Rund 30 Interviews sind bereits für das Zeitzeugenarchiv des Landkreises Sigmaringen entstanden. Ende 2026 sollen die ersten Gespräche veröffentlicht werden.
Den Auftakt des Projekts bilden Erinnerungen an die NS-Zeit, das Kriegsende und die Besatzungszeit. Das erste Interview fand im Dezember 2025 statt. Seither kamen in verschiedenen Städten und Gemeinden des Landkreises weitere Gespräche hinzu, weitere sind bereits vereinbart.
Mit dem Zeitzeugenarchiv ergänzt das Kreisarchiv Sigmaringen seine bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Bestände. Dazu gehören Behördenakten, Personennachlässe, Themensammlungen, Bildmaterial, Presseüberlieferungen und weitere Quellen zur Geschichte des heutigen Landkreises.
Persönliche Erinnerungen werden aufgezeichnet
Grundlage des Projekts sind die Methoden der Oral History. Dabei werden persönliche Erlebnisse und Erfahrungen aus der Geschichte mündlich erfragt und aufgezeichnet.
„Die Zeitzeugenerzählungen bringen Leben und Farbe in die Geschichtsschreibung – geht es in den Schilderungen der Zeitzeugen doch um das individuelle Betroffensein der kleinen Leute von den Ereignissen der Weltgeschichte“, erläutert Vera Hollfelder, Leiterin der Stabsstelle Kultur und Archiv beim Landratsamt Sigmaringen.
Die Interviews werden im Kreisarchiv gespeichert, transkribiert und nach einer inhaltlichen und rechtlichen Überprüfung für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen entscheiden mit ihrer Einverständniserklärung selbst, für welche Zwecke das Material verwendet werden darf. Sie können unter anderem festlegen, ob es nur auf Anfrage im Archiv eingesehen oder auch ins Internet gestellt werden darf.
Sofern die Beteiligten zustimmen, können Nutzerinnen und Nutzer über die Rechercheplattform „Findbuch.Net“ online im Bestand recherchieren sowie Verzeichnungsdaten und die Digitalisate einsehen.
Rund 20 Ehrenamtliche führen Interviews
Nach einer Planungs- und Vorbereitungsphase fanden mehrere Treffen mit den Interviewerinnen und Interviewern statt, bei denen inhaltliche und rechtliche Fragen geklärt wurden. Inzwischen kann das Kreisarchiv auf einen festen Kreis von etwa 20 Personen zurückgreifen, von denen einige bereits mehrere Interviews geführt haben.
Eine besondere Herausforderung ist das hohe Alter der Menschen, die über den ersten Zeitabschnitt berichten. Die meisten sind zwischen 87 und 95 Jahre alt, einige knapp 100. Auch eine über Hundertjährige des Jahrgangs 1924 gehört dazu.
„Dass die Interviews zustande gekommen sind, ist den ehrenamtlichen Interviewerinnen und Interviewern zu verdanken, die in ihren jeweiligen Gemeinden Kontakte zu Zeitzeugen hergestellt und die Gespräche vertrauensvoll geführt haben“, sagt Hollfelder. Das Kreisarchiv unterstützt die Ehrenamtlichen bei besonders herausfordernden Situationen und steht ihnen bei Bedarf zur Seite.
Nächste Epoche bereits in Vorbereitung
Das gesamte Projekt ist in mehrere aufeinanderfolgende Epochen gegliedert. Es reicht von der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg über die Nachkriegszeit, das „Wirtschaftswunder“ der 1950er-Jahre und die Aufbruchstimmung der 1960er- und 1970er-Jahre bis zur Jahrtausendwende mit der einsetzenden Globalisierung und Digitalisierung. Damit soll das Archiv Zeiträume bis in die jüngste Vergangenheit und Gegenwart umfassen.
Derzeit wird die nächste Etappe mit den beiden Nachkriegsjahrzehnten der 1950er- und 1960er-Jahre vorbereitet. Vorgesehene Themen sind der Wiederaufbau, das „Wirtschaftswunder“, die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen sowie Siedlungsbau und Alltagskultur.
Dafür wird ein weiterer Interviewleitfaden erarbeitet, aus dessen Fragen die Interviewerinnen und Interviewer passende Punkte für ihre jeweiligen Gesprächspartner auswählen können. Im Spätherbst ist ein Treffen mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorgesehen, um Organisation und Durchführung der zweiten Etappe zu besprechen.
Bürger können beim Zeitzeugenarchiv mitwirken
„Der Aufbau des Zeitzeugenarchivs ist ein dynamischer Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum erstrecken wird“, sagt Hollfelder. Mitwirken können Bürgerinnen und Bürger des Landkreises als Zeitzeugen, Interviewer, Leihgeber von Dokumenten oder Mitarbeiter – je nach persönlichem Interesse und zeitlicher Kapazität.
Ansprechpartnerin für Fragen, Anregungen und Tipps ist die projektverantwortliche Mitarbeiterin Doris Muth vom Kreisarchiv. Interessierte, mögliche Mitwirkende sowie Menschen, die jemanden als Zeitzeugen für den ersten oder zweiten Zeitabschnitt kennen, erreichen sie unter der Telefonnummer 07571 102-1146 oder per E-Mail an [email protected].
(Quelle: Landkreis Sigmaringen)