus, kaum jemand springt wirklich.

Dabei fehlt es den Jüngeren nicht an Mut, zumindest nicht auf dem Papier. 36 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gaben an, lieber selbstständig als angestellt arbeiten zu wollen, ein Wert, von dem ältere Jahrgänge nur träumen können. Zwischen diesem Wunsch und dem tatsächlichen Schritt liegt trotzdem eine breite Kluft, fast wie ein Fluss ohne Brücke: Das Wasser lockt, aber kaum jemand traut sich hinein.

Wo die Nachfolge fehlt

Am anderen Ende des Unternehmerlebens wird die Lage noch ungemütlicher, und zwar deutlich. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag meldete für 2025 einen traurigen Rekord. Rund 9.600 übergabebereiten Betrieben stehen nur etwa 4.000 Übernahmeinteressierte gegenüber. Mehr als 5.620 Unternehmen finden dadurch überhaupt keinen Nachfolger, und seit 2019 hat sich diese Lücke nahezu verdoppelt. Hochgerechnet könnten in den kommenden zehn Jahren bis zu 250.000 Betriebe betroffen sein.

Das ist eine Zahl, bei der man kurz innehalten muss. Hinter ihr stehen keine abstrakten Statistiken, sondern der Bäcker um die Ecke, die Werkstatt, in der man seit Jahren sein Auto reparieren lässt, der Handwerksbetrieb, den der Vater aufgebaut hat und den der Sohn eigentlich nie übernehmen wollte. Wenn niemand übernimmt, macht der Betrieb am Ende einfach zu, ganz nüchtern, ohne großes Aufsehen.

Es fehlt nicht das Wissen, es fehlt das Zutrauen

Warum klaffen Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinander? Wer mit Ökonomen spricht, hört selten das Wort Wissen. Häufiger fällt ein anderes: Zutrauen. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, hat es so zusammengefasst: „Mehr Zutrauen bei finanziellen Themen erhöht die Wahrscheinlichkeit zu gründen.“ Das klingt zunächst banal, trifft aber einen wunden Punkt. Schule vermittelt in Deutschland vor allem Wissen, Vokabeln, Formeln, Jahreszahlen.
Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, selbst etwas bewegen zu können, bleibt dabei meist reine Glückssache. Wer im Unterricht vor allem lernt, Fehler zu vermeiden, lernt kaum, ein Risiko einzugehen. Gründen aber ist im Kern nichts anderes als ein kalkuliertes Risiko, und wer nie geübt hat, eines einzugehen, wird es sich später kaum plötzlich zutrauen.

Der Bedarf wäre jedenfalls da. 87 Prozent der 14- bis 24-Jährigen wünschen sich laut einer OECD- Erhebung, in der Schule mehr über den Umgang mit Geld zu lernen, 73 Prozent mehr über Anlagemöglichkeiten. Die Bundesregierung hat unternehmerische Bildung inzwischen als Ziel in den Koalitionsvertrag geschrieben. Bis daraus ein Lehrplan wird, dürfte allerdings noch etwas Zeit vergehen. Absichtserklärungen sind schließlich noch kein Stundenplan.

Wo der Staat zögert

Genau in diese Lücke stoßen seit Jahren einzelne Initiativen. Schülerfirmen lassen Jugendliche ein eigenes Produkt entwickeln und verkaufen. Das JUNIOR Programm des Instituts der deutschen Wirtschaft bringt Schülern ein Geschäftsjahr im Kleinen bei. Wettbewerbe wie Jugend gründet zielen in dieselbe Richtung. Alles gute Ansätze, alle mit demselben Problem: Sie hängen am Einsatz einzelner Lehrkräfte und Vereine, nicht an einer verbindlichen Struktur, die für alle gilt. Wer zufällig an der falschen Schule sitzt oder in der falschen Region wohnt, geht schlicht leer aus.

Eine Woche in Cape Coral

Und dann eben DARIA US. Mitgründer Frank Rahlf hat mit der Young Manager Academy ein Format geschaffen, das auf den ersten Blick wenig mit klassischer Wirtschaftsbildung zu tun hat und im Kern doch genau davon handelt. Einmal im Jahr, in der einzigen Woche, in der bundesweit alle Bundesländer gleichzeitig Ferien haben, holt das Unternehmen zwölf Jugendliche aus Mitgliedsfamilien nach Cape Coral. Über die Teilnahme entscheidet nicht die Leistung, sondern das Los, sobald mehr Anmeldungen kommen als Plätze da sind. Koordinatorin Jennifer Hagermeister begründet das nüchtern damit, dass Bedingungen genau denjenigen die Chance nehmen würden, die sie am nötigsten brauchen.

Was in dieser Woche passiert, klingt zunächst simpel, entfaltet sich aber Stück für Stück. Die Achtzehnjährigen übernehmen schon am Frankfurter Gate die Verantwortung für die gesamte Gruppe, lange bevor überhaupt ein Erwachsener eingreifen müsste. An einem Tag kochen alle gemeinsam ein Drei Gänge Menü für Führungskräfte des Unternehmens. Wer mit dem Sparschäler kämpft, tauscht die Aufgabe von sich aus mit jemandem, der besser schneiden kann.
Niemand muss das anordnen, erzählt Hagermeister, es passiert einfach, weil die Gruppe selbst merkt, wo die Stärken liegen. Am letzten Abend, in einem Restaurant, legen die Jugendlichen ihre Handys von sich aus in die Mitte des Tisches, weil einer bemerkt, dass alle nur noch aufs Display starren. Zu Beginn der Woche brauchte es dafür noch die Kiste auf der Küchenanrichte. Am Ende der Woche tun sie es selbst, ohne dass es jemand vorschlagen musste.

Impuls, kein Lehrplan

Man sollte diese eine Woche allerdings nicht überschätzen. Die Forschung zur unternehmerischen Bildung ist sich ziemlich einig darin, dass Selbstwirksamkeit über Jahre wächst und nicht über sieben Tage am Golf von Mexiko. Ein Sommercamp ersetzt keinen Lehrplan. Das Angebot erreicht bislang zudem nur eine überschaubare, ausgewählte Gruppe von Kindern aus dem Umfeld des Unternehmens, nicht die breite Masse der Jugendlichen, die eigentlich profitieren könnte. Trotzdem wirft das Format eine unbequeme Frage auf. Wenn Schule Verantwortung kaum vermittelt und der Staat gerade erst an einer Strategie schreibt, wer springt dann ein? Dass ausgerechnet ein Immobilienunternehmen aus Florida versucht, diese Lücke zu füllen, sagt womöglich weniger über DARIA US aus als über das System, das die Lücke überhaupt erst offenlässt.